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  • Todesmal von Andreas Gruber

    Bereits die halbe Seite 2 des Einführungstextes lässt dem Leser das Blut in den Adern gefrieren und alle feinen Härchen am Körper stellen sich auf (Gänsehaut genannt). Andreas Gruber stimmt den Leser ein auf den nächsten Superthriller der Sabine Nemez und Maarten S. Sneijder Reihe, Nummer 5. Maarten S. Sneijder, Profilier mit unerreichter Aufklärungsquote. Wie eh und je: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, „wer meine Arbeitsweise nicht schätzt, behindert mich.“ Sein Problem ist, dass er sich oft selbst im Weg steht und sich selbst behindert.
    Der Plot beginnt mörderisch. Eine Frau in Nonnentracht „verkündet“ im BKA Wiesbaden, dass „an jedem einzelnen der nächsten sieben Tage ein Verbrechen geschehen werde! Es würden sieben Menschen sterben.“
    Maarten S. Sneijders erstes Verhör/Gespräch/Gebet mit der „Nonne“ bietet Gänsehaut pur. Mörderjagd ist seine oberste Prämisse, seine Passion. Mit Schneider und Nemez wird ein Team mit Sondervollmachten zusammengestellt, ganz nach dem Muster von „Mission: Impossible.“ In den folgenden Tagen führen die Ermittlungen das Team von Deutschland nach Österreich, in die Schweiz und in die Niederlande. Die „Nonne“ hat sich mit ihren Komplizen einem Rachefeldzug verschrieben. Sie möchte die Verantwortlichen für die Verbrechen, die in dem, ihrem Kloster angeschlossenen Internat vor 37 Jahren geschehen sind, zur Rechenschaft ziehen, besser der gerechten Strafe zuführen, das heißt mit einer perfiden Methode zu Tode bringen. Tipp, keine Bambussprossen unter Ihrem Bett züchten, könnte tödlich enden. Die für den massenhaften Kleinkindmord verantwortlichen, in Röntgenmedizin und Pharmaindustrie sollen der Öffentlichkeit bekannt und der Prozess gemacht werden. Langsam wechselt die Sympathie vom arroganten Kotzbrocken Sneijder zu den Rächern und es tut gut, wenn er bei seinen „Freunden“ in NL mit am Rücken gefesselten Handschellen im Verhörraum sitzt.
    Für den Leser stellt sich die zentrale Frage, ob es gerechtfertigt sei, ein Verbrechen durch einen Mord zu sühnen.
    Dieser Thriller TODESMAL, Teil 5 der Sabine Nemez und Maarten S. Sneijder Reihe ist ein absoluter Pageturner, professionell verfasst von Andreas Gruber. Wir hoffen, die Anspielung am Ende weist auf den sechsten Teil der Reihe hin.

  • Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens

    „DER GESANG DER FLUSSKREBSE“ von Delia Owens ist eine Ode an das Marschland von North Carolina. Owens kann die Zoologin nicht verheimlichen; mit ungeheurer Detailtreue beschreibt sie Flora und Fauna. Diese Liebe zur Natur ist einzigartig gepaart mit der Schilderung der dramatischen Lebensgeschichte eines kleinen Mädchens: Dem Marschmädchen KYA.
    Über 60 Jahre verfolgt Owens die Geschichte von Kya, deren Familie mit Vater, Mutter und vier Geschwistern, die sich sukzessive dezimiert, bis Kya mit 6 Jahren auf sich alleine gestellt ist. Nur die Liebe zu „ihrer“ Marsch hält sie am Leben. Sie fühlt sich von allen verlassen und vertraut niemandem. Mit fast autistischen Zügen zelebriert sie nun ihr selbstgewähltes Alleinsein. Zwei Liebesabenteuer bestimmen ihr Erwachsenwerden und hätten sie beinahe ins Verderben gestürzt. Der Tod/Mord von/an Chase macht aus einem genüsslichen Roman einen spannenden Krimi: Eine Stadt such eine Mörderin und hat sie in der Außenseiterin Kya gefunden. Kya wird der Prozess gemacht. Freispruch.
    Kya wird eine anerkannte Expertin des Marschlandes und arbeitet mit ihrer ersten Liebe Tate, jetzt Ökologe zusammen.
    Wer hat aber Chase wirklich ermordet? Das ist eine Überraschung, oder auch nicht.

  • Die einzige Zeugin von Tove Alsterdal

    Der Plot ist so realistisch wie eine Landung der Marsianer auf der Erde. Für einen Krimi kümmerliche Ermittlungsarbeit der schwedischen Polizei; klar- Ressourcen-, Personal- und Mittelknappheit; das habe ich doch bereits irgendwo gehört. Völlig irrelevante Auseinandersetzung mit gesellschaftlich brisanten Themen. Fantasy-Krimi vom Feinsten.
    Ich kann mir vorstellen, wie der Roman entstanden ist. Tove Alsterdal (Autorin): „Ulla, als ehemalige Insassin, entschuldige als Krankenschwester und Stationsleiterin in Beckomberga hast du eine Idee für meinen neuen Krimi?“ Ulla Andersson: Tove, ja das habe ich und was für eine, eine unglaubliche. Insassen wurden nach der Schließung vermisst und ich weiß wo sie in den letzten 20 Jahren gehaust haben - in den unterirdischen Kellergewölben der Anstalt. Aber die sind alle plemplem. Tove. „Das macht nichts, ein irrer Mörder, das ist perfekt. Unsere schwedische Polizei ist auch nicht die hellste, das passt zusammen. Ulla: „Tove, du brauchst doch Stoff für 500 Seiten.“ Tove: „Weißt du Ulla, ich lass eine rumänische Bettlerin mitspielen, das ist der Aufhänger, um in der Bettlerszene in Stockholm zu investigieren. Das ist meine große Passion. Die Recherche im Stockholmer Untergrund dehne ich dann bis RO aus. Dort kenne ich mich aus, ich habe am Stand Badeurlaub gemacht. Eine Bettlerin als ‚einzige Zeugin‘, das ist der Titel meines neuen Romans. Ulla, bin ich genial?“ Ulla: „Ja Tove, das bist du (beißt sich dabei auf die Zunge). Rund um das Gelände von Beckomberga werden schicke Häuser gebaut, dort siedelst du deine Hauptprotagonisten an.“ Tove: „Danke Ulla für deinen Input, du bekommst eine Rolle im Krimi und ich werde dich in meiner Danksagung erwähnen.“
    Im Zentrum des Romans steht Eva, geschieden von Svante, mit Sohn Filip. Zum Zeitpunkt der Ermordung von Svante ist Eva am falschen Ort zur falschen Zeit. Sie wird - wird niedergeschlagen und alarmiert später die Polizei - von dieser völlig absurd des Mordes an Svante beschuldigt, verbringt ein paar Tagen im Arrest, um nach ihrer Entlassung die lange Suche zu beginnen nach der Zeugin, einer rumänischen Bettlerin, die ihr knapp vor der Ermordung Svantes ein Foto ihrer beiden Kinder gezeigt hat, dieses weggeschmissen und von Eva wieder gefunden wurde. Zufälle gibt’s. Eva forscht in der Stockholmer Unterwelt, spürt ihren Sohn Filip in Berlin auf - inzwischen vom Studenten zum autonomen Aktivist in der Hausbesetzerszene mutiert -, fährt mit ihm durch Tschechien, durch die Slowakei, nach Ungarn – zufällig besetzen dort Flüchtlinge den Budapester Bahnhof, nach RO, um endlich am Küstenort Eforie anzukommen. Hanebüchen die Kontaktaufnahme mir Dunya, der vermeintlichen Zeugin. Alle bekannten Klischees die Roma in RO betreffend werden breitgetreten.
    Wieder zurück in S hat Ulla ihren großen Auftritt. Sie hilft der Polizei bei der Suche nach dem irren Mörder im Untergrund von Beckomberga. Haarsträubend das Ermittlungsergebnis: Irrer als Mörder, echter Mörder mit Sturmhaube, aus dem darknet von Svante bestellter IRA Auftragskiller mit Sturmhaube wird „fallengelassen“. Der Irre und die Polizei, verwandte Seelen.
    Niklas, dem ehemaligen Nachbar von Svante&Eva, bleibt Jannike erhalten. Diese hat jedoch, wie es scheint, einen neuen Lover. Mit Jannike und Britt-Louise hat der potente Niklas Sex. Jannike hatte ihren Kimono leicht geöffnet; ob das gemäß dem Einwilligungsgesetz zur Zustimmung beim Sex, bei dem beide Partner ausdrücklich und klar erkennbar dem Geschlechtsverkehr zustimmen müssen ausreicht? Tove thematisiert stattdessen lieber die schwedische Bettlerszene und Kindesmissbrauch in der Familie. Entsetzlich schade.
    Die Schweden, w/m und viele Leser, w/m mögen ihre Tove dafür hoch loben, ich kann es nicht.

  • Der Kastanienmann von Søren Sveistrup

    Der Vorspann hat es bereits in sich und alle Zutaten eines skandinavischen Thrillers: Ein erschossenes Schwein, zwei abgeschlachtete Teenager, eine zerhackte Frau und ein mit einem Beil erschlagener Polizist, eine Woche vor seiner Pensionierung. Ein Junge, der mit der Axt gut umgehen kann und ein verstörtes Mädchen, seine Zwillingsschwester; beide werden wir wiedertreffen.
    Søren Sveistrup gewährt uns einen allgemeinen Einblick das politische System Dänemarks und einen speziellen in die politische Arbeit der Sozialministerin Rosa Hartung. Rosa hatte sich nach dem spurlosen Verschwinden ihrer Tochter Kristina eine Auszeit von einem Jahr genommen. Drei tote Mädchen, zum Teil verstümmelt, mit abgehackten Händen oder Füßen und immer als Markenzeichen ein Kastanienmännchen am Tatort und dieses mit Kristinas!! Fingerabdruck, dem verschwunden Mädchen. Wie Rosa auf ihrer Laufrunde den Verlust ihrer Tochter zu verarbeiten versucht zeugt von großer Empathie des Autors und berührt den Leser in tiefsten Maßen.
    Naia Thulin, Kriminalkommissarin der Kopenhagener Mordkommission, Alleinerzieherin, liiert mit Sebastian möchte weg von der (langweiligen) Mordkommission zum NC3 (National Cyber Crime Center). Thulin erhält einen neuen Partner, Mark Hess von Europol aus Haag dort kurzzeitig ausgemustert. Hess hat Anzeichen eines Soziopathen, die taffe Thulin kommt mit ihm einfach nicht zurecht und hat keine Ahnung wie sie seine extraordinären Fähigkeiten als Profiler nutzen soll. Der private Hintergrund dieser beiden Ermittler wird von Sveistrup sehr eingehend und in einem wohltuenden Ausmaß beschrieben. Die Ermittlungen ergeben, dass alle Morde mit „Inobhutnahme von Kindern“ durch die dänischen Behörden zusammenhängen.
    Perfekt austarierte Abstimmung zwischen der Polizeiarbeit von Thulin und Hess. Kriminaltechniker Genz, kein angenehmer Charakter, aber ein absoluter Fachmann.
    Ein junges Pärchen, scheinbar in den Mordfall verwickelt wird tot im Wald gefunden. Mord und Selbstmord. Für die Mordkommission und deren selbstsüchtigen Chef Nylander reichen die Indizien aus, um den Fall abzuschließen. Doch lebt Kristina noch? Hess wird zurück nach Haag gelobt und Thulin beginnt beim NC3. Doch beide können sich nicht mit diesem Ergebnis zufriedengeben. Sie recherchieren unabhängig von einander und es kommt zur dramatischen, entscheidenden Konfrontation mit dem - vor allem für den Leser - völlig überraschenden Erkenntnis, dass der Mörder, der „Kastanienmann“ von Beginn an mit ihnen allen „gespielt“ hat. Hess kann in letzter Sekunde die vom „Kastanienmann“ gefolterte Rosa Hartung befreien und findet die lebende Kristina.
    Hess und Thulin verabschieden sich scheinbar emotionslos.
    Die Beschreibungen der Mordtaten des „Kastanienmannes“ sind von bedrückender Intensität. Der kompromisslose Schreib- und Erzählstil fördert zudem die literarische Einzigartigkeit.
    Ein wahrer und völlig berechtigter Beststeller in DK. Ein Thriller-Jahres-Highlight.

  • Neun Fremde von Liane Moriarty

    Was für neun Personen ein Wellnessurlaub im Tranquillum House werden sollte, mit den herkömmlichen Wunschvorstellungen, wie abnehmen, relaxen, Sport betreiben (gemäß Cover im Pool schwimmen) und fitter werden, entpuppt sich zunehmend als wahrer Alptraum.
    Die neun werden von der Hotelmanagerin Masha, dem medizinischen Assistenten Yao und der Masseuse Delilah begrüßt. Nach anfänglichen unverdächtigen Aktivitäten und scheinbar auf jeden abgestimmte Essenzubereitung wird ihnen eine 5tägige „erhabene Stille“ verordnet. Diese sollte jeden verbalen und nonverbalen Kontakt zwischen den Teilnehmern verhindern. Masha durch eine Nahtoderfahrung „erleuchtet“ möchte ihren Gästen zu einer psychedelischen Therapie mit transzendenten Erfahrungen verhelfen. Ihren unwissenden Gästen wird dafür ein Smoothie mit LSD-Microdosing serviert. Diese Therapie beginnt im Yoga-Raum, der vorerst von den Gästen unbemerkt, verschlossen wird. Die menschliche Wahrnehmung wird dabei auf eine andere Ebene geführt und jeder von ihnen hat Sinnestäuschungen, die an Halluzinationen grenzen. Das faszinierende an dem Roman sind die Beschreibung der Erlebnisse jedes Einzelnen und die Interaktionen. Unausweichlich entsteht eine Gruppendynamik mit der klaustrophobischen Erkenntnis, eingeschlossen zu sein. Die Dynamik der Handlung steigert sich enorm: Delilah verschwindet, Yao wird von Masha betäubt, Masha, selbst auf einem LSD-Trip wird - von den inzwischen freien Gästen - niedergeschlagen und der Polizei übergeben. Die neun Gäste kehren in ihr altes Leben zurück. Und Masha? Nach ihrer transformativen Erfahrung im Gefängnis ist sie längst wieder im Geschäft zurück.
    Der Leser muss sich auf diesen Plot einlassen. Erzähl- und Schreibstil fördern das Lesevergnügen und tragen zur permanenten Spannung bei.

  • Mittagsstunde von Dörte Hansen

    Nordfriesland, wie das Land, so die Leut. Hansen richtet unerbittlich ihr Brennglas ein halbes Jahrhundert auf Dorf, Stadt und Land und Leut. Dass sich das Landleben geändert hat und ändert: Landflucht, technischer Fortschritt, vermeintlich Moderne und „back tot he roots“ ist allen Lesern geläufig, aber das WIE, wie es von Hansen in Wortform gegossen wird ist herausragend. Hansen seziert das Dorf, die Gesellschaft, die Menschen im Stile einer peniblen Gerichtsmedizinerin unbarmherzig und schonungslos, während andere Augen, Nase und Mund verschließen. Keine Spur von Sentimentalität oder nostalgisch romantische Verklärung, fast schmerzt die unfassbare Direktheit. Man hätte vielleicht einen verklärten Rückblick erwartet, aber nichts von dem. In jede Wunde wird nicht einen Finger gesteckt, sondern zwei. Fossilien fürs nächste JT.
    Ich liebe Ingwer, getrocknet als Tee, nicht pur, sondern mit grünem Darjeeling. Ingwer hat etwas von mir - ich bin auch ein Fensterputzerfan. Wenn man Hansen heißt, dann muss man solche Bücher schreiben. Wie Thomas Bernhard. Meinen nächsten Urlaub mache ich in Nordfriesland.
    „The Times They Are A-Changin' „, der neue Header. Elegie und Melancholie bis zum geht nicht mehr. Hansen schildert den Pflegealltag von Ingwer bei Ella und Sönke. Der Leser erschrickt wie treffend und pointiert die Realität beschrieben wird. Jeder Richter müsste Verständnis für einen Pfleger haben, wenn dieser „durchdreht“ – er muss ja nicht gleich zum Killer werden.
    Ingwer (48 Jahre) sinniert während der Ganzkörperpflege von Sönke über sein Leben: Zweieinhalb Jahre in einer Dreier-WG mit Claudius und Ragnhild (50, rat gebende Kämpferin oder herrschende Göttin - sucht’s euch aus). Drei verlorene Seelen - fossilisiert. Ein Fressen für Psychologiestudenten, eine nichtteilnehmende Beobachtung mit „open end.“
    Das „Platt“ hat die zweite Lautverschiebung nicht mitgemacht, die Gesellschaft hat sich verändert, der Wind ist immer noch der gleich, ein literarisches Meisterwerk.

  • Zara und Zoë - Rache in Marseille von Alexander Oetker

    Alexander Oetker hat einen zeitgeschichtlich aktuellen Thriller geschrieben. Die kriminellen Machenschaften von Politik, Polizei, Rechtsnationalismus, arabischer Terroristen und italienischer Mafia.
    Europol, das Europäische Polizeiamt mit Sitz in Den Haag schickt seine besten Agenten, ZARA, Deutsch-Französin und Isaakson, Schwede, an die französische Südküste, um den Tod des syrischen Mädchens Aïicha aufzuklären und das kriminelle Netzwerk aufzudecken. ZARA, eine Autistin, unnahbar und mit unglaublicher Analyse- und Erkenntnisfähigkeit ausgestattet stößt an ihre Grenzen. Sie kann auf ihre Art nicht weiterermitteln. Sie bittet ZOË um Hilfe. Zoë ist die rechte Hand von Mafiaboss Bolatelli, das absolute Ass in seiner Organisation. ZARA und ZOË sind Zwillingsschwestern, aufgewachsen in Nizza. Die Familie ist durch den kriminellen Vater zerbrochen, ZARA und ZOË sind sich spinnefeind. ZARA kann ZOË überreden, die Ermittlungen „auf ihre Weise“ an ihrer Stelle zu übernehmen. Isaakson bekommt dadurch eine etwas „andere“ Partnerin.
    In turbulenter Abfolge mit brutalen und tödlichen Aktionen von allen Seiten wird schlussendlich ein Teil des Netzwerkes zerschlagen. ZARA und ZOË trennen sich in schwesterlicher Übereinkunft.
    Der Schreibstil ist angenehm, förderlich für das Lesen ist zudem die Spannung. Trotz der erschreckenden Realität, der beschriebenen brutalen Szenen, der teilweisen Übertreibung und der plakativen politischen Ansichten, trifft Alexander Oetker mit diesem Plot den Kern der aktuellen Situation in Europa, im Speziellen an der Mittelmeerküste zwischen Nizza und Marseille. Es bleibt aber die außerordentliche Zusammengehörigkeit von ZARA und ZOË das Hauptthema dieses Thrillers.

  • DAS MÄDCHEN IM EIS von J. D. Barker ist Band 2 der „4 Monkey Killer“-Serie (THE FIFTH TO DIE im Original). Der Originaluntertitel „It’s a family affair“ klingt nach leicht verdaulicher Familiengeschichte. Familiengeschichte stimmt im weitesten Sinn, aber keineswegs leicht verdaulich. Vielleicht für die Kenner des Band 1 der „4 Monkey Killer“-Serie, nur für die Neueinsteiger bietet der Thriller Mord und Folter in ungeahnter Brutalität. In wahren Gewaltorgien reiht sich ein grausamer Mord an den anderen und eine bestialische Folter an die andere. Es müssen tatsächlich mörderische Psychopaten in der „Familie“ vorhanden sein. Das „Familienoberhaupt“ ist Anson Bishop AB, der 4 Monkey Killer, 4MK. Er liefert sich ein Psychoduell mit Detectiv Sam Porter vom Chicago PD. Bishop schein Parker immer einen Schritt voraus zu sein. Wegen seiner unkonventionellen Ermittlungsmethoden wird Porter „kaltgestellt“, verfolgt jedoch die Spur nach Bishop auf eigene Faust. Das FBI hat wenig Vertrauen in die Chicagoer Kollegen und reißt die Ermittlungen an sich. Einzig Special Agent Frank Poole kann sich in die Gedankenwelt Porters versetzten, vertraut ihm und hält gegen alle Widerstände zu ihm Kontakt. J. D. Barker lässt den Leser auf fast 700 mehrmals ins Leere laufen, wenn man glaubt bereits alle Puzzles zusammengefügt zu haben. Teile des Thrillers lesen sich wie ein Drehbuch für eine CSI-Serie.
    Für Porter ist das Tagebuch von Bishop der Schlüssel, diesen zu finden. Ein Foto mit einer Frau im Vordergrund des Orleans Parish Prison, von der er vermutet, dass es die Mutter von Bishop sei und mit deren Anwältin Sarah Werner macht sich Porter auf den Weg. Nun zu dritt begeben sie sich - unter fernmündliche Anleitung von Bishop - in ein verlassenes Hotel zum Showdown: Freilassung der gefangengehaltenen Mädchen im Austausch mit Bishops Mutter. Nichts ist wie es scheint zu sein. Bishop spielt seinen letzten? Trumpf, ob er sticht erfährt der 4MK-Fan in Kürze, wenn Band 3 der „4 Monkey Killer“-Serie erscheint. Am Ende gibt das Tagebuch Bishops aufschlussreich Auskunft über dessen „familiäre Beziehungen“.

  • Opfer von Bo Svernström

    OPFER, gelungenes Thrillerdebüt von Bo Svernström. Bereits zu Beginn mit dem Psychogramm des Kriminalhauptkommissar Carl Edson und der Beschreibung des Zustandes des ersten Mordopfers wird deutlich, das ist ein typisch schwedischer Thriller. Die drei Komponenten, Plot, Schreib- und Erzählstil ergeben einen exzellenten Roman.
    Während sich der Leser nach der ersten Seite noch fragt, wer denn der ICH-Erzähler sei und was er vorhat, sammeln sich im Fortgang über 10 zum Teil bestialisch zugerichtete Leichen.
    Carl stellt während der Ermittlungen die entscheidende Frage:“ Wenn es sich um einen Racheakt handelt, musste es die richtige Botschaft sein, um die entsprechenden Leute zu erreichen. Um eine Art Zeichen zu setzen, um den Status des Täters zu etablieren.“ Der Rachefeldzug eines Serienmörders kristallisiert sich heraus. Rache wofür?
    Die polizeilichen Ermittlungen und die Einblicke in das Privatleben der Protagonisten bilden eine perfekte Harmonie. Nicht ein einziger Satz stört oder ist überflüssig, was dem Leser sehr guttut.
    Reizvoll sind die Dialoge der Kommissare mit Kriminaltechniker Lars-Erik und Rechtsmedizinerin Cecilia.
    Einen umfangmäßig bedeutenden Teil des Plots nimmt Alexandra Bengtsson, Journalistin des „Aftonbladet“ ein: Wie kommt die Journalistin an brisante Informationen über (vermeintliche) Verbrechen? Welcher korrupte Mitarbeiter im Polizeiapparat gibt Insiderwissen weiter und wie werden diese Informationen medienwirksam verarbeitet? Die Besonderheit des Plots ist, dass Alexandra Bengtsson als der Racheengel offenbart wird. Der Autor gibt deshalb der Beschreibung ihres Verhaltens, ihrer Agitationen und ihrer Familiengeschichte, einerseits die besondere Beziehung zu ihrem Vater und ihrer Schwester und andererseits die zu ihrem Sohn David breiten Raum. Ein weiteres treffendes Zitat: „Wir alle haben einen ´Gehirntumor´, wir alle werden sterben, aber wir wissen nicht wann.“
    Es entspannt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Ermittlern Carl, Jodie und Simon und der Beschuldigten Alexandra. Wird die sympathische Killerin Alexandra davonkommen? Man wünscht es ihr. Alexandra gerät unvorsichtig in die Fänge der von ihr Verfolgten, muss um ihr Leben fürchten, wird auf „wunderbare Weise“ gerettet. Auch die Mordanklage wird fallengelassen, mit Hilfe der trickreichen Cecilia.
    Das Ende ist überraschend und entspricht nicht der Logik herkömmlicher Krimis, das macht diesen Krimi zu einem Besonderen. Dem Leser ist es schlussendlich überlassen, die moralische Frage zu beantworten: „Rechtfertigt der Tod des Sohnes David einen tödlichen Rachefeldzug?“
    „Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird“ (klingonisches Sprichwort).

  • Tödliche Schuld von Caroline De Vries

    Beachtenswerter Ansatz der Autorin, die ihre journalistischen Berufserfahrungen mit dem politischen System in der Ukraine Anfang des 21. Jahrhunderts zu einem aufweckenden Politthriller verbindet. Das korrupte politische System, die Anbiederung deutscher Unternehmer, die große Diskrepanz zwischen Arm und Reich und das Leben auf dem Lande werden thematisiert.
    Katharina Iswestja, eine 25jährige Ukrainerin, als 5jähriges Kind mit ihrer Mutter nach Deutschland geflohen erhält einen Rechercheauftrag ihrer Hamburger Zeitung in der Ukraine. Katharina erzählt ihre dramatischen Ereignisse in Kiew und der Ukraine in ICH-Form.
    Es beginnt eine Investigation der dunkelsten Seite der ukrainischen Politik mit Katharinas Auseinandersetzung eigener Vergangenheit. Geschickt wechselt die Autorin vom Kiew 2003/04 in das Kiew 1993, denn dort hatte die „tödliche Schuld“ ihren Ursprung.
    Katharina wird mit den ukrainischen „Besonderheiten“ bereits mit dem Eintritt in das Land ab dem Flughafen konfrontiert. Von der naiven, schreckhaften und der ohne Kenntnis der Vergangenheit ihres Vaters Grigorij Iswestja, von Beruf Journalist in Kiew herumirrenden Katharina wird eine Powerfrau, die ihre stahlbewehrten Stiefel einsetzt und eine Killerin.
    Katharina wird auf Schritt und Tritt beobachtet und verfolgt von Boris, dessen Absichten und Auftraggeber ihr zunächst zweifelhaft erscheinen. Mandelow, der engste Mitarbeiter von Grigorij stirbt ausgerechnet in den Armen von Katharina, die darauf hin verhaftet wird und sich ab diesem Zeitpunkt in der „Obhut“ von Igor Wolkow, dem Staatsanwalt befindet.
    Victor Abramow, ukrainischer Oligarch und Präsidentschaftskandidat Alexander Karkow planten 1993 die Beseitigung Tatjana Setschenka, Inhaberin mehrerer Printmedien und eine Konkurrentin um das Amt des Präsidenten der Ukraine. Ein „begabter Zögling“, der später noch eine zentrale Rolle spielen sollte wird mit der „Beseitigung“ von Setschenka, nicht ohne Aussicht auf Karriere, Reichtum und Macht betraut. Setschenka wird nach dem Fick ihres Lebens mit ihrem Bodyguard Karl von diesem in ihrem SUV im Dnjepr versenkt. In Zusammenhang mit diese diesem Mord soll es ein Video geben, das im Besitz von Grigorij Isvestja vermutet wird. Auftraggeber dieses Mordes möchten unbedingt in den Besitz dieses kompromittierenden Videos gelangen und schrecken dabei vor Einschüchterungen, Entführung und Mord nicht zurück.
    Katharina trifft ihren Vater, beide fliehen in die Ostukraine werden aber ständig verfolgt. In Donezk in einem Bergwerk von Abramow kommt es zum Showdown. Katharina tötet Abramow.
    Igor Wolkow, der Staatsanwalt bekundet nicht ohne Grund ein besonderes Interesse an dem Video und lässt Katharina und ihren Vater nach Kiew zurückfliegen. Igor präpariert das ihm übergebene Video, um seine weiße Weste zu demonstrieren. Doch Grigorij, später von Häschern ermordet hat eine Kopie vom Original gemacht, die Igor als den „begabter Zögling“ entlarvt.
    Es ist nur dem großen Herz der Autorin zu verdanken, dass sie einen unblutigen Schluss wählt: Katharina rächt sich nicht an Igor und tötet ihn nicht. Es folgt ein Diskurs mir Igor über das politische System in der Ukraine, mit welchen Maßstäben die Handlungen der korrupten Mächtigen in der Ukraine zu beurteilen sind.
    Die vielen Puzzles, die entstehen werden in gutem Erzähl- und Schreibstil am Ende zusammengefügt, lassen aber den Leser in besonderer Besinnung - von der Autorin bewusst gewünscht - zurück.