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  • Die Spionin der Charité von Christian Hardinghaus

    Die aus Danzig stammende Lily Kolbe ist bereits seit drei Jahren Witwe, als ein amerikanischer Journalist namens Edward Bauer Kontakt zu ihr aufnimmt. Als Lily ihm ein umfangreiches Interview über ihren verstorbenen Ehemann Fritz Kolbe und die Aktivitäten ihrer Widerstandsgruppe, den sogenannten „Donnerstagsclub“ zusagt, fliegt er kurzerhand zu ihr nach Bern. Dem Leser offenbart sich in Folge die Lebensgeschichte eines deutschen Beamten, der als Widerstandskämpfer in der Zeit des Nationalsozialismus und als unbezahlter Agent im Auswärtigen Amt arbeitete. Christian Hardinghaus gewährt darüber hinaus Einblicke in das Leben und Wirken eines der bedeutendsten und einflussreichsten Chirurgen des 20. Jahrhunderts, Dr. Ferdinand Sauerbruch. Historische Fakten werden zu einem eindrucksvollen und fesselnden Roman verwoben und man erfährt von Sauerbruchs Ablehnung des Antisemitismus und des Nationalsozialismus, seiner Mitgliedschaft an der regimegegnerischen „Mittwochsgesellschaft“ und seinen einflussreichen Bekannten, Freunden und Gönnern, dank derer es Sauerbruch mehrfach gelang, sich einer Verhaftung zu entziehen. Im Zuge des Interviews erzählt die Protagonistin Lily Hartmann von ihrer Anstellung als Sekretärin bei diesem berühmten Arzt, dem Alltag in der Charité sowie ihren eigenen Aktivitäten im Widerstand. Der Autor thematisiert die „Aktion Gnadentod“ – eine Auslöschung unwerten Lebens, angeordnet von Adolf Hitler. Ganz besondere Aufmerksamkeit ist jenen Menschen gewidmet, die sich unter der Leitung von Dr. Sauerbruch gegen die Nazis stellen und sich wöchentlich als „Donnerstagsclub“ treffen. Fritz Kolbes Hass auf den Krieg und seine Aversion gegen das Naziregime machen ihn zu einem äußerst willkommenen Mitglied, dem sie hoch brisantes Geheimmaterial zu verdanken haben. Das oberste Ziel des Donnerstagsclub ist es, die Niederlage der Nationalsozialisten zu beschleunigen. Und so spielen sie den Alliierten wichtige Dokumente in die Hände und riskieren dabei mutig das Leben aller Beteiligten.

    Christian Hardinghaus versteht es hervorragend, historische Fakten auf spannende, unterhaltsame und emotional berührende Art und Weise zu vermitteln. Der vorliegende Roman ist in einnehmendem und flüssigem Schreibstil verfasst, die Charakterzeichnung der handelnden Personen weist hohe Authentizität auf und bezieht den Leser emotional tief ins Geschehen ein. Der an sich bereits zutiefst erschütternde historische Part wird durch eine Handlung im Juli 1974 ergänzt, in der Fritz Kolbes Witwe sich ohne zu wissen in große Gefahr begibt. Ihr ist es ein Anliegen, den Donnerstagsclub unter der Leitung von Dr. Sauerbruch bekannt zu machen, und so liefert sie dem Journalisten der New York Times freimütig Daten und Fakten.

    Man taucht als Leser dieses Buches unweigerlich tief in die Zeit des Zweiten Weltkrieges ein, erlebt das Grauen der Naziherrschaft und dessen furchtbare Auswirkungen. Zugleich aber wird jenen Menschen ein Denkmal gesetzt, die sich unter Einsatz – und meist auch unter dem Verwirken - ihres eigenen Lebens gegen Adolf Hitler und seine Schergen auflehnten und alles dafür gaben, diesem Krieg endlich ein Ende zu bereiten. Für mich persönlich stellte „Die Spionin der Charité“ ein höchst emotionales und bewegendes Leseerlebnis dar, ein Mahnmal, das an eine dunkle Epoche unserer Geschichte erinnert, eine Lektüre, die ich uneingeschränkt weiterempfehle.

  • Die Spionin der Charité von Christian Hardinghaus

    Berlin im Zweiten Weltkrieg: Während die Truppen der NS-Diktatur die Welt in Trümmer legen, konstituiert sich in Berlins bekanntestem Krankenhaus, der Charité, ein kleine, eingeschworene Widerstandsgruppe. Nachdem man sich, mit Unterstützung von Prof. Sauerbruch, immer donnerstags trifft, der „Donnerstagsclub“. Der Club setzt aus acht Mitarbeitern Sauerbruchs zusammen, unter anderem seine junge Privatsekretärin Lily Hartmann. Der kommt dann auch eine große Rolle zu: Sie soll Fritz Kolbe, einen unscheinbaren Beamten in Joachim Ribbentrops Außenministerium, zur Mitarbeit bewegen.

    „Über die Sinnlosigkeit des Krieges kommt ihr ins Gespräch. Außerdem hat Kolbe zwei Schwächen: Eine für das Schachspiel und ei-ne für junge, blonde Frauen. Hier kommst nur du infra-ge, Lily Hartmann.“

    Lily gelingt es Kolbe zur Mitarbeit zu überreden und nicht nur das, sie werden ein Liebes- und Ehepaar.

    Da sich Sauerbruch nicht alle Mitarbeiter aussuchen kann, gibt es auch einige die Anhänger des Regimes sind. So treibt der Psychiater de Crinis trotz gegenteiliger Anweisung Sauerbruchs sein Unwesen und lässt einen jugendlichen Patienten in eine der Euthanasie-Anstalten überstellen.

    Je länger der Krieg dauert, desto gefährdeter ist der Donnerstags-club. Sauerbruch wird seitens Gestapo und Ernst Kaltenbrunner persönlich unter Druck gesetzt.

    Mehrmals steht der Donnerstagsclub knapp vor der Aufdeckung. Die einzelnen Mitglieder geloben Verschwiegenheit bis zum Tod.

    Sauerbruch kann die teilweise zerstörte Charité bis Kriegsende halten und arbeitet mit den Russen zusammen.

    Jedes Jahr wird den Widerstandsgruppen und da vor allem jener rund um Claus Schenk von Stauffenberg gedacht, die nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944, ihren Mut mit dem Leben bezahlten. Nicht gedacht wird der Gruppen, die sich heimlich und unerkannt, dem Widerstand verschrieben haben, wie der Donnerstagsclub.

    Als es 1974 wieder einmal Gedenkreden zum 20. Juli gibt, be-schließt Lily, auch aus persönlichen Gründen, ihr Schweigen zu brechen und gibt einen amerikanischen Journalisten ein Interview, nichts ahnend, dass dieser ein falsches Spiel mit ihr treibt.
    Wird es Lily gelingen, rechtzeitig die Machenschaften des Repor-ters aufzudecken?

    Meine Meinung:

    Historiker und Buchautor Christian Hardinghaus hat wieder einen packenden Roman geschrieben, der geschickt Wahrheit und Fiktion miteinander verknüpft. Wir begegnen einigen Personen wie Prof. Ferdinand Sauerbruch, Fritz Kolbe oder Ernst Kaltenbrunner unter ihren Klarnamen, andere wie Lily Hartmann, Wettstein oder Neumann
    sind erfundene Namen. Ihr Pseudonym wird im Anhang gelüftet.

    Schon der Einstieg in die Geschichte ist spannend. Wir erleben Lily im Jahr 1974, als wieder einmal dem 20. Juli 1944 gedacht wird, ohne die Widerstandsgruppe wie den Donnerstagsclub zu nennen. Da die acht Mitglieder absolute Geheimhaltung geschworen und sie bislang eingehalten haben, ist das natürlich klar. Aus Kränkung, dass ihrem Mann Fritz Kolbe sowohl von den USA (für die er spioniert hat) als auch von Deutschland nach dem Krieg übel mitgespielt worden ist, beschließt sie die Ereignisse um den Donnerstagsclub öffentlich zu machen. Wir sind hautnah dabei, wie Lily dem amerikanischen Journalisten Eddie Bauer die Geschichte ihres Lebens erzählt. Dass sie dabei in Lebensgefahr gerät, ist anfangs nicht vorauszusehen.

    Hardinghaus‘ bildhafter Schreibstil bringt uns die NS-Zeit näher als uns oft lieb ist. Die persönlichen Schicksale der Akteure lassen kaum einen Leser unberührt. Wir erhalten einen recht realistischen Einblick in den Krankenhausalltag, in den Kriegsalltag und das Verhalten der NS-Schergen, ohne voyeuristisch zu sein.

    Viele Menschen verdanken Sauerbruch und seinem Team ihr Leben. Unter Einsatz des eigenen, haben sie operiert, Nahrungsmittel beschafft, Menschen versteckt und sich so quasi „nebenbei“ im Donnerstagsclub engagiert.

    Anhand dieses Romans wird gezeigt, dass es mehr als nur den Widerstand der Stauffenberg-Gruppe gegeben hat (was aber deren Mut nicht schmälern soll). Aufgrund der Verschwiegenheitsverpflichtung ist es den anderen Gruppen nicht gelungen, Kontakt zueinander aufzunehmen. Möglicherweise wäre mit einem Zusammenschluss der vielen kleinen Gruppen, ein früheres Ende der NS-Diktatur möglich gewesen. Doch wie das Beispiel Fritz Kolbe zeigt, waren weder die Amerikaner noch die Briten bereit, den Widerständlern aus Deutschland zu glauben.
    An manche Themen kann sich ein Autor nur in Romanform nähern. Das Interesse des einen oder anderen Leser wird durch diese Art der Erzählung, Wahrheit und Fiktion zu verquicken, bestimmt geweckt. Dann lässt sich ein Sachbuch zu diesem Thema leichter in die Hand nehmen. Wer noch mehr über den begnadeten Chirurgen und „sein“ Krankenhaus lesen möchte, sei Hardinghaus‘ Biografie „Ferdinand Sauerbruch und die Charité" ans Herz gelegt.

    Christian Hardinghaus ist es wieder gelungen, ein Stück Zeitge-schichte fesselnd und doch einfühlsam darzustellen, ohne, dass beim Leser das Gefühl aufkommt „nicht schon wieder ein Buch über Nazi-Deutschland“ lesen zu müssen.

    Fazit:

    Diesem hervorragenden, historischen Roman gebe ich gerne 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.