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  • Teufelskrone von Rebecca Gablé

    Rebecca Gablé, Mutter aller Mittelalterromane entführt ihre Leser in die Zeit von Richard Löwenherz und seinem Bruder John Ohneland.

    Wir begleiten ein weiteres Brüderpaar durch die Jahre: Guillaume und Yvain von Waringham. Weil deren Vater sowohl bei Richard als auch bei John in der Gunst stehen will, ist findet sich Guillaume der ältere sich an Richards Hof wieder und Yvain verbringt seine Pagen- und Knappenzeit an Johns Seite.

    Der Bruderzwist im Haus Plantagenet ist so etwas wie der rote Faden durch das 928 Seiten starke Buch. Selbst Jahre nach Richards Tod, besteht die Feindschaft weite, da es Ritter gibt, die lieber Richards als Johns Gefolgsleute waren.

    Meine Meinung:

    Mit diesem 6. Band ist Rebecca Gablé wieder ein opulenter Mittelalterroman gelungen. Mir hat dieses Buch wieder sehr viel besser gefallen als „Der Palast der Meere“. Vielleicht weil mir Richard und John einfach bekannter sind?
    Wie immer flicht die Autorin gekonnt historische Details und Informationen zur Lebensweise im Mittelalter ein. Sehr spannend ist auch die Rolle des Papstes und der Kirche in diesem Jahrhundert. Während des Interdikt durften keine Messen gelesen und Tote christlich bestattet werden. Ich denke, das ist in der mittelalterlichen Welt der Menschen doch ein einschneidendes Erlebnis.

    König John wird als charakterlich schwierig dargestellt. Seine Paranoia, gepaart mit dem enormen Alkoholkonsum macht ihn unberechenbar. Die Unverfrorenheit mit der er die Verlobte eines anderen Königs heiratet, mit der er die Untertanen ausbluten lässt - auf den Schlachtfeldern genauso wie wirtschaftlich - ist authentisch dargestellt. Die Grausamkeiten, die John sein ganzes Leben begleiten, sind für uns heute kaum vorstellbar. Einfach die 28 Söhne von Rittern, die ihm als Geiseln überlassen worden sind, umzubringen, nur weil er sich von einem der Väter verraten glaubt?

    Sympathieträger wird John nicht mehr. Anders dagegen Yvain, der als zweitgeborener Sohn ebenfalls nur die Brosamen, die der älteren Bruder und Erbe überlässt, erhält, wirkt er auf mich jedenfalls aufrichtiger. Auch wenn er Amabel, die Frau seines Bruders liebt und damit Guillaume hintergeht.
    Lange Zeit hält er John unbedingt die Treue. Selbst als John seinen Neffen Arthur 1203 (vermutlich) eigenhändig ermordet hat, steht Yvain zu seinem König. Erst als Yvain von John zum wiederholten Male des Verrats bezichtigt wird und William Brasoe sowie seine Mutter Maude im Kerker verhungert sind, ändert Yvain langsam seine Meinung.

    Im Roman hat er auch einen großen Anteil an der Entstehung der „Magna Carta“, die die Barone dem König 1215 abgerungen haben. Besonderes Augenmerk wird hier dem Artikel 39 geschenkt:

    „Kein freier Mann soll verhaftet, gefangen gesetzt, seiner Güter beraubt, geächtet, verbannt oder sonst angegriffen werden; noch werden wir ihm anders etwas zufügen, oder ihn ins Gefängnis werfen lassen, als durch das gesetzliche Urteil von Seinesgleichen oder durch das Landesgesetz.“

    Dieser Artikel gilt natürlich nur für „freie Männer“, also Adelige. Der Großteil der Bewohner Englands in dieser Zeit sind Leibeigene, mit denen weiterhin nach Gutdünken verfahren werden durfte.

    Wirklich rechtskräftig wird die „Magna Carta“ erst einige Jahre nach Johns Tod, 1225.

    Der Schreibstil ist wie immer opulent und detailreich. Die Charaktere polarisiern häufig. Keiner ist vollkommen böse oder gut.

    Ein ausführliches Nachwort erklärt Fakten und Fiktion.

    Fazit:

    Ein dicker historischer Roman, in den ich für viele Lesestunden abgetaucht bin. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • Von Mussolini zu Salvini von Lorenz Gallmetzer

    Seit ich mich erinnern kann, ist Italien das Land der Regierungskrisen. Kaum ein Jahr, in dem nicht eine oder mehrere Regierungen ihren Platz räumen musste. Waren es früher Namen wie Aldo Moro, der von den Roten Brigaden entführt und ermordet wurde, Giulio Andreotti oder Bettino Craxi, so sind in der jüngsten Vergangenheit nach Silvio Berlusconi nun die von Beppe Grillo und Matteo Salvini.
    Dass diese recht eigenwillige Koalition von Nationalpopulisten und der Antisystem-Bewegung „Movimento 5 Stelle“ gescheitert ist, ist nicht verwunderlich.

    Woran krankt es in Italien?

    Einerseits ist der Faschismus unter Mussolini nie aufgearbeitet worden, sodass sich das Gedankengut bewahrt hat. Denn anders als Hitler hatte Mussolini keine
    Rassenwahnideologie im Kopf sondern „nur“ Rhetorik.

    „Der Ur-Faschismus kann in seiner unschuldigsten Form Verkleidung wieder auftreten. Wir haben die Pflicht, ihn zu entlarven und jedes seiner neueren Beispiele kenntnlich zu machen - an jedem Tag, an jedem Ort der Welt.“ (Umberto Eco, S. 97)

    Andererseits ist niemals ernsthaft versucht worden, die Gräben zwischen Nord- und Süditalien zu überbrücken. Im Gegenteil, in den letzten Jahren sieht es so aus, als ob sich dieses wirtschaftliche Auseinanderdriften noch beschleunigt hat. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 32% im Norden bzw. 50% im Süden, ist es nur logisch, dass hier Zukunftsängste bekräftigt werden. Die rechtspopulistischen Parteien schüren mit ihrer Propaganda diese Furcht noch extra: Gegen die sogenannten Eliten, gegen Intellektuelle, gegen die EU, gegen Ausländer und Flüchtlinge.

    Dass der größte Teil des Übels hausgemacht ist, verschweigen Parteien wie die Lega geflissentlich. Sie profitieren von der Korruption, der Bürokratie und auch der langsamen Justiz, der Personal an allen Ecken und Enden fehlt.

    Ich kann Lorenz Gallmetzer hier nur zustimmen, wenn er meint, dass sich auch die nächste Regierung nicht dazu entschließen wird, mit Korruption und Bürokratismus aufzuräumen.
    Auch wenn Salvini derzeit nicht in der Regierung sitzt, zieht er fleißig im Hintergrund an den Fäden, denn viele seiner Getreuen sind nach wie vor im Parlament vertreten.

    Ich fürchte, ähnlich wie der Autor, dass einer Rückkehr Matteo Salvinis wenig entgegenstehen wird. Es sei denn, die aktuelle Regierung schafft es in kurzer Zeit, die wichtigsten Reformen wenigstens einzuleiten.

    "Die großen Reformen zur Bekämpfung der Bürokratie und der Korruption, zur Sanierung der maroden Infrastruktur, zur Modernisierung des Landes sind jedenfalls nicht in Sicht." (S. 189)

  • Nordseenebel von Heike Denzau

    „Nordseenebel“ ist der Auftakt zu einer neuen Krimi-Reihe rund um Rapahel Freersen von Krimi-Autorin Heike Denzau.

    Raphael Freersen, knapp über dreißig, ist das schwarze Schaf der Familie des sogenannten „Kaffee-Königs“. Er ist das Gegenteil seines Zwillingsbruders Johannes. Während der als Pastor seine Familie mit Stolz erfüllt, hat Raph nur Wein, Weib und Autos im Kopf. Nachdem er nun die letzte Chance, im Familienunternehmen Fuß zu fassen, versemmelt hat, dreht ihm der Vater und Firmenchef den Geldhahn zu.
    Da kommt ihm das Erbe seines Onkels Georg Rickmers, eine kleine Detektei und ein halbes Haus (die andere Hälfte erhält Johannes) gerade recht. Zwar würde er angesichts des Chaos in Haus und Büro beides gerne verkaufen, doch dann weckt ein ungelöster Fall sein Interesse.

    Gemeinsam mit Ava und Imme, den beiden Bürokräften der Detektei beginnt er zu „ermitteln“. Dazu bedient er sich erstens dem seit Kindheit an gepflegten Spiel, dass Zwillingsbrüder die Rollen tauschen, und manche nicht ganz Gesetzes konforme Recherche.

    Kaum ist eine Frage halbwegs beantwortet, tauchen zwei neue auf. Als Tüpfelchen auf dem I, entdeckt er, wie skrupellos sein Vater sein kann, wenn es um die Firma oder die Familie geht.

    Meine Meinung:

    Mit Raphael Freersen hat die Autorin einen Ermittler geschaffen, der alles andere als perfekt ist. Ohne Kenntnisse der Materie eine Detektivbüro zu übernehmen erscheint waghalsig. Zu Beginn ist Raph ja so gar nicht davon überzeugt, in Onkel Georgs Fußstapfen zu treten. Doch langsam entwickelt sich so etwas wie Ehrgeiz, den offenen Fall aufzuklären. Wie lange das anhält, oder ob das Ganze nur eine Art Strohfeuer ist, wird die Zukunft zeigen. Denn bisher scheint Raph, trotz seines Alters, ziemlich unbekümmert durchs Leben zu gehen. Nun lernt er Menschen wie Ava kennen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat.
    Zu Beginn ist mir der Schnösel ein wenig unsympathisch gewesen, doch das hat sich im Laufe des Lesens geändert. Die Figur ist gekonnt blauäugig, zeitweise tollpatschig dargestellt. Doch das Aufschlagen in der Realität des Geld für den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, setzt bislang unvermutete Eigenschaften frei.
    Dabei helfen ihm verschiedene andere Mitwirkende. Da sind zum einen Imme und Ava zu nennen, oder auch Sina oder die beiden Putzfrauen, die ziemlich skurril wirken. Ha, da fällt mir auf, dass es hauptsächlich Frauen sind, die Raph in seiner Charakterentwicklung unterstützen.

    Nachdem es sich hier um den Auftakt einer Krimi-Reihe handelt, sind noch nicht alle Geheimnisse rund um die Zwillingsbrüder gelüftet.

    Die Handlung enthält kleinere und größere Rätsel, die es zu entschlüsseln gilt. Immer wieder gibt es überraschende Wendungen, so dass dem Leser nicht langweilig wird.

    Der Schreibstil ist locker und flüssig.

    Fazit:

    Für diesen Reihen-Auftakt, der mich gut unterhalten hat, gebe ich gerne 4 Sterne.

  • Im Haus der Lügen von Jürgen Ehlers

    Dieser Krimi aus dem Hamburg der Nachkriegszeit ist meine erste Begegnung mit Wilhelm Berger, dem Polizisten aus dem Nachkriegs-Hamburg. Der Kriminalfall erstreckt sich über mehrere Jahre zwischen 1947 bis 1955.

    Doch von Beginn an:
    1947 wird in einem Teich nahe Hamburg die nackte Leiche eines Mannes aufgefunden. Noch ganz im Banne des sogenannten „Trümmermörders“ liegt die Vermutung nahe, dass es sich hier um ein fünftes Opfers des Serienmörders handelt, den man niemals fassen konnte.

    Wilhelm Berger und sein Kollege Pagels übernehmen den Fall, in dem wenig so ist, wie es scheint. Immer wieder wird Berger von der Vergangenheit eingeholt. Sein Vater hat dunkle Geschäfte mit einem Nazi abgewickelt. Die Ermittlungen ziehen sich bis Dänemark und nach Ostdeutschland.

    Kaum ist eine Frage mehr oder weniger zufriedenstellend beantwortet, tauchen zwei neue auf. Beinahe verlaufen sich Berger und Pagels in dem Verwirrspiel um den Toten aus dem Teich. Es scheint, dass alle Zeugen die Unwahrheit sagen.

    Meine Meinung:

    Dieser Krimi ist nicht min erster von Jürgen Ehlers, der es meisterhaft versteht, die Nachkriegszeit in Hamburg einzufangen. Die Besatzung durch die Engländer ist sehr glaubwürdig geraten. Wir erfahren einiges über die politische und wirtschaftliche Situation der Menschen.

    Hamburg, durch die alliierten Bomben schwer beschädigt, leidet extrem unter der Wohnungsnot. So werden die wohnungslosen Menschen in halbwegs intakte Häuser einquartiert. Man arrangiert sich mehr recht als schlecht. Nicht immer weiß man, wer der Zimmernachbar ist. Das öffnet natürlich Tür und Tor jenen Menschen, die etwas zu verbergen haben- Identitätsschwindel, Verschweigen von Nazi-Vergangenheit usw. - alles ist möglich.

    Die Charaktere, die Jürgen Ehlers hier zeichnet, sind Menschen mit vielen Ecken und Kanten. Manche haben mehr, manche weniger braune Flecken. Immer wieder wird das Tun oder Lassen in der NS-Diktatur thematisiert. So ist auch der sympathische Wilhelm Berger nicht ganz frei von Schuld, weil er, den Netzwerken des Vaters vertrauend, für seine Tochter lebensrettende Begünstigungen benützt hat. Kann man ihm deshalb Vorwürfe machen? Hier der besorgte Vater, der seine halbjüdische Tochter vor den Nazis retten will, dort der Nutznießer der Beziehungen, der vielleicht das eine oder andere Mal weggesehen hat. Es ist schwer, ihn zu verurteilen, wie es Pagels manchmal tut.

    Dieser Krimi ist eng an einen echten Kriminalfall angelehnt, der vor Jahren unter dem Titel „Stahlnetz“ für das Fernsehen verfilmt worden ist.

    Ich werden jedenfalls alle Vorgänger zu Wilhelm Berger lesen, denn er ist eine interessante Figur.

    Fazit:

    Ein eher ruhiger Krimi, der sich durch einen hohen Spannungsbogen und guten Sprachstil auszeichnet. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • Kärntner Kesseltrieb von Alexandra Bleyer

    Mit den harschen Worten „Schnackseln könnts meinetwegen in den Brombeerstauden, wenns euch ka Hotel leisten könnts!“ (S. 10) vertreibt Aufsichtsjäger Sepp Flattacher ein vermeintliches Liebespaar von seinem Hochsitz. Dass es sich hierbei um ein mittelalterliches Ehepaar aus Deutschland handelt, das sich vor einem vermeintlichen Angriff eines Braunbärens in Srcherheit gebracht hat, kratzt ihn wenig. ER weiß ja, dass in seinem Revier keine Bären vorkommen (Schwarzbeeren ausgenommen).

    Doch damit noch nicht genug, findet er gemeinsam mit Reini einen halbtoten, jungen Mann, dessen gestammelte Nachricht „Klapperschlange“ selbst den wackeren Jäger das Gruseln lehrt. Kreuzottern im Kärntner Forst ja, Klapperschlange nein, oder doch? Hier schafft ein Besuch im Klagenfurter Reptilien Zoo von Helga Happ für Klarheit.

    Als er noch zu guter Letzt eine Hanfplantage und bei Reini seltsame blaue Tabletten mit dem Logo „MiM“ findet, ist Schluss mit lustig. Wer will aus dem beschaulichen Mölltal eine Drogenhölle machen?

    Obwohl er nicht immer ein echter Freund der Exekutive ist, meldet er die Funde Martin Schober, dem Polizisten mit dem er schon einige Fälle aufgeklärt hat. Immerhin ist Martin mit Reinis Schwester verbandelt. Da ihm der vermeintliche, mangelnde Enthusiasmus der Polizei auf die Nerven geht, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei hängt ihn sein liebster Feind, Nachbar Heinrich Belten, wie ein Klotz am Bein.

    Noch wissen weder der Sepp noch der Martin, dass ihnen das größte, gemeinsame Abenteuer noch bevor steht ....

    Meine Meinung:

    Auch im 4. Flattacher-Krimi läuft der grantelnde Aufsichtjäger wieder zu seiner Höchstform auf, auch wenn er manchmal an sich zweifelt und sich versöhnliche Töne einschleichen. Ob er langsam alt wird? Herrlich, wie er die Leute mit seinen ehrlichen, aber meist unüberlegten Aussagen vor den Kopf stößt. So nennt er Frauen, die sich die Haare färben „Schastrommeln, die nicht in Würde altern können“ und bedenkt nicht, wie seine angebetete Irmi, die be diesem Ausspruch daneben steht, zu ihrem rabenschwarzes Haar kommt.

    Köstlich auch die Episode, in der Heinrich Belten und er Hanf-Kekse verkosten und ein wenig zu viel davon abbekommen. Doch am besten hat mir der Sepp als Ratgeber für den Reini gefallen. Ausgerechnet er gibt dem schüchternen Jagdgehilfen Nachhilfeunterricht beim Anbandeln.

    Wie wir es von Alexandra Bleyer gewöhnt sind, kommt der Kärntner Dialekt nicht zu kurz. Für die, die diesen nicht verstehen, gibt es am Ende des Buches ein ausführliches Glossar.
    Mit viel Humor und Lokalkolorit bringen Flattacher & Co. die Bösewichte zur Strecke. Da bleibt kaum ein Auge trocken. Lachen musste ich auch, als Martin Frau Happ erklärt, sie dürfe die Zahlen in runden Schilder am Straßenrand getrost ignorieren. Er würde sich um jeden einzelnen Strafzettel persönlich kümmern. Immerhin ist Klagenfurt und der Reptilienzoo rund 100 km entfernt. Extra für Kerstin hat unsere Autorin einen netten alleinstehenden Drogenfahnder ins Boot, äh, nach Obervellach geholt. Ob daraus etwas wird?

    Mit großer Spannung erwarte ich den nächsten Flattacher und die Verfilmung des ersten Falls „Waidmannsdank“. Spätestens dann wird Obervellach zum Mekka der Flattacher-Fans. Für alle diejenigen, die gerne neue Ferienziele ausprobieren wollen, kann ich Obervellach und das Lokal „Grillkunst“ nur empfehlen.

    Fazit:

    Ein Krimi, der die Lachmuskel kaum erschlaffen lässt und dennoch ein Körnchen Ernst beinhaltet. Selbst das Mölltal ist keine Insel der Seligen mehr, den Junkies gibt es überall. Gerne gebe ich hier 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

  • Kinder der Poesie von Barbara Rieger

    „Kinder der Poesie“ ist quasi der zweite Band zu „Melange der Poesie“. Statt Kaffeehäusern stehen Kindheitserinnerungen bekannter Schriftsteller im Fokus von Autorin Barbara Rieger und Fotograf Alain Barbero.

    Folgende 18 Autoren, geboren zwischen 1924 bis 1994 haben uns einen Einblick in ihre höchst persönliche Kindheit gewährt: Theodora Bauer · Dimitré Dinev · Milena Michiko Flašar · Barbara Frischmuth · Sabine Gruber · Norbert Gstrein · Josef Haslinger · Bodo Hell · Elias Hirschl · Alfred Komarek · Barbi Marković · Friederike Mayröcker · Robert Menasse · Petra Piuk · Kathrin Röggla · Julian Schutting · Anna Weidenholzer · Daniel Wisser

    So lesen wir von Friederike Mayröcker und ihrer Großmutter, begleiten Josef Haslinger durch seine Schulzeit im Klosterinternat oder halten mit Norbert Gstrein Rückschau auf eine Kindheit, die im heutigen Licht ein wenig anders aussieht als damals.

    Diese sehr intimen Gedanken werden durch einfühlsame Texte von Barbara Rieger ergänzt. Alain Barbero steuert geniale schwarz/weiß Fotos bei, die den Geschichten noch mehr Tiefe verleihen.

    Gut gefällt mir auch, dass dem Geburtsjahr jedes Autors ein "was sonst noch geschah" beigefügt ist. So kann der historische Kontext gut hergestellt werden.

    Das ungewöhnliche Format (A4 quer) hebt sich von den vielen Büchern in den Regalen ab. Die Verarbeitung ist hochwertig.


    Fazit:

    Ein wenig anders als „Melange der Poesie“, dennoch kann ich mit gutem Gewissen eine Leseempfehlung und 5 Sterne vergeben.

  • Der Tod tanzt in Graz von Robert Preis

    Es ist wieder September in der Steiermark und die Landeshauptstadt Graz rüstet sich für das alljährliche Fest des „Aufsteirerns“. Ursprünglich ein Brauchtumsfest, ist es nun zu einem Event des allgemeinen Schunkelns zu volkstümlicher Musik und alkoholgeschwängerter Luft geworden. Außerdem ist natürlich jede Menge Geld für Veranstalter und Mitwirkende im Spiel.

    Wenige Tage vor dem Fest wandern ein bekannter Volksmusikant gemeinsam mit seinen Fans auf der Teichalm. Dann fällt ein Schuss und der Musiker, MItglied eines bekanntes Ensembles, stirbt vor den Augen seiner Fans. Unverzüglich wird die Truppe rund um Ermittler Armin Trost mit der Aufklärung betraut. Trost selbst, der in seinem letzten Fall seine Familie verloren hat, ist unauffindbar. Allerdings gibt er auf dem Off Hinweise und taucht unvermittelt in der Dienststelle auf.

    Noch während sich Anette Lemberg, die Trosts Nachfolge antritt, mit dem Tod von der Teichalm beschäftigt, geschieht ein zweiter Mord. Wieder ist ein Musiker das Opfer. Wo ist der Zusammenhang? Wer will verhindern, dass diese Musikergruppe beim „Aufsteirern“ aufspielt? Jemand, der die Kommerzialisierung der Volksmusik hasst?

    Meine Meinung:

    Wie wir es von Robert Preis gewöhnt sind, ist das Einfache nicht seine Sache. Hintergründig bis hinterfotzig legt er seine Charaktere an.
    Da ich mehrmals im Jahr in Graz bin, kann ich den Spuren des Krimis sehr gut folgen. Abseits der üblichen Sehenswürdigkeiten wie Schlossberg samt dazugehörigem Uhrturm, erkunden wir die steirische Landeshauptstadt. Wir folgen Annette Lemberg zu weniger bekannten Plätzen.

    Das Verhalten von Armin Trost stellt Vorgesetzte, Kollegen und die Leser vor ein Rätsel. Was treibt ihn an? Ist seine Familie jetzt wirklich tot oder konnte sie gerade noch gerettet werden? Kann es sein, dass Trost wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung den Verstand verloren hat? Oder spannt uns der werte Herr Autor „nur“ auf die Folter? Mit der Beantwortung dieser offenen Frage werden wir uns wohl oder übel bis zum nächsten Fall gedulden müssen.
    Nicht immer ist es leicht, Trosts Handlungen und/oder Gedanken nachzuvollziehen.

    Der Schreibstil gefällt mir sehr gut. Der Spannungsbogen ist hoch gehalten. Man merkt, dass sich der Autor mit der manchmal gruseligen Welt der Sagen und Mythen beschäftigt hat und die Leser dorthin mitnimmt. Siehe auch den Hinweis auf die Verteidigung der Stadt Graz im Jahre 1809 gegen die Napoleonischen Truppen. Hierzu hat Robert Preis ein eigenes Buch geschrieben („Das Gerücht vom Tod“).

    Besonders gut gelungen sind die kritischen Anmerkungen zur volkstümlichen (oder wie manchmal auch gesagt wird „volksdümmlichen“), die mit dem Ursprung der Musik aus den unterschiedlichen Regionen so rein gar nichts mehr zu tun hat.

    Für Leser, die (noch) wenig mit der Steiermark zu tun haben, gibt es am Ende des Buches ein kleines Lexikon mit den wichtigsten Vokabeln.

    Fazit:

    Ein Krimi abseits des Mainstreams, dem ich gerne 5 Sterne und eine klare Empfehlung für (nicht nur) Krimiliebhaber gebe! Allerdings sollte bei Band 1 begonnen werden.

  • GenussSpur Steiermark von Claudia Rossbacher; Sabine Flieser-Just

    Krimiautorin Claudia Rossbacher und Genusscoach Sabine Flieser-Just entführen ihre Leser in die neun kulinarischen Regionen der Steiermark. Diese sind:

    Weststeiermark
    Hochsteiermark
    Südoststeiermark
    Oberes Murtal
    Alpine Steiermark
    Oststeiermark
    Südsteiermark
    Region Graz
    Graz

    Wir kosten uns durch regionale Küchen und Keller durch, und erfahren einiges über Land und Leute. Die Rezepte für die köstlichen Speisen sind natürlich abgedruckt. Zusätzlich gibt es einen Mini-Kurzkrimi aus Claudia Rossbachers Feder. Wunderschöne Fotos von den Speisen und der Landschaft vervollständigen dieses prächtige Buch. An dieser Stelle möchte ich auch die Fotografin nennen: Lucija Novak.

    Gemeinsam war das Drei-Mäderl-Haus rund ein Jahr und 12.000 km auf und mit diversen Fortbewegungsmitteln unterwegs, um für dieses Buch zu recherchieren. Dass die Speisen und Getränke dabei verkostet wurden, bevor sie Aufnahme in das Buch gefunden haben, ist selbstverständlich.

    Fazit:

    Eine kulinarische Rundreise durch die Steiermark, der ich gerne 5 Sterne gebe. Als Geschenk für Steiermark-Fan und solche, die es noch werden wollen, eine großartige Idee. Wohl bekomm’s!

  • Als die Nacht sich senkte von Herbert Lackner

    Dieses Buch ist eigentlich die Vorgeschichte zu „Die Flucht der Dichter und Denker“ in der Herbert Lackner den Exodus zahlreicher jüdischer Geistesgrößen aus Österreich beschreibt.

    Hier beleuchtet der Journalist und Buchautor Herbert Lackner die Jahre von 1918-1938.
    Beginnend mit dem kläglichen Verhalten von Ex-Kaiser Karl, der den provisorischen Staatschef Karl Renner in seinem letzten Domizil in Österreich, im Schloss Eckartsau, nicht empfängt, weil Renner sich nicht protokollarisch korrekt angemeldet hat, spannt er den Bogen bis zum Anschluss an Hitler-Deutschland.

    Wir begegnen jenen Personen, deren Flucht im ersten Buch beschrieben ist. Zum Beispiel Alma Mahler-Werfel, die mit zwei jüdischen Ehemännern verheiratet und trotzdem eine glühende Antisemitin war. Ein Widerspruch, der schwer zu ertragen, aber dennoch häufiger vorgekommen ist, als man glaubt.
    Herbert Lackner zeichnet ein präzises Bild der österreichischen Politik der Zwischenkriegszeit. Die übertriebene Furcht vor Kommunisten und Sozialisten, lässt die Nazis erst so richtig aufkommen. Dass sich weder die katholische noch die evangelische Kirche mit Ruhm bekleckert haben, lehrt die Geschichte.

    Der Brand des Justizpalastes nach dem „Schandurteil von Schachendorf“, der folgende Bürgerkrieg, der Mord an Dollfuss - alles Mosaiksteine, die den Weg in den Austrofaschismus und in die Diktatur geebnet haben.

    Interessant auch die Erwähnung Adolf Hitlers, der schon im Oktober 1920 einen dreistündigen Monolog über die „Judenfrage“ gehalten hat.

    Den Titel finde ich sehr gut gewählt. Denn genauso wenig wie die Nacht plötzlich hereinbricht, so ist der Nationalsozialismus nicht vom Himmel gefallen. Lange Zeit hat man zugesehen, nichts dagegen unternommen, mit der Ideologie geliebäugelt bis es letztendlich zu spät war.

    Wie immer, ist auch dieses Buch penibel recherchiert. Es bietet neben einer eindringlichen, präzisen Sprache auch jede Menge weiterführende Literatur, die zum Weiterlesen anregt.

    Fazit:

    Das Buch zeigt auf, dass es wichtig ist, sich für die Demokratie stark zu machen. Denn der Ungeist des Totalitarismus schleicht sich mit leisen Schritten (wieder) an. Ein absolut lesenswertes Buch, das wachrüttelt.

  • Der Hamlet und die Schokolinse von Bernd Mannhardt

    Bernd Mannhardt ist den meisten von uns als Schöpfer des KHK Hajo Freisal und dessen Assistentin Yasemin Gutzeit bekannt. Diesmal plaudert er aus dem Nähkästchen und in seinen Kindheitserinnerungen als Dreikäsehoch in den 1960er Jahren.

    Seine ersten Eindrücke sind eine Eintopf kochende Großmutter und ein eher unkonventioneller Opa, der manchmal die Spüle für andere Zwecke missbraucht. Das alles spielt sich in einer Mietskaserne „Altbau, Hinterhaus, erste Etage links“ in Berlin-Neukölln ab.

    Gemeinsam lernen wir „Hamlet“ kennen, jenen schwarz/weiß Fernseher mit Nussholzfurnier, der wohl zu jener Zeit in beinahe jedem Haushalt gestanden ist.

    Wir teilen so manche Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit und Freiheit, die es heutzutage für die Kids nicht mehr gibt. Querfeldein alleine durch die Straßen eilen? Ohne das andauernde Tracking durch ein Mobiltelefon? Heute völlig unmöglich, damals ganz normal mangels Überwachungs- und Ortungsgerät. Man war froh, einen Festnetzanschluss zu haben.

    Die Episode mit dem Pfeilschuss, der beinahe ins Auge ging, hat mich kurz die Luft anhalten lassen.

    Ein wenig später erleben wir die ersten frühen schriftstellerischen Ergüsse. Froh bin ich, dass es mit der Sangeskarriere nichts geworden ist. Als Autor finde ich Bernd Mannhardt echt klasse.

    Mit viel Humor und Selbstironie nimmt mich Bernd Mannhardt in sechs Kapiteln auf die Reise in seine (und auch meine) Vergangenheit mit. In eine Zeit, als Musik aus dem Radio oder vom Plattenspieler kam. Sehr aufschlussreich ist auch die beinahe kriminelle Ader des werten Herrn Autors. DAS habe ich mich nie getraut. Nun kann er ja als Krimi-Autor seinen Neigungen ungestraft, ja sogar bezahlt, nachgehen.

    Den „Hamlet“ gibt es nicht mehr, Schokolinsen schon und hoffentlich bald einen neuen Krimi aus der Feder unseres verehrten Autors.

    Fazit:

    Ich habe mich herrlich amüsiert und ein wenig wehmütig an die eigene Kindheit und Jugend zurückgedacht. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.