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Honigduft und Meeresbrise

von Anne Barns

E-Book (EPUB)
304 Seiten
Sprache Deutsch
2019 MIRA Taschenbuch
ISBN 978-3-7457-5004-1
KNV-Titelnr.: 73493220

Kurztext / Annotation

"Anne Barns schenkt ihrer Lesergemeinde mit "Honigduft und Meeresbrise" ein neues mitreißendes, spannungsgeladenes Buch." Land & Meer

Geliebte Martha, von dir zu lesen, gibt mir unendlich viel Kraft! – So beginnt der Brief, den Anna in Händen hält. Die mit Tinte auf vergilbtem Papier geschriebenen Buchstaben sind noch immer gut sichtbar. Trotzdem fällt es Anna schwer, die geschwungene Schrift zu entziffern. Nur am Datum gibt es keine Zweifel: Dezember 1941. Vor fast achtzig Jahren wurde dieser Brief an ihre Urgroßmutter adressiert, und doch hat Anna ihn eben erst gemeinsam mit ihrer Oma geöffnet. Eigentlich will sie mit ihrem Besuch bei Oma den Verlust ihrer besten Freundin verarbeiten, die bei einem Unfall ums Leben kam. Aber dann führt der Brief Anna schließlich nach Ahrenshoop, wo sie hofft, Antworten zu finden ...

"Anne Barns erzählt von Freundschaft, die Stürme überdauert, und von Geheimnissen, die gelüftet werden müssen, um zurück zu einem erfüllten Leben zu finden." Nordsee-Zeitung zu "Apfelkuchen am Meer"
"Gefühlvoll und Mitreißend." Cellesche Zeitung zu "Drei Schwestern am Meer"

Anne Barns ist ein Pseudonym der Autorin Andrea Russo. Sie hat vor einigen Jahren ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben, um sich ganz auf ihre Bücher konzentrieren zu können. Sie liebt Lesen, Kuchen und das Meer. Zum Schreiben zieht sie sich am liebsten auf eine Insel zurück, wenn möglich in die Nähe einer guten Bäckerei.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Textauszug

1. Kapitel

Schon als Kind war ich fasziniert von Omas Bienen. Ich konnte mich stundenlang im Schneidersitz vor die Bienenstöcke setzen, um die Fluglöcher zu beobachten. Oder ich habe mich lang auf der Wiese ausgestreckt und einfach nur zugehört. Auch heute noch freue ich mich darauf, etwas Zeit in ihrer Nähe zu verbringen, wenn ich meine Oma besuche.

Ich drücke das Gartentor auf und gehe den Weg hinunter bis zur hohen schmalen Tanne. Ein paar Meter neben mir stehen vier Bienenvölker auf der Wiese. Das Summen der kleinen fleißigen Tierchen klingt höher als sonst. Ihre Flügel schlagen schneller, sie sind aufgeregt.

"Na, meine Schönen", sage ich. "Sucht ihr euren Honig?"

Mein Blick schweift zum Schleuderhäuschen, das Opa für Oma aus der Garage gebaut hat, nachdem er seinen Führerschein abgegeben hatte.

"Endlich bekommt deine Großmutter ihren Platz nur für sich und ihre Immen", hat Opa damals lächelnd zu mir gesagt. Die Honigernte und Omas seligen Blick beim Schleudern der Waben hat Opa nur ein einziges Mal miterleben dürfen. Denn kurz nach der Fertigstellung des schnuckeligen Backsteinbaus stellten sich Opas Magenschmerzen als Karzinom heraus. Er starb ein knappes Jahr später - drei Wochen nachdem auch Mona, meine beste Freundin, uns völlig überraschend für immer verlassen hatte.

Manchmal ist das Leben ein Arschloch, denke ich und gehe weiter.

Die Tür des Schleuderhäuschens steht einen Spaltbreit offen. Der süße und schwere Duft von Honig strömt mir entgegen, vermischt sich mit der warmen Frühlingsluft und lässt mich erneut einen Moment innehalten. Ich schließe die Augen und atme tief durch die Nase ein.

"Jetzt trödele nicht und komm rein!" Die immer etwas kratzig klingende Stimme meiner Oma holt mich zurück aus meiner kleinen Sinnesreise. Und schon im nächsten Moment fliegt die Tür auf. "Ich habe gerade angefangen. Drehst du die Schleuder?" Oma hält die Entdecklungsgabel hoch und fuchtelt ungeduldig damit in der Luft herum. "Das bekomme ich mit meiner lädierten Schulter nicht mehr hin."

Omas Anblick zaubert ein kleines Lächeln auf mein Gesicht. Seit ich denken kann, trägt sie ihr nunmehr graues Haar zu einem kinnlangen Bob geschnitten. Heute hat sie sich den langen Pony aus dem Gesicht frisiert. Die zwei mit glitzernden Strasssteinchen besetzten Clips, die ihre Haare halten, passen allerdings rein gar nicht zu ihrem restlichen Outfit.

Ich drücke ihr einen Kuss auf die Wange.

"Scharf siehst du aus." Oma trägt ein weißes Männer-Feinrippunterhemd. Die weit ausgeschnittenen Trägerärmel bieten einen tiefen Einblick auf den hautfarbenen BH, der ihren blassen vollen Busen stützt. Gesicht, Arme und Dekolleté sind von der Arbeit im Garten braun gebrannt. Die letzten Tage waren richtiggehend heiß. Oma nimmt, genau wie ich, schnell Farbe an. Das Rippenshirt hat sie in den Bund einer viel zu eng sitzenden blauen Jogginghose geschoben, die sie auf Knielänge gekürzt hat. Die Beinenden sind ausgefranst und unterschiedlich lang. So wie es aussieht, ist Oma der Hose kurzerhand mit einer Schere zu Leibe gerückt. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, was Oma da anhat. Mein Opa war bestimmt zwanzig Zentimeter größer und wesentlich schlanker als meine Oma, die eher rundlich gebaut ist.

"Ich habe mich endlich dazu aufgerafft, Opas Schrank leer zu räumen", erklärt Oma da prompt. "Die meisten Sachen habe ich in die Kleidersammlung gegeben." Sie schaut an sich herunter. "Nur die Buxe und ein paar Hemden für den Garten habe ich behalten."

"Steht dir", flunkere ich. Bei dem Gedanken, dass Oma die Klamotten nur trägt, um Opa noch ein wenig bei sich zu behalten, wird mir warm ums Herz.

"Für dich habe ich auch zwei Oberhemden aufgehoben." Omas Stimme klingt ganz weich. "Natürlich nur, wenn du magst. Du kannst ja später mal einen Blick darauf werfen."

"Okay." Ich straffe die Schultern. Es ist jetzt ein halbes Jahr her. Sterben