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Beethoven

Der Mensch hinter dem Mythos

von Kirsten Jüngling

E-Book (EPUB)
280 Seiten
Sprache Deutsch
2019 Ullstein eBooks
ISBN 978-3-8437-2188-2
KNV-Titelnr.: 77555980

Kurztext / Annotation

Er war ein Genie, einer der größten Komponisten der Weltgeschichte. Er hatte Esprit und Humor. Doch er war auch ein Mensch, der dem Leben nicht gewachsen war. Kirsten Jüngling schildert in ihrer Biografie, wer sich wirklich hinter den großartigen Werken verbirgt, die Ludwig van Beethoven der Welt hinterlassen hat: ein überaus widersprüchlicher, launischer und misanthropischer Mann, der mit siebzehn seine Mutter verlor und unter einem herrischen Vater litt. Der sein Privatleben kaum im Griff hatte. Der Nähe suchte, aber ein schwieriges Verhältnis zu Frauen, Freunden und seiner Familie hatte. Der seinen Neffen mit überzogenen Erziehungsmaßnahmen kujonierte. Ein facettenreiches Lebensbild, das uns Beethoven so nah bringt wie kaum eine Biografie zuvor.

Die Publizistin Kirsten Jüngling, geboren 1949, schrieb hochgelobte Biographien über Elly Heuss-Knapp, Elizabeth von Arnim, Frieda von Richthofen, Franz und Maria Marc, Katia Mann sowie die Doppelbiographie über Schillers Frau Charlotte und deren Schwester Caroline von Lengefeld. 2008 legte sie die erste Biographie von Heinrich Manns Ehefrau Nelly vor. Zuletzt erschien ihre Biographie über Emil Nolde. Kirsten Jüngling lebt in Köln.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Textauszug

2. "Mein Vaterland die schöne gegend, in der ich das Licht der Welt erblickte"

Beethoven an Franz Gerhard Wegeler in Bonn, Wien, 29. Juni 1801
Beethovens Geburtshaus steht in Bonn. Nicht im niederländischen Städtchen Zutphen, wie immer mal wieder behauptet wird. Da müsste man tatsächlich weit gehen, nicht nur in Kilometern. Man müsste das Geburtsdatum ändern, sicher sein, dass seine Eltern 1772 dort waren und dass Ludwig in einem Gasthof namens "De Fransche tuin" zur Welt kam.

Das wahre, das Bonner Geburtshaus ist längst Wallfahrts-, Gedenk- und Forschungsstätte. Bis vor Kurzem konnte man dort noch einen Blick in ein Zimmer werfen, das sein Geburtszimmer gewesen sein sollte: eine ruhige Ecke unter dem Dachgiebel im Hinterhaus, damals sogar noch kleiner als heute, zu erreichen über eine schmale Stiege. Zum Geburtstermin im Dezember 1770 muss es dort oben sehr kalt gewesen sein. Ganz ausgeschlossen ist dieser Ort nicht, denn die Familien der Hofangestellten, zu denen auch Beethovens Vater gehörte, wurden von den Hofärzten versorgt, und die waren es gewohnt, ihre Patienten in deren privaten Räumen, im Schlafzimmer also, zu behandeln. Maria Magdalena könnte ihren Ludwig aber auch in der warmen Küche unten im Haus zur Welt gebracht haben, nicht im Bett liegend, sondern hockend oder kniend. Nur sein Taufdatum ist belegt, wie bei seinen Geschwistern auch. Es war der 17. Dezember. Sollte er am 16. geboren worden sein, wäre er ein Sonntagskind gewesen. Das kann sein, aber auch, dass er bereits an seinem Geburtstag getauft wurde, was wegen der hohen Säuglingssterblichkeitsrate damals oft so gehandhabt wurde.

Ludwig war Maria Magdalenas drittes Kind und der zweite Sohn, den sie mit ihrem zweiten Ehemann Johann (oder Jean) van Beethoven hatte, aber das erste Kind, das sie aufwachsen sah. Danach kamen noch fünf, von denen nur zwei am Leben blieben: Kaspar Anton Carl (getauft am 2. Oktober 1774) und Nikolaus Johann (getauft am 2. Oktober 1776). Anna Maria Franziska (getauft am 23. Februar 1779) lebte nur ein paar Tage. Franz Georg (getauft am 17. Januar 1781) starb am 16. August 1783, Maria Margaretha Josepha (getauft am 5. Mai 1786) am 26. November 1787. Katholisch war die Familie, wie üblich in Bonn, aber nicht besonders fromm. Daran wird sich auch Ludwig van Beethoven halten.

Erinnerungen von Zeitzeugen entnimmt man, dass Frau van Beethoven ihren Kindern gegenüber keine große Fürsorglichkeit an den Tag legte. Die Kleinen seien in Schmutz und auch schon mal in der Kälte den Dienstboten anvertraut worden, die sich nicht besonders um sie scherten. Kann es sein, dass die Mutter ihr Herz nicht an die Kleinen hängen wollte? Wäre das verwunderlich?

Man sieht also Ludwig in seinem Kinderkleidchen sich selbst überlassen auf irgendeinem Fußboden, drinnen oder draußen, in der Bonngasse 20 (früher 515) auf dem Fußboden sitzen. Die Eltern hatten eine Wohnung mit vermischtem Hof- und Gartenraum "in zweiter Reihe" gemietet, also im eher dunklen Hinterhaus, wo es im Erdgeschoss eine Küche nebst einem unterkellerten Wirtschaftsraum gab, dazu zwei kleine Stuben und eine etwas größere im ersten Stock und darüber mehrere kleine Kammern unterm Dach, wie die, in der Ludwig van Beethoven geboren worden sein könnte. Im Vorderhaus wohnte die Familie Philipp Salomon. Er war Oboist und wie Jean van Beethoven Mitglied der (übrigens sehr angesehenen) Hofkapelle, die dessen Vater, unseres Ludwigs Großvater, im Zenit seiner Karriere leitete.

Der war auch ein Ludwig oder Louis. 1717, gerade fünf Jahre alt, begann er mit dem Eintritt in die Chorschule in Mecheln eine Sängerlaufbahn. Nachdem er auch Orgel- und Generalbassunterricht erhalten hatte, konnte er in Kirchen Aufgaben übernehmen, will heißen arbeiten, zunächst als Tenorist. 1731 ging er als Chorleiter nach Löwen, 1732 als Bassist nach Lüttich und 1733 als Solobassist und Chorsänger nach Bonn in die Dienste