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Der zweite Reiter

Ein Fall für August Emmerich - Kriminalroman

von Alex Beer

E-Book (EPUB)
416 Seiten
Sprache Deutsch
2017 Limes
ISBN 978-3-641-19292-1
KNV-Titelnr.: 61472208

Kurztext / Annotation

Er ist dem Grauen der Schlachtfelder entkommen, doch in den dunklen Gassen Wiens holt ihn das Böse ein ...
Wien, kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs: Der Glanz der ehemaligen Weltmetropole ist Vergangenheit, die Stadt versinkt in Hunger und Elend. Polizeiagent August Emmerich, den ein Granatsplitter zum Invaliden gemacht hat, entdeckt die Leiche eines angeblichen Selbstmörders. Als erfahrener Ermittler traut er der Sache nicht über den Weg. Da er keine Beweise vorlegen kann und sein Vorgesetzter nicht an einen Mord glaubt, stellen er und sein junger Assistent selbst Nachforschungen an. Eine packende Jagd durch ein düsteres, von Nachkriegswehen geplagtes Wien beginnt, und bald schwebt Emmerich selbst in tödlicher Gefahr...

Alex Beer, geboren in Bregenz, hat Archäologie studiert und lebt in Wien. Nach "Der zweite Reiter", ausgezeichnet mit dem Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur, "Die rote Frau", nominiert für den Friedrich Glauser Preis 2019 und "Der dunkle Bote" erscheint im Mai 2020 der vierte, von den Fans lang erwartete Roman um August Emmerich. Neben dem Wiener Kriminalinspektor hat Alex Beer mit Isaak Rubinstein eine weitere faszinierende Figur erschaffen, die während des Zweiten Weltkriegs in Nürnberg ermittelt. Um es mit den Worten der Jury des Leo-Perutz-Preises zu sagen: "Was Alex Beer erzählt, betrifft auch die heutige Zeit, aber wie sie erzählt, lässt die ferne Vergangenheit lebendig werden."

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Textauszug


2

Rayonsinspektor August Emmerich saß in der Tramway, die von der Wiener Innenstadt in Richtung Hütteldorf fuhr, zog seine Schiebermütze ins Gesicht, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. Er war müde - kein Wunder, immerhin war es schon spät, und er hatte in der vergangenen Nacht kaum ein Auge zugetan. Die Kinder seiner Lebensgefährtin Luise, die ihren Mann an den Krieg verloren hatte, waren jetzt, da es kaum gelang, die Wohnung ausreichend zu heizen, ständig krank. Sie husteten sich die Lunge aus dem Leib und weinten viel. Drei kleine Menschlein, die sich eine schlechte Zeit ausgesucht hatten, um geboren zu werden. Andererseits: Gab es je eine gute Zeit dafür?

Er erlaubte seinen schweren Lidern, sich kurz zu senken, und genoss die angenehme Temperatur. Seit Kurzem war es möglich, die Straßenbahnen durch Strom aus den Oberleitungen zu beheizen, und der Schaffner meinte es an diesem Tag besonders gut. Wahrscheinlich wusste er, dass auf die Mehrzahl der Fahrgäste ein kaltes Bett in einer kalten Wohnung wartete. Kohle war rar und Einfeuern ein Luxus, den nur die wenigsten sich leisten konnten. Umso willkommener war diese kurze, warme Auszeit.

Emmerich gähnte und lehnte seinen Kopf gegen die Fensterscheibe, hinter der gerade das Casino Baumgarten vorbeizog, das mit seiner prunkvollen Fassade an bessere Zeiten erinnerte. Was die heutige Nacht wohl noch für Überraschungen bereithielt? Er warf einen Blick auf Veit Kolja, den Mann, dem er seit mehr als drei Monaten auf der Spur war und der jetzt zwei Reihen vor ihm saß - es würde einzig und allein von ihm, Inspektor Emmerich, abhängen, ob dem Ganoven endlich das Handwerk gelegt werden konnte, und es sah gut aus. Kolja hatte nämlich einen großen Jutesack auf dem Schoß liegen, und Emmerich hoffte, dass er zu einem seiner Lager fuhr.

Lebensmittel, Kleidung und Medikamente waren knapp, und Kolja war einer von denen, die aus der Not der Menschen Profit schlugen. Er war der Anführer eines Schleichhändlerrings, der an geheimen Orten Vorräte bunkerte und diese gegen Gold, Schmuck und andere Wertgegenstände tauschte.

Wenn diese Zeit der Not und Entbehrungen endlich zu Ende war, würde Kolja unsäglich reich sein oder aber, wenn es nach Emmerich ging, im Gefängnis sitzen. Im hintersten, dunkelsten, feuchtesten Loch. Für immer. Denn was gab es Schäbigeres, als sich an Leid und Elend zu bereichern?

In den vergangenen Wochen hatte er alles darangesetzt, Kolja und seine Männer dingfest zu machen. Er hatte sie verfolgt und observiert, sich bei Regen und Kälte die Beine in den Bauch gestanden, sogar den einen oder anderen Informanten geschmiert. Es war mühsam und anstrengend gewesen, doch es hatte sich rentiert. Er war ganz nah dran. Das spürte er. Die Sprengung des Schleichhändlerrings und die Verhaftung der Verantwortlichen standen kurz bevor und damit auch seine Beförderung ... Wenn nicht irgendetwas den Fall in letzter Minute vermasselte. Oder besser gesagt, irgendjemand.

Denn sein neuer Vorgesetzter, Abteilungsinspektor Leo pold Sander, ein ehemaliger hochdekorierter Offizier der K.-u.-k.-Armee, der viel Ahnung von Kriegsführung, aber keinen blassen Schimmer von Polizeiarbeit hatte, war auf die glorreiche Idee gekommen, ihm einen Assistenten beizustellen - Ferdinand Winter, einen Neuling, der seine Ausbildung gerade beendet hatte und mehr Bürde denn Entlastung darstellte.

Winter, der neben ihm saß, wie er selbst natürlich in Zivil, brachte mit seiner puren Anwesenheit alles in Gefahr. Er verbreitete eine Aura der Nervosität. Seine Beine zappelten, und seine Finger tippten auf das Holz der Sitzbank, als w ollte er einen wirren Morsecode hinaus in die Nacht schicken. Das lenkte die Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste auf ihn. Die meisten von ihnen waren Fabrikarbeiter, die sich nach einer langen und kräftezehrenden Schicht auf dem Heimweg befanden. Ein derartiges Übermaß an Energie,