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  • Margarete Schütte-Lihotzky von Mona Horncastle

    Wer den Namen Margarete Schütte-Lihotzky hört, denkt unwillkürlich an die „Frankfurter Küche“. Diese Erfindung wird die großartige Architektin bis an ihr Lebensende beinahe „stigamtisieren“. Sie selbst sagt häufig empört „Ich bin keine Küche".
    Margarete Schütte-Lihotzky ausschließlich auf die „Frankfurter Küche“ zu reduzieren, hieße Perlen vor die Säuer werfen.

    Wer war sie nun wirklich?

    Die 1897 in eine Wiener bürgerliche Familie hinein geborene Margarete war ihr ganzes Leben lang irgendwo die erste Frau. Sei es als Studentin oder als frei schaffende Architektin. Gegen viele Widerstände geht sie ihren Weg. Sozialkritisch und immer darauf bedacht, berufstätige Frauen zu entlasten, was ihr durch durchdachte Planung ihrer Wohnungen und Häuser gut gelingt. Nicht alle ihre Entwürfe werden tatsächlich gebaut.
    In der Zwischenkriegszeit geht sie mit einer Gruppe engagierter Architekten nach Russland. Entgegen den Erwartungen erhält sie auch dort weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen. Letztlich wird nur der Arbeitsvertrag ihres Mannes verlängert, dennoch arbeitet sie ohne Bezahlung an diversen Projekten. 1940 kehrt sie, nach einem Aufenthalt in Istanbul, nach Wien zurück. Ihr Mann bleibt in der Türkei.

    Den Nazis kann und will sie sich nicht anschließen. Sie tritt 1939 in die Kommunistische Partei ein und engagiert sich im Widerstand. Sie wird verhaftet und entkommt mit knapper Not der Hinrichtung.
    Nach dem Krieg erhält sie in Österreich keine öffentlichen Aufträge - die Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei verhindert das während des Kalten Krieges. Das ist so typisch für diese Zeit. Währen die ehemaligen Nazis ihre nach wie vor bestehenden Netzwerke nützen können, verlässt Margarete Schütte-Lihotzky Österreich. Sie baut Kindergärten, Schulen und Sozialbauten in Kuba, der DDR und in China.

    Erst in den späten 1950er Jahren gelingt es ihr, einige öffentliche Gebäude in Österreich zu planen.

    Auch im hohen Alter hat sie politisch engagiert. Spät, aber doch, hat sie zahlreiche Ehrungen erhalten.

    Wenige Tage vor ihrem 103. Geburtstag stirbt die Pionierin in Wien.

    Meine Meinung:

    Mona Horncastle hat für diese Biografie penible Recherchen angestellt und rief in den Archiven gewühlt. Herausgekommen ist ein Bild einer großartigen Frau, die sich nur nicht und niemanden verbiegen hat lassen, auch wenn es sie beinahe das Leben gekostet hätte.

    Was mich noch mit Margarete Schütte-Lihotzky verbindet? Ich habe nur einen Häuserblock von ihrer elterlichen Wohnung (Hamburger Straße 14) entfernt, einen Teil meiner Kindheit verbracht und, meine Dienststelle steht genau auf jenem Grundstück in der Schiffamtsgasse, in dem das Gestapo-Gefängnis für Frauen stand, in dem Margarete Schütte-Lihotzky inhaftiert war. Ach ja, bei einem Architekten habe ich auch einige Zeit gearbeitet.

    Ich habe bereits vor einiger Zeit ihr Buch „Warum ich Architektin wurde“ gelesen.

    Fazit:

    Eine Hommage an eine große Frau, die nicht auf die Erfindung der „Frankfurter Küche“ reduziert werden sollte. Für diese Biografie gebe ich ein unbedingte Leseempfehlung und natürlich 5 Sterne.

  • Der österreichische Manager und Jurist Manfred Drennig beleuchtet in diesem Buch die Geschichte der Wirtschaftspolitik und die Auswirkungen bis heute (und in die Zukunft).

    Dazu finden wir in acht Kapiteln interessante Statements:

    Die beste aller Welten und ihre Erschaffung durch den Markt
    Verhaltensökonomie als Suche nach dem Heiligen Gral
    Einkommen als Ergebnis sozialer Leistung oder Beuteverhalten
    Wirtschaftswachstum: notwendig, schädlich oder beides?
    Internationale Arbeitsteilung: Der Traum von der heilen Welt
    Die Macht des Geldes und die Ohnmacht der Geldpolitik
    Politik: Vom öffentlichen Diskurs zur Manipulation
    Es gibt viel zu tun

    Mir hat besonders gut das Kapitel „Die Macht des Geldes und die Ohnmacht der Geldpolitik“ gefallen. Hier wird u.a. erläutert wie es zum Börsencrash 1929 gekommen ist, dessen Folgen Millionen Menschen in den Abgrund gerissen hat. Oder, wie sich die gut gemeinte Idee der billigen Wohnraumkredite in einen Albtraum für Kreditnehmer, Banken und Staaten entwickelt hat. Aber, es ist ja bekannt, dass „gut gemeint“, das Gegenteil von gut ist.

    Die enge Verzahnung der Weltwirtschaft untereinander wird uns auch in der Zukunft vor große Herausforderungen stellen. Hoffen wir, dass uns die aktuelle Überregulierung, die aller Orten das Hervorbringen neuer Ideen hemmt, nicht noch mehr überhand nimmt.

    „Wer Initiative zeigt, wer vor allem neue Wege gehen will, droht unter einem Wust von wohlmeinenden Vorschriften zu ersticken.“ sagte Roman Herzog, ehemaliger Bundespräsident Deutschlands, in seiner „Berliner Rede“ 1997. Dem ist wohl wenig hinzuzufügen.

  • Herbstleich von Lisa Gallauner

    Die Prügelei während der Halloween-Party endet mit einem Toten. Dorfpolizist Friedrich Fesch, der diesem neumodischen Fest so gar nichts abgewinnen kann, darf wieder mit Michaela Mörderisch, der toughen Kriminalbeamtin ermitteln.

    Ist der Streit um eine Dorfgrazie wirklich der Auslöser für den Mord? Bei näherem Hinsehen, scheint nichts wie es ist, zu sein. Akribisch sortieren Mörderisch & Fesch die einzelnen Mosaiksteinchen und stellen fest, dass die dörfliche Idylle trügt.

    Meine Meinung:

    Lisa Gallauner ist eine gute Fortsetzung ihres ersten Krimis („Mörderisch & Fesch“) gelungen. Das höchst ungleiche Ermittlerpaar ergänzt sich prächtig.

    Die Geschichte spielt in dem kleinen, fiktiven Ort St. Lindenbaum, der überall sein könnte. Die Dorfbewohner kennen sich von klein auf, man weiß um das eine oder andere Familiengeheimnis. Wenig bleibt verborgen, doch alles, was nicht eindeutig belegt wird, wird durch die eigene (oft bösartige) Fantasie ausgeschmückt. Mit dabei sind einige Charaktere, die wir schon kennen. So darf Jenny dem einen oder anderen Dorfcasanova wieder der Kopf verdrehen oder die Tupfinger-Martha, deren Tratsch-Sucht die „Bild-Zeitung“ gehörig in den Schatten stellt.

    Lisa Gallauner hat einen leicht lesbaren und lockern Schreibstil, der die Seiten nur so dahin fliegen lässt.

    Fazit:

    Ein, bis auf die Leiche mit Bauchstich, unblutiger Krimi, der durch Wortwitz und eine flüssige Erzählweise besticht. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • Tote Hunde bellen nicht von Carine Bernard

    Tierärztin Dr. Katja Maus versucht einer Gruppe Schüler das Wachstum der Bäume im Ratinger Forst zu erklären, als sie buchstäblich über eine Leiche stolpern. Es scheint, als wäre Christian Witte, ein Schriftsteller, bei einem Fahrradunfall ums Leben gekommen. Doch als Pitter, der Hund des ermittelnden Polizisten Constantin Blum und Freund von Katja, wenig später einen blutverschmierten Ast apportiert, ist klar, dass es sich hier um ein Gewaltverbrechen handelt.

    Anders als im ersten Fall („Ein Hund, der eine Grube gräbt“) kommt Katja Maus nicht dazu, sich mit dem Polizisten Constantin Blum über den Fall auszutauschen, denn Jenna, ihre Praktikantin sorgt für Troubles in der Praxis und in Katjas Seelenleben, das durch wohl gesetzte Spitzen ihres Ex-Mannes Harro ohnehin angeknackst ist.

    Dennoch schafft es Katja, die eine aufmerksame Zuhörerin ist, einige wichtige Details aus dem Leben des Schriftstellers zu erfahren. Allerdings gibt sie die Informationen nicht an Constantin sondern an dessen Vorgesetzten weiter.

    Meine Meinung:

    Die Krimihandlung hat mir gut gefallen und auch die Arbeit als Tierärztin ist gut beschrieben. Die Idee, Auszüge aus dem buch des ermordeten Schriftstellers einzuflechten, ist eine nette Idee.

    Katja Maus wirkt diesmal überfordert und depressiv. Daher benimmt sie sich manchmal wie ein Teenager, dabei ist sie 42 und hat ein Studium abgeschlossen! Eigentlich kein Grund, sich minderwertig zu fühlen. OK, es kommen mehrere Dinge zusammen: die Praxis läuft nicht so gut, ein zusätzlicher Tierarzt macht das Leben auch nicht leichter, Tochter Lenas Schulerfolg lässt zu wünschen übrig, diese intrigante Praktikantin Jenna und der ewig nörgelnde und besserwisserische Ex-Mann. Ja, das ist schon viel Ungemach, das Katja Maus trifft. All das scheint ihr über den Kopf zu wachsen.

    Dass sich letzten Endes einige der Probleme (fast) von selbst lösen, lässt auf eine Verbesserung der Situation hoffen.

    Fazit:

    Mit der Krimi-Handlung bin ich zufrieden, mit dem privaten Chaos nicht. Das war für mich ein wenig zu dominant. Daher gibt es diesmal nur 3 Sterne.

  • Knieschmerzen selbst behandeln von Roland Liebscher-Bracht; Petra Bracht

    Mit dem Ratgeber „Knieschmerzen selbst behandeln“ hat das Autoren-Duo Liebscher & Bracht eine Anleitung zur Selbsthilfe gegen Knieschmerzen geschaffen.

    Das Buch ist bei Gräfe & Unzer erschienen und beinhaltet neben einer theoretischen Abhandlung, wie Schmerz entsteht, insbesondere im Knie, und warum herkömmliche Versuche diesem Herr zu werden, nichts fruchten, Anleitungen und zahlreiche Fotos, wo z.B. die Druckpunkte zu finden und wie sie zu benützen sind.

    Das Duo Liebscher & Bracht schwört auf Faszientraining, was ich nach zwei Knieoperatioen an einem Knie, Knorpelglatzen in beiden und zahlreichen orthopädischen Konsulatationen mit mäßigen Erfolg, durchaus nachvollziehen kann, da selbst ausprobiert. Ich habe allerdings eine deutliche Verbesserung in meinen Knien durch eine Hyaluron-Spritzen-Kur erlebt, die die Autoren als „Placebo“ bzw. als nicht wirksam bezeichnen.

    Dass mehr (sanfte) Bewegung Muskeln und Gelenken hilft, ihre Beweglichkeit bis ins hohe Alter zu behalten, ist jetzt nicht ganz neu.

    Das (vielleicht) Neue an diesem Buch ist die kompakte Aufbereitung und das anschauliche Bildmaterial. Zusätzlich kann man sich per Newsletter weitere Informationen schicken lassen oder auf youtube Übungen ansehen. Ergänzt wird das Buch durch eine Liste von Therapeuten, die nach der L&B-Methode arbeiten. Die Arbeitsmittel, die verwendet werden kann man im Online-Shop erwerben. Allerdings können ebenso im Haushalt vorhanden Küchenutensilien verwendet werden.

    Das einzige Manko: Üben muss jeder selbst, das kann einem nicht abgenommen werden.

    Fazit:

    Einen Versuch ist es jedenfalls wert. Die Übungen sind durch die Fotos anschaulich dargestellt und scheinen machbar. Gerne gebe ich für diese Anleitung 5 Sterne.

  • Ischias & ISG-Schmerzen selbst behandeln von Roland Liebscher-Bracht; Petra Bracht

    Mit dem Ratgeber „Ischias & ISG Schmerzen selbst behandeln“ hat das Autorenteam Liebscher/Bracht eine weitere hilfreiche Anleitung zur Selbstbehandlung von diesbezüglichen Schmerzen publiziert.

    Wie schon im Ratgeber „Knieschmerzen selbst behandeln“ liegt das Geheimnis der Behandlung im Faszientraining und der Stimulation der Triggerpunkte. Dass einiges manchmal, vor allem zu Beginn der Übungen schmerzhaft ist, verschweigen die Autoren nicht.
    Dieses Buch befasst sich in einem ausführlichen Theorieteil mit den Ursachen der Schmerzen und den häufigen Fehlinterpretationen der Schulmedizin.

    Dass mehr (sanfte) Bewegung Muskeln und Gelenken hilft, ihre Beweglichkeit bis ins hohe Alter zu behalten, ist jetzt nicht ganz neu.

    Das (vielleicht) Neue an diesem Buch ist die kompakte Aufbereitung und das anschauliche Bildmaterial. Zusätzlich kann man sich per Newsletter weitere Informationen schicken lassen oder auf youtube Übungen ansehen. Ergänzt wird das Buch durch eine Liste von Therapeuten, die nach der L&B-Methode arbeiten. Die Arbeitsmittel, die verwendet werden kann man im Online-Shop erwerben. Allerdings können ebenso im Haushalt vorhanden Küchenutensilien verwendet werden.

    Fazit:

    Das Buch richtet sich an jene, die unter Schmerzen im Gesäß- und Hüftbereich leiden und eine Alternative zu Schmerzmitteln suchen.
    Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • Im Netz des Lemming von Stefan Slupetzky

    In diesem fünften Krimi für das verschrobene Duo Leopold „Lemming“ Wallisch und Polivka bekommen es die beiden mit Fake News, Shitstorms und den sonstigen „Errungenschaften“ der Social Media-Gesellschaft zu tun.

    Lemming arbeitet nach seinem Hinauswurf bei der Polizei nun als Nachtwächter im Tiergarten Schönbrunn und fährt auf seinem Weg in den Dienst, mit Mario, einem Schulkollegen seines Sohnes Ben, in der Straßenbahn. Wie es heutzutage so üblich ist, wird in den Öffis wenig gesprochen und mehr auf das Smartphone gestarrt. Nach dem Eingang einer Nachricht springt Mario plötzlich aus der Tramway, der Lemming hinterher und bevor der es noch verhindern kann, stürzt sich der Schüler von der Kennedybrücke auf die darunterliegende U-Bahn-Trasse in den Tod. Zurück bleibt ein geschockter Lemming mit Marios Jacke und Mobiltelefon.
    Innerhalb weniger Stunden werden Lemming und Ermittler Polivka in den Sozialen Medien, zerrissen. Der eine als Pädophiler, der andere als unfähiger Polizist, der dann auch auf Druck der Medien suspendiert werden soll, dem aber durch seine Kündigung zuvorkommt.
    Gemeinsam machen sich die beiden auf die Such nach der Ursache für den Selbstmord und entdecken schier Unglaubliches. Je tiefer die beiden Ermittler in die Sache eindringen, desto dramatischer wird es und das Netz aus Hasstiraden und tätlichen Angriffen immer engmaschiger.

    Meine Meinung:

    Stefan Slupetzky nimmt sich in seinem fünften Fall für den Lemmig eines aktuellen Themas an: Der Macht der Sozialen Medien, die diesen Namen gar nicht verdienen, denn sozial sieht anders aus.

    Neben der Krimi-Handlung, erhält der Leser Einblick in die Geschehnisse in Österreich die im Jahr 2019 das Land in Atem gehalten haben. Der Autor lässt Lemming und Polivka über die aktuelle politische Lage schwadronieren. Die beiden nehmen sich dabei kein Blatt vor den Mund und kommentieren die türkis-blaue Regierung und deren Flüchtlings-, Bildungs- und Sozialpolitik sowie den Populismus mit denen die Politiker aller Couleurs ihre früheren Werte verkaufen. Das klingt stellenweise humorvoll, ist aber vermutlich nur dem Galgenhumor des Autors geschuldet.

    Die beiden Hauptfiguren sind desillusioniert und versuchen ihren Frust mit Alkohol zu betäuben. Sie ermitteln nach allen (verbotenen) Regel der Kunst und wirken manchmal tollpatschig. Mehr als einmal geraten sie in Lebensgefahr. Herrlich skurril ist die Szene, als sie sich in der schwankenden Gondel der Reinigungsfirma hoch über dem Trottoir befinden.

    Stefan Slupetzkys Schreibstil ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Mir gefällt er außerordentlich gut. Die Beschreibung der Straßen und Plätze und deren Bewohner ist gut gelungen. Wortspielereien und auch Schüttelreime säumen den Weg des Lesers.


    Fazit:

    Wer einen intelligenten, durchaus politischen Krimi sucht, ist hier goldrichtig. Gerne gebe ich hierfür 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

  • Die geliehene Schuld von Claire Winter

    Deutschland um 1949. Die Folgen des verlorenen Krieges sind nach wie vor deutlich zu spüren, doch regt sich schon mancher Orts so etwas wie Aufbruchstimmung. Während auf der einen Seite in den Nürnberg ein Teil der Nazi-Verbrecher vor Gericht steht, können Dutzende Täter über die selben Fluchtrouten entkommen, über die vor einigen Jahren Juden und andere Verfolgte in Sicherheit gebracht wurden.
    Gleichzeitig versuchen die Geheimdienste aller Alliierten ihren Einfluss und ihr Wissen zu vergrößern. Jetzt, nachdem der Faschismus besiegt scheint, kommt die Angst vor dem Kommunismus (begründet oder nicht) wieder ans Tageslicht.
    Unter dem wachsamen Auge der Amerikaner versucht KOnrad Adenauer der Republik eine neue Verfassung zu geben ...
    Das ist das historische Umfeld in dem sich dieser historische Roman bewegt.

    Dass ein Menschenleben in dieser Zeit noch immer wenig zählt, wenn es darum geht die eigene Haut oder Gesinnung zu retten, wird klar, als Marie Fragen zu ihrem gefallenen Vater stellt. Für sie war er immer der Held, doch als sie erfährt, dass er als hochrangiger Mitarbeiter des RSHA in abscheuliche Kriegsverbrechen verwickelt ist und zusätzlich unter falschem Namen lebt, bricht sie mit ihrer Familie. Als sie die Jüdin Lina und das Schicksal deren Familie, kennenlernt, zerbricht sie beinahe an der von ihrem Vater "geliehenen Schuld".

    Maries Freund, der Journalist Jonathan, ist geflohenen Kriegsverbrechern auf der Spur. Er fühlt sich beobachtet und kann seine Aufzeichnungen gerade noch rechtzeitig an seine Kollegin Vera übermitteln. Marie und Jonathan werde im Abstand von nur wenigen Tagen ermordet.

    Für den Mord an Marie wird Lina verantwortlich gemacht, deren jüdische Familie bis auf sie und ihren Bruder in Maly Trostinec ermordet wurde, ausgerechnet zu jener Zeit als Maries Vater dort stationiert war.

    Vera hingegen heftet sich auf die Spuren von Jonathan und fördert Haarsträubendes zu Tage. Auch sie wird mehrfach bedroht und gerät zwischen die Mahlsteine der konkurrierenden Parteien. Hier die Nazis, die ihre alten Machenschaften unentdeckt wissen wollen und bereits an neuen Seilschaften basteln und dort jene, die als Betroffene Aufklärung und „Recht, nicht Rache“ fordern.

    Meine Meinung:

    Das ist mein erstes Buch von Claire Winter. Die Autorin hat, so weit ich das überblicke, penibel recherchiert und geschickt Fakten mit Fiktion verknüpft. Die Verstrickung der katholischen Kirche in die Fluchthilfe für die alten Nazis ist ja unter dem Begriff „Rattenlinien“ bekannt. Allerdings wird die Beteiligung der Kirche gerne heruntergespielt. Leute mit Geld und Einfluss konnten es sich schon immer richten.

    Gut gelungen ist der Autorin die perfiden Ränkeschmiede darzustellen. Besonders „Onkel Karl“ benützt sein Wissen und spielt die Mitglieder von Maries Familie zu seinem eigenen Vorteil rücksichtslos gegeneinander aus.

    Der Schreibstil ist flüssig und eingängig. Stellenweise liest sich das Buch wie ein Krimi. Ich konnte es kaum aus den Händen legen und habe es in nur zwei Tagen gelesen. Durch die bildhafte Sprache habe ich mich gleich direkt im Geschehen gefunden.

    Fazit:

    Ein fesselnder Roman aus dem Deutschland der Nachkriegszeit, dem ich gerne 5 Sterne gebe.

  • Hedy Lamarr von Michaela Lindinger

    „Ich bin die schönste Frau der Welt. Ich bin eine große Erfinderin. Wenn jemand mein Leben erfindet, dann bin ich es.“

    Dieses eindeutige Selbstbild der Hollywood-Schauspielerin Hedy Lamarr versucht die Autorin Michalea Lindinger zurecht zu rücken.

    Wer war sie nun die Hedy Lamarr?

    Sie ist als Hedwig Maria Kiesler 1914 in eine Wiener jüdische Familie hineingeboren und in einem großbürgerlichen Haushalt mit Bediensteten aufgewachsen. Wie damals üblich kümmern sich die Eltern wenig um ihre Tochter. Die Mutter scheitert mit ihren Versuchen dem verzogenen Kind Grenzen zu setzen, da der Vater seiner hübschen Tochter jeden Wunsch erfüllt und jede Marotte durchgehen lässt. Sie bricht die Schule ab und versucht sich als Schauspielerin.

    1933 ist ein bedeutendes Jahr für die junge Hedwig Kiesler: Sie dreht den Film „Ekstase“, in dem sie für knappe 7 Sekunden nackt über die Leinwand flimmert und heiratet den reichen Waffenproduzenten Fritz Mandl.
    Diese 7 nackten Sekunden begründen ihren „Weltruhm“, denn der Film schockiert Publikum und Eltern. Fritz Mandl, pathologisch eifersüchtig versucht, alle Film-Kopien aufzukaufen. Ausgerechnet jene, die im Besitz von Großkunden Benito Mussolini ist, wird er nicht bekommen. Die Ehe scheitert und Hedwig Kiesler flüchtet 1937 nach Amerika. Schon auf der Überfahrt ändert sie ihren Namen in Hedy Lamarr.

    Ihre Schauspielkunst hält mit ihrem Aussehen nicht mit. Sie gilt als schwierig und stürzt sich von einer Ehe in die andere, von einer Liebschaft in die nächste – Hollywood eben. Das „Who is Who“ des Filmgeschäfts liegt ihr zu Füßen von Frank Sinatra bis zu Pablo Picasso.

    Vermutlich wäre ihr als Model mehr Erfolg vergönnt gewesen. Sie ist größer als die durchschnittliche amerikanische Schauspielerin und hat, für die Ansprüche Hollywoods, viel zu wenig Busen. Dass sie eine Brustvergrößerung, wie ihr die Filmbosse nahe legen, verweigert, spricht für sie, genauso wie jenes Zitat.

    „Jedes Mädchen kann glamourös sein. Du musst nur still stehen und dumm dreinschauen.“

    Sie ist insgesamt sechs Mal verheiratet und hat zwei leibliche Kinder, die sie - ähnlich wie ihre eigene Mutter - dem Personal überlässt.

    Die Traumfabrik Hollywood ruiniert ihre Gesundheit wie die von Dutzenden anderen Schauspielerinnen und Schauspielern. Berühmt berüchtigt sind die „Vitamin-Cocktails“ des Dr. Feelgood genannten Arztes, der seine Klienten mit Tranquilizern und Aufputschmitteln versorgt.

    Michaela Lindinger geht auch Hedy Lamarrs Ruf als Erfinderin des „Frequenzsprungverfahrens“, für das sie gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil ein Patent bei der US-Patentanwaltschaft eingereicht und erhalten hatte, nach. Anders, als immer wieder behauptet, ist weder die Erfindung neu noch wirklich bahnbrechend. Der Grund für die Geheimniskrämerei der US-Militärs liegt wohl darin, dass man sich im Krieg gegen Nazi-Deutschland befand und sich jede auch nur entfernt mögliche technische Spielerei für einen Vorteil nützen wollte. Man ließ Hedy Lamarr in dem Glauben, eine tolle Erfindung getätigt zu haben, um mit ihrem Namen und ihrer Schönheit amerikanische Soldaten für den Krieg zu begeistern.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg verblasst der Ruhm des „schönsten Gesichts“ Hollywoods, langsam. Der langjährige Abusus von Psychopharmaka zeigte seine Wirkung. Hedy Lamarr stirbt im Jänner 2000 in Florida.

    Meine Meinung:

    Michaela Lindinger ist eine umfassende Biografie von Hedy Lamarr gelungen, die ich gerne gelesen habe. Sie stellt eine objektive Ergänzung zu „Hedy Darling“ dar, jener Biografie von Jochen Förster, die auf den Erzählungen von Hedy Lamarrs Sohn Anthony Loder, basiert.

    Die Autorin verwendet Begriffe aus der Filmsprache wie Vorspann und Abspann, um die acht Kapitel der Biografie zu verbrämen. Das Buch ist in einer gediegenen Aufmachung im Verlag Molden erschienen. Zahlreiche offizielle und private Fotos ergänzen diese Biografie.

    Fazit:

    Eine gelungene Biografie, die das Leben der Hedy Lamarr „Filmgöttin, Antifaschistin, Erfinderin“ ein wenig zurecht rückt. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • Betrachtungen eines Weltreisenden von Peter Scholl-Latour

    Dieses Buch ist eine Zusammenfassung ausgewählter Texte des Autors aus seinen zwischen 1979 und 2014 erschienen Büchern. Wenn uns also einiges bekannt vorkommt, ist dies durchaus gewollt.

    Peter Scholl-Latour (1924-2014) gilt als profunder Kenner des Fernen Ostens. In seinen Betrachtungen beschreibt er die Situation während des Vietnam-Krieges und die unrühmliche Rolle, die die US-Regierung und ihre Armee dort spielte. Vielen von uns ist der Vietnam-Krieg und sein Ende nur durch teilweise verklärte Überlieferung bekannt.

    Neben Vietnam hat sich Peter Scholl-Latour auch mit der Region im Hindukusch beschäftigt und schon frühzeitig davor gewarnt, in Afghanistan einzumarschieren. Der Krieg dort, sei für westliche Armeen nicht zu gewinnen (für die russische Armee aber auch nicht). Das Ergebnis ist bekannt.

    Als dritter Schwerpunkt seiner Betrachtungen sind der Iran und Irak zu nennen. Auch hier sind die Bemerkungen zu den Verbündeten der beiden Krieg führenden Länder durchaus kritisch.

    Das Buch spannt den Bogen von den Zeiten des Kalten Krieges bis hin zur neuen Weltordnung der Gegenwart. Es zeigt aber auch die Chronologie des Scheiterns der Großmächte. Von Indochina über Algerien, Vietnam bis hin zu Afghanistan sowie dem Desaster in der arabischen Welt.