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Diese goldenen Jahre

Roman

von Naomi Wood

E-Book (EPUB)
384 Seiten
Sprache Deutsch
2019 Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00545-5
KNV-Titelnr.: 77607305

Kurztext / Annotation

Es ist die Zeit ihres Lebens: 1922 beginnen sechs junge Menschen ihr Studium am neugegründeten Bauhaus in Weimar. Es sind Jahre voller Glanz, Ekstase und dem Rausch der Freiheit. Sie glühen für die Ideale dieser jungen Kunstwelt und können es kaum erwarten, sich darin zu verlieren. Doch so intensiv die Freundschaft zwischen Paul, Walter, Jenö, Irmi und Charlotte auch scheint, sie ist durchwirkt von Geheimnissen, Intrigen und unglücklicher Liebe. Und als die goldenen Zwanziger in die düstersten übergehen, bricht all das so sorgsam Verborgene hervor - und zieht die Freunde in einen tiefen Abgrund.
In ihrem hinreißenden neuen Roman erzählt Naomi Wood eine Geschichte von bedingungsloser Liebe, tiefer Freundschaft und dem größten Verrat.

Naomi Wood, geboren 1983, studierte in Cambridge und promovierte an der University of East Anglia. Mit ihrem vielgelobten Roman Als Hemingway mich liebte (2016) gelang ihr der internationale Durchbruch. Sie lebt mit ihrer Familie in Norwich. www.naomiwood.com

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Textauszug

Weimar 1922

Zwei

Unser erstes Jahr am Bauhaus - was für ein schillerndes Jahr! Damals waren wir zu sechst: Walter und Jenö, Kaspar und Irmi, Charlotte und ich. Schon von Anfang an in dieser Kombination. Wir waren achtzehn und Jenö zwanzig, als wir mit dem Vorkurs begannen. Uns wurde alles über Farbe und Form, Stofflichkeit und Materie beigebracht. Wir lernten das gesamte Wesen eines Objekts kennen: die Papierhaftigkeit von Papier, die Holzhaftigkeit von Holz, die Faserigkeit von Faden und Seil. Vor allem aber lernten wir zu fasten und wie das Fasten in unserem hungrigen Ich eine ganze Welt aus Glanz, Chaos und Genuss entstehen lassen konnte.

Vom ersten Tag des Semesters an war ich fasziniert von Charlotte. Ich begegnete ihr mittags in der schuleigenen Kantine. Die Septembersonne schien zwischen den Bäumen hindurch auf die langen Tische, und ihr Gesicht war eine Leinwand, auf der sich Licht und Schatten mischten. Vielleicht lag es daran, dass ihr Blick so schwer zu deuten war; er war zurückhaltend und zugleich intensiv.

Ich saß mit Walter und Jenö am einen Ende des Tisches. Ich hatte die beiden bei der Einführungsveranstaltung des Direktors kennengelernt, und wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden. Charlotte saß am anderen Ende.

Walter und Jenö sprachen darüber, wo ihre Brüder während des Krieges gewesen waren. Ich hatte keine Lust, über meinen Bruder Peter zu sprechen - es war zu schmerzlich und zu kompliziert -, außerdem war ich abgelenkt von Charlotte. Ihr kinnlanges blondes Haar war in einer geraden Linie geschnitten, und sie hatte hübsche grüne Augen, die jedoch nichts preisgaben. Mit ihrem schlanken, geradezu knochigen Körper hatte sie etwas Jungenhaftes an sich. Sie lächelte kaum.

Als Walter und Jenö aufbrachen, um sich die Stadt anzusehen - Walter wollte Goethes Haus besichtigen -, blieb ich sitzen und sah zu, wie Charlotte einen Apfel aß, dessen Rot in der Nähe ihrer Augen noch mehr zu leuchten schien.

"Du bist in Meister Ittens Klasse", sagte ich.

Sie errötete. "Sind wir das nicht alle?"

Ich fragte, ob ich mich zu ihr setzen könnte, und sie deutete auf den Stuhl ihr gegenüber.

"Wie heißt du?"

"Charlotte", sagte sie.

Sie hatte einen leichten Akzent. "Woher kommst du, Charlotte?"

"Aus Prag. Und du?", fragte sie. "Ich meine, wie heißt du?"

"Paul. Paul Beckermann."

Manchmal überkommt einen das Glück mit solcher Wucht, dass einem schwindelig wird, und in diesem Moment musste ich mich buchstäblich am Stuhl festhalten. "Ich habe Lust auf einen Spaziergang. Kommst du mit?"

Sie lächelte, und da war es endgültig um mich geschehen. Während ich neben ihr herging, dachte ich: Sag ihr nicht, dass du sie liebst. Nicht fünf Minuten nachdem du sie kennengelernt hast.

Wir gingen zum Ilmpark, und Charlotte erzählte mir, dass sie mit dem Segen ihrer Mutter bereits an der Karls-Universität in Prag gewesen war. Dort hatten sie Marmorbüsten kopiert und die Muskulatur von lebenden Modellen gezeichnet. "Als ob wir Chirurgen wären, die sich anschickten, die Leute aufzuschneiden", sagte sie verächtlich. Ihre Eltern waren außer sich gewesen, als sie ans Bauhaus gewechselt hatte. Sie wollten, dass sie Familienporträts malte oder, noch besser, eine gute Partie machte. "Mein Vater spricht immer noch nicht mit mir", sagte sie, als wir zum Fluss kamen. "Er dachte, er hätte meine Zukunft bereits sicher geplant. Er ist nicht einfach nur wütend, sondern regelrecht verbittert."

Dieses ernste Mädchen, das da neben mir durch den Park lief. Vielleicht hätte ich mich in dem Moment von ihr abwenden und flüchten sollen, als es noch möglich war.

"Das Bauhaus!", sagte sie mit einem Anflug von Panik. "Was um alles in der Welt sollen wir hier tun?"

"Ich weiß es nicht", erwiderte ich, denn seltsamerweise war mir die Frage