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  • Todestreue von Peter Gallert; Jörg Reiter

    Dieser Krimi ist der dritte aus der Reihe rund um den Polizei-Seelsorger Martin Bauer und die KHK Verena Dohr.

    Martin Bauer, der sich immer wieder in Kriminalermittlungen einmischt und dadurch mehr als einmal in Lebensgefahr geraten ist, befindet sich nun in Elternzeit. Er umsorgt die kleine Tochter Marie und, erstaunlich für ihn (und die Leser), geht ihm die Arbeit bei der Polizei gar nicht ab. Doch dann wird er „rückfällig“. Ausgerechnet seine Ehefrau Sarah, die seine Alleingänge und Ermittlungen stets abgelehnt und verteufelt hat, bittet ihn um Hilfe. Ylidiz, ein Schützlings Sarahs, braucht Unterstützung, um Leon, ihren heimlichen Verlobten, von einer bekannt gewalttätigen Biker-Truppe loszueisen. Martin sagt zu, und die Aktion geht ziemlich schief.

    Als dann am nächsten Tag auf einem Schrottplatz eine weibliche Leiche gefunden wird, ist Leon recht bald im Fokus der Polizei. Selbst bei Ylidiz kommen Zweifel auf. Ist Leon noch der Mann, in den sie sich vor Jahren verliebt hat?
    Nur Martin glaubt an Leons Unschuld und ist seine letzte Hoffnung.

    Meine Meinung:

    Das Autoren-Duo Peter Gallert und Jörg Reiter hat wieder einen Krimi geschrieben, der bis zur letzten Seite fesselt. Dass die beiden Drehbücher schreiben, ist dieser Reihe anzusehen. Die Geschichten werden lebendig erzählt. Sie sind sorgfältig recherchiert und die oft mühsame Polizeiarbeit wird authentisch geschildert.

    Das Umfeld der Toten bzw. von Leon und Ylidiz ist detailliert dargestellt. Die Verbindung zwischen türkischen Frauen und deutschen Männern wird nach wie vor in der türkischen Community nicht gerne gesehen. Umgekehrt eher, wenn junge Türken deutsche Frauen heiraten, ist die Toleranz höher.

    Auch kleine Nebenrollen sind mit detaillierten Viten gut besetzt - siehe „Glotzkowski“ oder Ylidiz‘ Bruder, der selbst Polizist ist.

    Der Kniff mit der Elternzeit für Martin Bauer ist gut gelungen. Die Betreuung seiner kleinen Tochter nimmt das hohe Tempo des letzten Krimis („Tiefer denn die Hölle“) ein wenig heraus. Gut gefällt mir, dass sich auch die so toughe Ehefrau widersprüchlich verhält. Ausgerechnet sie, die Martins Einsätze immer abgelehnt hat, verleitet ihn wieder, bis an seine Grenzen zu gehen (und sie auch ein wenig zu überschreiten). So erhalten die Figuren authentische Charakterzüge. Wieder mit dabei sind, neben Verena Dohr, der unsägliche KHK Guido Karmann und der gemeinsame Chef Lutz, dem die Dohr ein Dorn im Auge ist. Dass er Karmann protegiert, ihn zum Ermittlungsleiter macht, als Dohr eigenmächtig agiert, fällt ihm dann auf dem aufgeblasenen Kopf.

    Das Setting ist ausgefeilt. Die gewaltbereite Motorrad-Gang, die für Gänsehaut sorgt oder der etwas seltsame Herr Wegener vom Zoll - alles sorgsam ausgearbeitet. Allerdings sind die Szenen nie unerträglich brutal oder abstoßend sondern „nur“ extra spannend.

    Ich denke, den Zollbeamten werden wir in einem nächsten Fall wieder treffen.

    Fazit:

    Eine gelungene Fortsetzung dieser Krimi-Reihe, die durch hohes Tempo, penible Recherche und gut gezeichnete Charaktere besticht. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • #CrashTag von Martin Brückner

    Selbst fahrende Autos sind momentan das liebste Spielzeug mancher Autobauer und auch Autoren. So ist dieses als Thriller angebotenes Buch, wohl zu verstehen.

    Martin Brückner katapultiert seine Leser und Protagonisten in die nahe Zukunft. ALLE? Nein, Fritz Grabner, seines Zeichens eine Reporterlegende, die ihre beste Zeit schon hinter sich hat und knapp vor der Kündigung steht, weigert sich, jeden technischen Schnickschnack in sein Leben zu lassen. So braucht er immer wieder die Unterstützung einer jungen, hübschen Frau, die ihm im Dickicht der Digitalen Welt den richtigen Weg ebnet. Das Internet allerdings benützt er gerne, auch wenn er manchmal auf dubiose Seiten umgeleitet wird. Seine momentane Lieblingsseite ist „#Crashtag.com“, die von tödlichen Autounfällen berichtet.
    Nun erregt der Tod eines Industriellen in seinem aufgemotzten Porsche seine Aufmerksamkeit. Und als die Seite von einem weiteren tödlichen Unfall mit einer Nobelkarosse berichtet, wittert Fritz eine heiße Story ....

    Meine Meinung:

    Als Thriller kann ich das Buch nicht unbedingt bezeichnen. Dafür war mir der Spannungsbogen einfach zu flach. Aufgrund der Detailverliebtheit des Autors bleibt die Dynamik leider auf der Strecke. Dafür springt man nach den sehr kurzen Kapiteln von einem Schauplatz zum anderen, was eher unruhig als spannend auf mich wirkt. Der Schreibstil ist ein wenig flapsig und spricht vermutlich eher Männer an. Gleich auf den ersten Seiten ist folgender Dialog zwischen einem Mann und einer Frau zu lesen:

    „Was ein V12 ist, weiß ich nicht. Aber ich habe verstanden, dass du dieses alte Auto liebst. Es ist auch wirklich wunderschön, allerdings unglaublich unbequem.“

    „Schön und unbequem, genau wie du, Schatz. Allerdings ist der Wagen doppelt so alt.“

    Leider bedient sich der Autor zahlreicher Klischees siehe oben. So sind die Bösen im Reich der Industrie zu finden, die dem Reporter immer einen Schritt voraus zu sein scheinen, weil ja Geld so manchen Stein aus dem Weg schafft. Die schnellen Autos gehören ebenso dazu wie schöne Frauen.

    Ach ja Autos - ich mag ja Oldtimer und ihre solide Verarbeitung mit viel Chrom und Leder. Allerdings sind auch hier zahlreiche Details beschrieben, die den Autor als Liebhaber ebensolcher Statussymbole entlarven. Bei manchen technischen Details frage ich mich allerdings, wie das gehen soll: In den meisten Oldtimern steckt solide Handwerkskunst und wenig Chichi der Elektronikbranche. Ein nachträglicher Einbau einer Blackbox in einen alten Ferrari, die es erlaubt, das Auto aus der Ferne zu steuern? Na, ich weiß nicht.

    Der Kniff, dass Fritz seine Probleme mit seinem Idol Steve McQueen (1930-1980) bespricht, hat mir anfangs gut gefallen. Der Schauspieler und Rennfahrer ist - wie viele andere seiner Generation - der Inbegriff des Machos. Nicht Wein, Weib und Gesang - sondern Frauen, dröhnende Motoren und Benzin (und andere Substanzen) im Blut, war seine Welt.

    Nach einem spannenden Anfang folgt leider ein schwächelnder Mittelteil und ein nicht ganz stimmiger Schluss.

    Aufgefallen ist mir, dass das Buch „#Crashtag.Autonom.Fahren.Tödlich.“ zusätzlich auch unter dem Titel „Dino.Autonom.Fahren.Tödlich.“ am 23.04.2020 erschienen ist. Hm, das mag ich so gar nicht, wenn ein Buch unter zwei verschiedenen Titeln erscheint. Hier noch dazu im Abstand von nur 4 Tagen.

    Fazit:

    Alte Männer, alte Autos, verbrämt mit ein bisschen Hightech und einem Hauch investigativen Journalismus à la Watergate - das macht noch keinen Thriller. Hat mich leider nicht überzeugt, daher nur 3 Sterne.

  • Die Stadt von gestern von Thomas Hofmann; Beppo Beyerl

    Das Autoren-Duo Thomas Hofmann und Beppo Beyerl hat sich auf die Spuren längst vergangener Gebäude in Wien geheftet. Sei es, dass diese Bauwerke durch Naturkatastrophen, Brände, Kriege oder dem Verschönerungswahn zerstört worden sind. Alle haben sie gemeinsam, dass allenfalls nur mehr Bilder oder Gedenktafeln an sie erinnern.

    Unterteilt ist die Reise in die Vergangenheit in folgende Kapitel:

    Die Zeit gibt die Bilder
    Monumente, die es nicht mehr gibt
    Vergangene Freuden
    Alles in Bewegung
    Aus dem Alltag von gestern

    Selbst als historisch interessierte Wienerin ist es möglich, neues zu erfahren und zu entdecken. Die Autoren erzählen Geschichte und G‘schichterln im Plauderton und scheuen sich nicht, auch Tragisches zu erwähnen (siehe Ringtheaterbrand S.81).

    Auch in der Vergangenheit hörte man den Aufschrei von Zeitgenossen, die den einen oder anderen Neubau als „Verschandelung“ bezeichnete. Berühmtestes Beispiel ist das Loos-Haus am Michaelerplatz, das auch Kaiser Franz Joseph eine Bemerkung wert war.

    Gut hat mir der Abschnitt „Alles in Bewegung“ gefallen. Hier nimmt das Autoren-Duo die technischen Errungenschaften unter die Lupe. Das Flugfeld in Aspern (S. 181), der erste Flughafen Wien, der jetzt das größte Stadtentwicklungsgebiet Europas ist oder Spielereien wie die Zahnradbahn auf den Kahlenberg (S. 171) oder die berühmt-berüchtigte Reichsbrücke (S. 189). Die erste Konstruktion wurde von den Wienern „Selbstmörder-Brücke“ genannt.

    Als Fan von historischen Bahnhöfen bedaure ich den Abriss des alten Franz-Josephs-Bahnhof im Jahr 1974 sehr. Auf meinem Schulweg bin ich täglich vorbeigegangen. Seine Integration in einen Stahl-Glas-Palast einer großen Bank hat ihn und seinen Zweck fast zu Gänze verschwinden lassen. Wer an diesem Koloss vorbeigeht, kann nur erahnen, dass es sich hier um einen Bahnhof handelt.

    Das letzte Kapitel “Aus dem Alltag von gestern“ widmen die Autoren den sogenannten „kleinen Leuten“, die, wie die „Ziegel-Behm“ einen maßgeblichen, aber unbedankten Anteil an der Stadt von gestern hatten.

    Die Reise durch ein längst versunkenes Wien lässt mich an Mephisto in Johann Wolfgang von Goethes Faust I denken:

    „... denn alles, was entsteht,
    ist wert, daß es zugrunde geht...“

    Diese manchmal wehmütig anmutende Begegnung mit Bekannten und Unbekannten, mit Verlorenem und Verwehten ist durch eine Vielzahl von historischen Abbildungen untermauert (sic!). “

    Fazit:

    Für Wien-Liebhaber, egal ob Einheimische oder Besucher, ein gelungenes Buch, das anregt, die Stadt mit anderen Augen zu betrachten. Es gibt noch viel mehr zu entdecken! Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • Samurai von Ulf Kartte

    Zwei Promis aus Köln, der eloquente Rechtsanwalt Jürgens sowie der Schauspieler Morgenstern werden ermordet aufgefunden. Tatwaffe ist in beiden Fällen ein Samurai-Schwert und beiden hat der Täter das japanische Schriftzeichen für Gerechtigkeit appliziert.

    Das Team um KHK Brokat muss alle Register ziehen, um hinter die Zusammenhänge dieser Morde zu kommen. So wird die Neue im Team Ann-Kathrin Petersen an Schreibtisch und hinter den Computer verbannt, um die Hintergründe zu recherchieren. Nicht gerade das, was sie sich vorgestellt hat. Als sie die Gemeinsamkeiten entdeckt, ist niemand da, dem sie berichten kann, denn alle sind hinter dem Täter her, der bereits ein drittes Opfer gefunden hat. Petersen nimmt die Fährte auf und gerät unversehens in Lebensgefahr.

    Meine Meinung:

    Schon der Titel macht neugierig. Ein Samurai in Köln? Das ist mein erstes Buch von Ulf Kartte, wird aber nicht mein letztes sein. „Vogelfrei“ scheint der Vorgänger zu sein, den ich im Anschluss lesen werde.

    Die Charaktere haben alle so ihre Ecken und Kanten. Nicht alles ist bis in kleinste Detail beschrieben, so dass für die Leser auch Raum für eigene Interpretationen bleibt. Mancher wie Maric oder Schmid schleppt den Tod der Ehefrau als Schicksalspäckchen mit sich herum. Das macht die Figuren sehr menschlich, authentisch. Auch, dass Brokat und Kunert mit dem Neuzugang, der Polizeikommissärsanwärterin Ann-Kathrin Petersen vorerst keine allzu große Freude haben, ist ein wenig nachvollziehbar. Allerdings muss ich Brokat hier mangelndes Fingerspitzengefühl bzw. Führungskompetenz vorwerfen. Aber, ich weiß, dass es schwierig ist, am Beginn eines Mordfalls, in dem jede Stunde zählt, Geduld für einem Neuzugang aufzubringen.

    Gut gefallen mir die Recherchen zur Polizeiarbeit, die ja eher im Zusammentragen von Informationen besteht als durch Verfolgungsjagden mit quietschenden Reifen.
    Außerdem hat sich der Autor mit Japan und seiner Kultur intensiv auseinandergesetzt.

    Der Schreibstil ist fesselnd und die Handlung lässt keine Langeweile aufkommen. Der Krimi besticht durch überraschende Wendungen und lässt wegen des fiesen Cliffhangers auf einen Nachfolger hoffen.

    Fazit:

    Ein fesselnder Krimi aus Köln, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

  • „Amsel, Drossel, Fink und Star...“ so kennt man den Text aus der „Vogelhochzeit“. Mit Vogelnamen sind die Opfer eines als „Schwarze Henne“ agierenden Serien-Mörders bezeichnet. Allerdings nennt der Täter seine Opfer Kiebitz, Eisvogel, Marabu, Kuckuck oder Pfau und kündigt die einzelnen Verbrechen bei der Polizei auch noch an, um wenig später eine „Vollzugsmeldung“ nachzureichen.

    KHK Eugen Querlinger, von seiner Frau Gemahlin wegen des Übergewichtes auf gesunde Reduktionskost gesetzt, hat alle Hände voll zu tun. Seine ständige Unterzuckerung und der Hunger auf bodenständige Kost lassen ihn grantig erscheinen. Seine Notration: Erdnüsse. Die stärken ja bekanntlich die Nerven, denn der Fall zieht dem KHK und seinem Team ständig dieselbigen.

    Welche Schlüsse das Team aus den Ermittlungen zeiht und wie es gelingt, die „Schwarze Henne“ unschädlich zu machen, lest am besten selbst.

    Meine Meinung:

    Dieser Krimi ist der erste Band einer Reihe rund um den Ulmer KHK Eugen Querlinger. Man sagt ja den Schwaben angebliche Geschwätzigkeit nach, was auch der Titel zu bestätigen scheint. Nur ein toter Schwabe hält den Mund. Ich mag ja Krimis mit viel Lokalkolorit in denen auch so gesprochen wird, wie den Ortsansässigen der Schnabel (Sic!) gewachsen ist, doch hier war mir das Schwäbische ein wenig zu viel. Wobei, fast alle Dialoge im richtigen Dialekt zu schreiben, ist bestimmt anstrengend. Dieser Kunstgriff ist gut gelungen!

    Querlinger ist ein Genussmensch und so dürfen wir ihn auch bei seinen Einkehrschwüngen in die diversen Gasthäuser begleiten, Diät hin oder her. Knifflige Ermittlungen brauchen genügend Brennstoff in Form von einem g’scheiten Mittagessen. Weder Tofu noch Eisbein ist so nach dem Geschmack des Herrn Kriminalhauptkommissar, aber zum Glück gibt es ja auch in Berlin, wohin es ihn zu Recherchen verschlägt ein anständiges Wirtshaus.

    Lachen musste ich über die Übung „Schnarch-Yoga“, die Querlinger pflegt.

    Max Abele ist es gelungen, mich trotz eines handfesten Anfangsverdachtes vom wahren Täter abzulenken und in die Irre zu führen. Letzten Endes bin ich mit meiner Vermutung doch richtig gelegen.

    Das schlichte Cover weckt sofort das Interesse der potenziellen Leser. Viele denken an Alfred Hitchcocks „Vögel“.

    Fazit:

    Ein gelungener Regionalkrimi aus dem Haus Emons, dem ich gerne 4 Stern gebe.

  • Er ist da von Klaus Hackländer

    Klaus Hackländer, Wildbiologe an der Universität für Bodenkultur in Wien, versucht mit 40 gezielt gestellten Fragen zum Streitthema „Wolf“ Stellung zu beziehen.

    Dabei wird der komplexe Sachverhalt von allen Seiten beleuchtet. Obwohl die Diskussion pro und kontra Wolf sehr emotional geführt wird, bleibt der Autor immer sachlich.
    Es kommen Wissenschaftler und Betroffene zu Wort. Klaus Hackländer geht den verschiedenen Mythen vom Kinder fressenden Monster nach. Was ist dran an den Erzählungen in Sagen und Märchen? Ohne Wölfin kein Rom? Immerhin soll, so die Sage, eine Wölfin die ausgesetzten Zwillinge Romulus und Remus gesäugt haben.

    Einige Fragen beschäftigen sich damit, wie der Wolf in unser heutigen Lebensraum integriert werden kann, ohne dass er selbst Schaden nimmt oder Schaden anrichtet. Wie viele Wölfe verträgt ein Land (eine Region)? Eine einzige Antwort ist natürlich nicht möglich (S. 172)

    Klaus Hackländer ist Professor für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien. Er leitet außerdem das Department für Integrative Biologie und Biodiversitätsforschung. Er beschreibt die Wölfe als äußerst intelligente Tiere, die sehr schnell lernen. Deshalb ist es auch so schwierig, die einzelnen Rudel zu beobachten oder zu folgen. Selbst das Besendern ist keine Garantie, die Wanderungen der Tiere lückenlos zu dokumentieren.

    Mir hat dieses Buch sehr gut gefallen, weil es Klaus Hackländer versteht, diese komplexe Materie durch die 40 Fragen differenziert und sachlich zu betrachten. Außerdem bietet er Lösungsansätze, die mit ein bisschen gutem Willen und viel Aufklärungsarbeit bei den Betroffenen umgesetzt werden könnten.

    Fazit:

    Ein sehr gut gelungenes Sachbuch, das nicht nur auf interessante und fundierte Weise ein sehr komplexes, emotionsbehaftetes Thema aus Sicht von Experten und Betroffenen beleuchtet, sondern auch Lösungsansätze präsentiert und hinterfragt! Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

  • Lagerkoller von Remy Eyssen

    Oliver und Tanja sind, wie viele in der jüngsten Vergangenheit in Quarantäne. Die Ehe ist, nach einem Fehltritt Olivers mit der Nachbarin, zerbrochen. Wegen der Ausgangssperre ist es unmöglich eine neue Wohnung zu suchen. So herrschen strenge Regeln, wer welches Zimmer benützen darf. Der Kontakt zu einander ist nicht mehr vorhanden.
    Oliver verliert sich in Reminiszenzen und beobachtet das gegenüberliegenden Haus.

    Meine Meinung:

    Dieser Kurz-Krimi fängt die Stimmung einer zerbrochenen Beziehung in einer Ausnahmesituation sehr gut ein. Oliver ist mit seinen Gedanken alleine und niemand rückt seine Sicht der Dinge zurecht. Der Krimi ist ausschließlich aus seiner Sicht erzählt. Tanja und die Nachbarin tauchen zwar hin und wieder auf, führen aber nur das Leben von Randerscheinungen.

    Ein bisschen erinnert die Story an „Ein Fenster zum Hof“.
    Ich persönlich habe ja immer meine liebe Not mit diesen Kurz-Krimis, obwohl es bestimmt schwieriger ist, auf 30 Seiten eine spannende Geschichte zu erzählen als mit 300 Seiten.

    Fazit:

    Ein spannender Kurz-Krimi mit einem überraschenden Ende. 4 Sterne.

  • Acht Tage im Mai von Volker Ullrich

    Historiker Volker Ullrich nimmt seine Leser auf eine fesselnde Zeitreise in das Deutschland zwischen dem 30. April und dem 8. Mai 1945 mit. Dabei verbindet er unzählige zeitgleich stattfindende, dabei aber oft gegenläufige Ereignisse zu einer Gesamtdarstellung.

    Erich Kästner vermerkt am 7. Mai 1945 in seinem Tagebuch, „Leute laufen betreten durch die Straßen. Die kurze Pause im Geschichtsunterricht macht sie nervös. Die Lücke zwischen dem Nichtmehr und Nochnicht irritiert sie sehr.“ (S.11)

    Genau von diesem Vakuum zwischen alter und neuer Ordnung handelt dieses Buch.

    Im Prolog entzieht sich Adolf Hitler gemeinsam mit Eva Braun im Führerbunker seiner Verantwortung für die Gräuel des NS-Staates durch Selbstmord. Damit ist der Zweite Weltkrieg noch nicht zu Ende. Einige Weggefährten Hitlers rechnen sich im Rennen um dessen Nachfolge Chancen aus. Doch „Erbe“ wird Großadmiral Karl von Dönitz, der mit seiner Regierung für eine knappe Woche die Geschicke des Deutschen Reiches von Flensburg aus lenkt. Es wird noch acht Tage dauern, bis die Regierung Dönitz und damit Nazi-Deutschland endlich die bedingungslose Kapitulation unterschreibt.

    Volker Ullrich beschreibt diese langen „Acht Tage im Mai“aus verschiedensten Perspektiven.

    Alles ist in Bewegung, alles fließt „panta rei“. Auf der einen Seite rücken die westliche Alliierten unaufhaltsam vor und die Sowjetarmee liefert sich mit den letzten Einheit der Wehrmacht einen Kampf Haus um Haus in Berlin. Nach wie vor leisten Teile der Wehrmacht erbitterten und dennoch sinnlosen Widerstand.

    In diesen acht Tagen verüben die Schergen Hitlers noch zahlreiche Gräueltaten, die nicht mehr vom Diktator selbst angeordnet worden sind, sondern auf völlige Verrohung der Beteiligten schließen lassen:

    „Der Mord an den KZ-Häftlingen in der Phase der Todesmärsche war nicht von oben angeordnet und zentral gesteuert, vielmehr entwickelte er sich in einem unkoordinierten, dynamischen Prozess von unten, … ein schlagender Beleg dafür, in welchem Ausmaß der Virus entfesselter Gewalt von Teilen der deutschen Gesellschaft Besitz ergriffen hatte.“

    Es kommen berühmte Zeitzeugen wie Erich Kästner, Mitglieder der Familie Mann, Simon Wiesenthal oder Marlene Dietrich zu Wort. Doch auch wenig prominente Überlebende, wie untergetauchte Juden oder Regimekritiker werden zitiert.

    Diese Seitenblicke auf „normalen“ Bürger, die die Bombennächte in Bunkern und Kellern überlebten, finde ich sehr interessant. Daneben erfahren wir auch einiges über Menschen, die später in beiden Deutschlands (BRD und DDR) eine Rolle spielen werden: Willy Brandt, Konrad Adenauer, Hannah Ahrendt, Walter Ulbricht und Erich Honecker. Es ist aber auch von Personen, wie unter anderem Wernher von Braun und/oder der Familie Quandt die eine ambivalente, wenn nicht zwielichtige Roller während der NS-Zeit gespielt haben die Rede.

    Dem Autor gelingt es, ein umfassendes Bild der damaligen Situation zu entwerfen, indem auch das wehleidige Getue der ehemaligen Machthaber bzw. der deutschen Bevölkerung nicht fehlen darf. Ein großer Teil fühlt sich als „Opfer“ der fremden Armeen und „war eh niemals in der Partei“. Diese Einstellung herrscht sehr, sehr lange vor, manchmal noch bis heute. Auch die unmenschliche Behandlung der Kriegsgefangenen durch die Amerikaner (Stichwort „Rheinwiesenlager“) sowie die Plünderungen und Massenvergewaltigungen (hauptsächlich) durch Angehörige der Sowjetarmee ergänzen das Szenario dieser acht Tage im Mai.

    Die letzten drei Sätze im Epilog dieses Buches muss ich, in Anbetracht so mancher „blinder Flecken“ und dem seltsamen Geschichtsverständnis mancher Personen und/oder politischer Gruppen, hier zitieren:

    "Neben all der Zerstörung, der Selbstgerechtigkeit und der Unfähigkeit zu trauern, zeigten sich so schon erste zarte Knospen des Neuanfanges. Doch es sollte noch dauern, bis die Demokratie, die unter Anleitung von Amerikanern, Briten und Franzosen reimplantiert wurde, in der Bevölkerung der Westzone Wurzeln schlug. Man muss sich das Ausmaß der Verheerungen, der materiellen wie moralischen, vor Augen halten, um zu begreifen, wie unwahrscheinlich dies am 8. Mai 1945 erscheinen musste und welche Errungenschaft es bedeutet, heute in einem stabilen, freiheitlichen und friedlichen Land leben zu können. Vielleicht ist es an der Zeit, daran zu erinnern." (S.253) Dem ist wenig hinzuzufügen.

    Obwohl ein Sachbuch, liest sich das Werk eingängig. Der Schreibstil ist mitreißend und dennoch kann sich der Leser den Schilderungen der Gräuel nicht entziehen. Zahlreiche Fotos ergänzen das Buch und die Anmerkungen bzw. Quellenangaben umfassen rund 40 Seiten. Also eine Fundgrube, die sich weiter in diese Materie einlesen wollen.

    Fazit:

    Volker Ullrich gibt in diesem Buch aufschlussreiche Einblicke in den letzten des Deutschen Reiches, wobei er unzählige zeitgleich stattfindende, aber oft gegenläufige Ereignisse zu einer Gesamtdarstellung vereint. Gerne gebe ich für dieses Buch 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.

  • Pest und Corona von Heiner Fangerau; Alfons Labisch

    Das Autoren-Duo Heiner Fangerau und Alfons Labisch beleuchtet in diesem Sachbuch das Thema Nr. 1 dieser Monate: Corona-Virus bzw. Covid-19.

    Beide sind Mediziner und Historiker, also bestens gerüstet sich des Themenkomplex „Pandemien gestern, heute und morgen“ anzunehmen.

    In folgenden acht Kapiteln stellen sie Vergleiche mit vergangenen Seuchen an und ziehen Schlüsse für die Zukunft:

    Covid-19: die aktuelle Situation (Stand 2020-04-16)
    „Skandalisierte Krankheiten“ und „echte Killer“: Historische und aktuelle Beispiele
    Mehr als Fieber und Tote: Seuchen, die Geschichte machten
    Wenn der Tsunami kommt: Seuchen und die Gesundheitssicherung
    Agens - Vektor - Wirt: Krankheiten im individuellen und öffentlichen Leben
    Im Spannungsfeld: Der Mensch, die Öffentlichkeit und die Gesellschaft
    Die neuen Seuchen: Biologie und Gesellschaft - Ausbreitung und Abwehr
    Was ist zu tun?

    Die Autoren betrachten diese komplexe Materie sachlich, ohne Polemik. In einer wohltuend ruhigen Art werden ähnliche Ereignisse aus der Vergangenheit aufgezählt. Hinweise auf Epidemien in der Gegenwart, die, weil außerhalb Europas wenig Beachtung in der Allgemeinheit finden, aber dennoch tausende Opfer fordern, werden ebenfalls zu Vergleichszwecken herangezogen. Ein Beispiel ist die Malaria, die in weiten Teilen der Welt als die häufigste Todesursache gilt, in Europa aber, weil gut behandelbar, kaum jemanden interessiert.

    Sehr interessant finde ich jenen Teil, in dem erklärt wird, warum wir so reagieren, wie wir reagieren.

    Das Buch ist Mitte April erschienen und kann daher noch nicht alle Erkenntnisse, die wir jetzt Ende Mai haben, beinhalten. Das ist auch wegen dieses neuartigen Virus auch kaum zu erwarten. Das Virus ist wie eine komplexe mathematische Gleichung, in der mehr unbekannte als bekannte Größen vorhanden sind.

    Gut gelungen sind der Rückblick in die Vergangenheit und die interdisziplinäre Seitenblicke in mit der Medizin verwandte Wissenschaften.

    Der Schreibstil ist sehr sachlich, aber eingängig. Eine kleine Einschränkung ist vielleicht, dass nicht jeder Leser mit den Fachtermini vertraut ist. Ich fühle mich durch dieses Buch bestens informiert, bringe aber auch einiges an Vorwissen mit.


    Fazit:

    Ein umfassendes, gut recherchiertes Buch zum Thema, dem zahlreiche Quellen hinterlegt sind. Das Autoren-Duo stimmt nicht in den Chor der Populisten ein, die zwischen Angst und Verschwörungstheorie hin- und her pendeln, sondern geben ein wohltuend neutrales Bild der aktuellen Situation ohne reißerische Aspekte. Gerne gebe ich dafür 5 Sterne.

  • Whisky mit Schuss von Melinda Mullet

    Abigail Logan, seit einem Jahr Erbin einer kleinen, aber feinen
    Whisky-Destillerie, nimmt erstmals an einer prestigeträchtigen Whisky-Prämierung teil. An ihrer Seite Patrick, Grant und Hund Liam. Schauplatz dieser Leistungsschau ist ein formidables Hotel in den Highlands, das seinen Gästen allerlei Bequemlichkeiten und Belustigungen anbietet. So gibt es eine Greifvogelschau, den unvermeidlichen Golfplatz und eine Hundeschule.

    Das Personal ist ausgesucht höflich und muss regelmäßig die „Steckbriefe“ der Gäste, in denen deren Vorlieben und Marotten verzeichnet sind, auswendig lernen.

    Just in diesem Tempel der Vornehmheit, werden zwei der Preisrichter tot ausgefunden. Das ruft natürlich DI Michaelsen auf den Plan, der zu Abigail ein ambivalentes Verhältnis hat. Zum einen schätzt er ihren Verstand und die präzise Fragestellung, der ehemaligen Kriegsberichterstatterin, andererseits gehen ihm ihre Alleingänge, die nicht selten zu einer brenzligen Situation führen auf die Nerven. Doch diesmal ist Michaelsen auf Abigail angewiesen, befindet sich doch die Mehrzahl seiner Mitarbeiter im Krankenstand.

    Auf der Suche nach einem plausiblen Motiv gehen allerdings die Meinung der beiden weit auseinander. Während der Polizist den schnöde Geldgier vermutet, glaubt Abi, dass die Morde mit der Whisky-Prämierung zu tun haben.

    Wie weit beide daneben liegen, lest bitte selbst.

    Meine Meinung:

    Melinda Mullet ist wieder ein gut lesbarer Krimi rund um das „uisge beatha“, das „Wasser des Lebens“, gelungen. Der LEser erfährt völlig unaufgeregt einiges über Whisky abseits des schottischen oder irischen. Die Traditionalisten unter den Preisrichtern verabscheuen zwei Sorten: Whisky, der von Frauen bzw. von Ausländern destilliert wird. Die Wortgefechte dazu sind recht aufschlussreich, den in der Zwischenzeit gibt es ausgezeichnete Whiskys aus Japan oder Indien. Was gerade bei Indien, keine große Überraschung ein darf, denn die Briten waren ja lange Jahrzehnte Herren über den Subkontinent.

    Abigail zeichnet sich nicht nur durch Scharfsinn aus, sondern darf diesmal ein wenig eifersüchtig sein, als Brenna, eine Verflossene von Grant auftaucht. Doch noch mehr als die Beziehung zu Grant, kränkt Abigail, dass Brenna bei ihrem verstorbenen Onkel Ben, in die Lehre zur Whisky-Brennerin gegangen ist, und sie (Abigail) nichts davon wusste.

    Der Krimi ist wie seine beiden Vorgänger unterhaltsam und lässt sich leicht lesen.

    Ich hatte relativ bald einen vagen Verdacht, der sich erhärtet hat. Die Frage nach dem WARUM ist recht eindeutig, beim WIE hätte ich mir ein wenig präzisere Angaben gewünscht.

    Was für mich, obwohl Hunde nicht so sehr mag, unverständlich ist, dass Liam häufig Häppchen vom Tisch der Menschen erhält. Dass Spürnase Liam gerne Whisky schlürft, mag vielleicht ein witziges Blitzlicht sein, geht aber für mich gar nicht. Ein betrunkener Hund, der durch das Hotel torkelt? Gut, dass die Autorin am ENde der Buches erklärt, dass Hunde (Tiere) und Alkohol sich nicht vertragen.

    Fazit:

    Eine gelungene Fortsetzung der Reihe. Gerne gebe ich 4 Sterne.