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Wo die Geschichte endet

Roman

von Alessandro Piperno

E-Book (EPUB)
280 Seiten
Sprache Deutsch
2019 Piper ebooks
ISBN 978-3-492-99343-2
KNV-Titelnr.: 74840724

Kurztext / Annotation

Alessandro Piperno beschreibtdie Verfehlungen seiner Figuren so zärtlich, ihren Fall so gnadenlos präzise, dass "Wo die Geschichte endet" zu einem großen literarischen Genuss wird.
Vor sechzehn Jahren musste Matteo aus Rom fliehen, nun kehrt er zurück. Gekonnt pariert er alle Angriffe seiner Ehefrauen - Nummer vier verlangt seine sofortige Rückreise in die USA, Nummer zwei hat noch immer nicht die Scheidung eingereicht -, während seine Kinder die ganze Härte des bürgerlichen Lebens trifft: Martina findet nach einem Kuss nicht in ihre Ehe zurück, und Giorgio hat alle Hände voll zu tun, seit die feine Gesellschaft Roms in seinem Restaurant ein und aus geht. Als ein Unglück sie alle ins Bodenlose stürzt, verkehrt sich die Posse in eine handfeste Tragödie.

Alessandro Piperno, 1972 in Rom geboren, zählt zu den renommiertesten Autoren seines Landes. Für sein Debüt "Mit bösen Absichten" erhielt er den Premio Viareggio und den Premio Campiello. Sein dritter Roman "Hier sind die Unzertrennlichen" wurde 2012 mit dem Premio Strega geehrt, der höchsten literarischen Auszeichnung Italiens. Alessandro Piperno lebt in Rom.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Textauszug

2

Nichts von alledem, was er sich vorgestellt hatte, ähnelte der Erleichterung, die er vor dem Pissoir im Terminal 3 des Flughafens Fiumicino verspürte. Als ob er erst jetzt, bei Entleerung seiner Blase, gewahr würde, in welchem Alarmzustand er die letzten sechzehn Jahre gelebt hatte.

Während er sich unter die dahineilende Menge mischte, wurde er von einer Regung patriotischen Stolzes erfasst. Ineffizienz und Nachlässigkeit waren ihm so eigen, dass er sich fast in den Liegestuhl gesetzt hätte, den jemand (wer?) neben dem Taxistand aufgestellt hatte. Das morgendliche Licht hatte nicht die Strahlkraft der Sonnenaufgänge in Los Angeles. Dafür zeichnete sich oberhalb der mehrstöckigen Parkhäuser alles sehr klar ab, flammengesäumte Wolken sahen aus wie verschneite Berghänge bei Sonnenuntergang. Als er während des Landeanflugs leere Strände und die Heckwellen von Motorbooten erblickt hatte, war ein liebevolles Gemeinschaftsgefühl über ihn gekommen. Man vergisst allzu leicht, dass Rom eine Stadt am Meer ist.

Kalifornien hatte er seinerzeit gewählt, weil es unter den Orten, die seinem Geburtsort ähnelten, am weitesten entfernt war von dem Idioten, der ihm an den Kragen wollte. Nichts von dem, was er seither auf die Beine gestellt hatte, glich einer Geschichte von Wiedergeburt und Erlösung. Im Wesentlichen hatte er Jobs akkumuliert, die seine Vorfahren (und vermutlich auch seine Nachkommen) verabscheuen und missbilligen würden.

Weder die einen noch die anderen waren gekommen, um ihn abzuholen. Vielleicht wussten sie gar nichts von seiner Ankunft. Ein paar Stunden früher, während des Zwischenstopps am Flughafen Boston Logan, hatte er die Aufforderung der Flugbegleiterin, die Handys abzuschalten, missachtet und versucht, ein halbes Dutzend Leute zu erreichen, zwei ehemalige Ehefrauen, die Kinder, den Freund aus Kindertagen, und nur Letzterer hatte geantwortet.

Dabei hatte es ihm nie missfallen, Matteo Zevi zu sein. Keiner der vielen Fehler, die er in etwas mehr als einem halben Jahrhundert des Lebens angehäuft hatte, hatte ihn dazu gebracht, sich mit der Schärfe zu beurteilen, mit der andere ihn zu beurteilen pflegten. Waren nicht immer die anderen das Problem gewesen?

Angefangen bei den folgsamsten Verbündeten, Giorgio, den er mit seiner ersten Frau gehabt hatte, Martina, das Geschenk der zweiten. Diese Kinder von verschiedenen Frauen und einem unzuverlässigen Vater, die zumindest er, Matteo, als biologischen Kollateralschaden hinnahm, hatten sich nicht nur vom affektiven Standpunkt aus als gewinnbringende Investition erwiesen. Schade, dass ihre geschwisterliche Verbundenheit seit einiger Zeit neue Nahrung in einer Art gemeinsamer Abneigung ihm gegenüber gefunden hatte. Giorgio beantwortete seine Anrufe seit mindestens sechs Monaten nicht mehr; Martina ließ sich widerwillig herbei, rief jedoch nie zurück.

Er genoss die Einfahrt in die Stadt vom Rücksitz eines Taxis aus. Der Fahrer trug Bermudas in Tarnfarben und ein gelbes T-Shirt; unter dem linken Ärmel, der fast bis zum Schlüsselbein aufgerollt war, blitzte eine Tätowierung von Bruce Lee hervor, die Fäuste erhoben. Wenn der Taxifahrer die Wasserflasche zum Mund führte - das tat er oft und trank in kleinen Schlucken -, hatte der König des Kung-Fu die Beine in der Luft.

Moderne Bauten, Ruinen, Flecken mediterraner Macchia gingen ineinander über, und Träume mischten sich unter Erinnerungen, Hoffnungen, Enttäuschungen. Der Wagen holperte über die Baumwurzeln, die den Asphalt aufwarfen; Kletterpflanzen überwucherten Tore und Umfassungsmauern; Insektenschwärme belagerten die Mülltonnen, als ob die Natur die Stadt und ihre Bewohner besiegt hätte.

Plötzlich sah er zu seiner Linken das Schaufenster, vor dem ihm der erste Kuss abgerungen worden war. Die Glückliche war die Tochter des Geschäftsinhabers gewesen, eines Mannes, dessen Tochter in der Öffentlichkeit (aber auch im Privaten) zu küs