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Alpensolo

Allein zu Fuß von Ost nach West

von Ana Zirner

E-Book (EPUB)
256 Seiten
Sprache Deutsch
2018 Piper ebooks
ISBN 978-3-492-99192-6
KNV-Titelnr.: 70669210

Kurztext / Annotation

Sechzig Tage und Nächte unter freiem Himmel

Berge bedeuten für Ana Zirner Freiheit. Doch der engagierten Regisseurin bleibt zu selten Zeit für ihre Passion. Deshalb beschließt sie, allen Ballast abzustreifen und allein von Ost nach West die Alpen zu überqueren. Nur mit einem 35-Liter-Rucksack bepackt, begibt sie sich auf ihre selbst gelegte Route: knapp 2000 Kilometer vom slowenischen Ljubljana über Österreich, Italien und die Schweiz bis ins französische Grenoble. Packend und mit starker Stimme erzählt sie vom Glück, unter dem Sternenhimmel zu biwakieren. Wie sie beim Bergsteigen ihr Bewusstsein schärft und der Natur mit Respekt begegnet. Dass ihr die Berge in ihrer ruhenden Weisheit einen Platz zuweisen. Und was sie von den Menschen, die dort wohnen, über Mitgefühl und Demut lernt.

Ana Zirner, Jahrgang 1983, ist freiberufliche Autorin, Kulturmanagerin, Film- und Theaterregisseurin und war u.a. in New York, Madrid und Berlin tätig. Aufgewachsen im Bayerischen Voralpenland, zieht es sie jedoch immer wieder in die Berge zurück, wo sie leidenschaftlich gern Mehrtages- und Gipfeltouren unternimmt, klettern geht sowie ausgedehnte Ausflüge mit dem Splitboard absolviert. Über ihre Alpenüberquerung von Ost nach West im Sommer 2017 bloggte sie auf ihrer Webseite. Derzeit lebt sie in München.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Textauszug


HELLER STEIN, GROSSE HITZE, FLIRRENDES LICHT

Auf der Suche nach meinem Rhythmus im Kalkstein der Julier

In mir hüpft alles. Und obwohl ich heute noch keinen Kaffee getrunken habe, bin ich bereits hellwach. Das liegt an dem kalten Wasser des Bergsees, in dem ich bei Sonnenaufgang untergetaucht bin. Aber auch an diesem einen Satz, der wieder und wieder meine Magengrube kitzelt: "Es geht los." Endlich! Doch als ich mich umschaue, wird mir klar: Es ist schon losgegangen. Ich bin längst mittendrin, und es liegen zwei strahlende und spannende Monate vor mir.

Ich stehe in einer knorrigen koca (Hütte) im Sieben-Seen-Tal des slowenischen Triglav-Nationalparks - unweit meines Schlafplatzes, den ich gerade erst verlassen habe. Die Stimmung ist noch müde, die Belegschaft lässt sich von den vielen Leuten, die in einer Schlange auf ihren Kaffee warten, nicht stressen. Vor mir drei französische Pfadfindermädchen, die ihr Kleingeld zählen und sich dann doch nur einen Tee leisten. Hinter mir zwei ältere Österreicher, anscheinend Kletterer, die etwas muffelig und ungeduldig wirken und sich hier offenbar fehl am Platz fühlen. Draußen vor der Hütte ein wunderschöner Morgen, rosa und frisch. Meine Aufregung legt sich langsam, und ich atme tief ein und aus.

Trotzdem. Erst mal brauche ich einen Kaffee. Wie wird es mir in den nächsten zwei Monaten wohl ohne meine tägliche Dosis Koffein am Morgen ergehen? Werde ich mich daran gewöhnen? Hätte ich doch die kleine Kaffeemaschine mitnehmen sollen? Wie viele Gramm zusätzlich wären das noch mal gewesen? Ach, egal. Ich trinke eben immer dann Kaffee, wenn ich an einer Hütte vorbeikomme. Schließlich sind das hier die Alpen, und da gibt es überall Hütten. So wie hier: Es fängt also gut an. Ich nehme freudig die dampfende Tasse entgegen und setze mich draußen auf die Terrasse. Es ist noch früh, aber viele Wanderer brechen schon auf. Bin ich spät dran? Hätte ich vielleicht noch früher aufstehen sollen? Ich will mich beeilen, trinke schnell einen Schluck und verbrenne mir die Zunge. Also pusten, warten und pusten. Dabei schaue ich hinüber zum See, über dem ein feiner Nebelschleier hängt, der sich ganz sachte bewegt. Der Nebel hat Zeit. Der See ruht. Beide brauchen keinen Kaffee. Ich beneide sie um ihre Ausgeglichenheit.

Vor einem halben Jahr kam mir zum ersten Mal die Idee, diese Tour zu machen. Ich wusste, dass ich im Sommer beruflich eine Pause einlegen würde, und auch, dass ich endlich mal wieder länger in die Berge wollte. Zu Hause an meiner Wand hing eine große Alpenkarte. Nach einem frustrierenden Arbeitstag schaute ich lange auf diese Karte und stellte mir vor, wo ich jetzt überall sein könnte. Mit Pins markierte ich schließlich die Bergregionen, in die ich schon immer mal wollte. Es war ein klassischer Anfall von Fernweh oder der Versuch, ebendieses zu beruhigen. Als ich am nächsten Morgen vor den Pins stand, entdeckte ich, dass sie eine Linie bildeten. Von Ost nach West. Mir wurde recht schnell klar: Das mache ich. Ich verbinde die Punkte miteinander und gehe das alles zu Fuß.

Seit diesem Tag im Februar habe ich Bücher und Tourenbeschreibungen gewälzt, mir Karten geliehen und studiert und nach und nach mithilfe eines GPS -Programms meine Route gelegt. Von Punkt zu Punkt konnte ich feststellen, wie viele Höhenmeter, Kilometer und daraus errechnete Stunden ich jeweils einplanen musste. Da ich gern draußen schlafe, ohne Zelt, einfach unter freiem Himmel, suchte ich außerdem nach möglichen Schlafplätzen, wobei ich immer darauf achtete, dass Wasser in der Nähe war. Soweit das aus der Karte ersichtlich war, wählte ich flache Plätze aus, die Schutz vor Wind boten und bei denen es vielleicht sogar einen Unterstand oder eine Biwakhütte in der Nähe gab.

Da es neun Pins waren, die jeweils eine Region bezeichneten, und weil mir die Zahl Neun einfach sehr gut gefällt, habe ich die Tour in neun Etappen unterteilt. Zudem fand i