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Bewertungen von Leser/innen

  • Die Welt der Stoffe von Kassia StClair; Kassia St Clair

    Kassia St. Clair widmet sich in diesem Buch einem der ältesten Gewerbe der Menschheit: Dem Herstellen von Stoffen.
    Sie spannt den Bogen von der urzeitlichen Bevölkerung in deren Höhlen bis hin zum Hightech-Gewebes von heute, das seinem Träger beinahe schon das Denken abnimmt.

    In folgenden 13 Kapiteln geht die Autorin den Pflanzenfasern, den Tieren, die Fäden spinnen und den Menschen, die diese verarbeiten nach:

    01 Fasern in der Höhle
    02 Leichentücher
    03 Geschenke und Pferde
    04 Städte durch Seide erbaut
    05 Drachenschiffe
    06 Lösegeld für einen König
    07 Diamanten und Halskrausen
    08 Solomons Jacken
    09 Extreme Schichten
    10 Fabrikarbeiter
    11 Under Pressure
    12 Schneller, besser, weiter
    13 Das goldene Cape

    Dabei verwebt sie mit schönen Worten und penibler Recherche Geschichten und G’schichteln zu einem eindrucksvollen Sachbuch. Obwohl ich schon einiges über das Spinnen oder das Weben weiß, bin ich fasziniert über die Erkenntnisse, die die Autorin hier zusammengetragen hat. Denn, Hand aufs Herz, wer weiß schon, dass die Wikinger ihre Drachenschiffe zum Teil mit Segeln aus Schafwolle bestückt haben? Eben!

    Neben archäologischen Funden, Lyrik aus dem antiken China, mittelalterlichen Aufzeichnungen etc. kommen auch Tagebuchaufzeichnungen von Robert Falcon Scott, Mount Everest-Bezwingern oder einer französischen Zwangsarbeiterin, die für ihre Zugehörigkeit zur Resistance in einer der zahlreichen deutschen Fabriken schuften musste, die Chemie-Fasern herstellten.

    Die Geschichte der Stoffe ist auch die Geschichte der Frauen, die oft unter denkbar schlechten Bedingungen die Rohstoffe verarbeitet haben oder - siehe Bangladesh - dies auch heute noch tun.

    Fazit:

    Ein faszinierender Einblick in die Welt des Webens und Wirkens, das ich unbedingt empfehle. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • Donaumelodien - Praterblut von Bastian Zach

    Bastian Zach entführt uns für seinen Krimi in die Metropole der Donaumonarchie um 1876. Allerdings nicht zu reich und schön, sondern eher zu jenen Bewohner Wiens, die nicht auf der Butterseite des Lebens angekommen sind. Die meisten von ihnen halten sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser oder arbeiten in den zahlreichen Ziegelwerken im Süden der Stadt. Und so mancher verdingt sich als Illusionist wie Hieronymus Holstein, der als „Geisterfotograf“ seinen Lebensunterhalt verdient.

    Schlimmer, so glaubt Hieronymus Holstein, kann es nicht mehr kommen, als er mit einem mächtigen Brummschädel neben einer weiblichen, über zugerichteten Leiche aufwacht. Er kann aus dem Etablissement entkommen, dennoch kommt es schlimmer: Denn es gibt zwei weitere tote Frauen. Auch diese Morde werden alle dem selben Täter zugeschrieben, von dem es einen Steckbrief gibt, der Holstein schon ein wenig ähnelt.

    Weit gefährlicher als die Polizei, sind die beiden, eigentlich miteinander verfeindeten, Praterunternehmer Tschermak und Kupka. Denn zwei der toten Frauen sind ihre Töchter.

    Holstein erhält eine Woche Frist, den wahren Täter zu finden. Nicht viel Zeit für die Ermittlungen, wenn man beinahe auf sich alleine gestellt ist, und von der Polizei gesucht wird. Doch glücklicherweise steht der „bucklige Franz“ zur Seite.

    Die Suche nach einer Frau, die seine Unschuld beweisen könnte, führt Holstein in eine andere, eine großbürgerliche Welt. Dass auch dort nicht alles Gold ist, was glänzt, findet der sympathische Fotograf recht schnell heraus.

    Erst als Hieronymus die Frage, was denn die drei ermordeten Frauen verbindet, lüftet sich der Schleier ein wenig. Jetzt gilt es „nur“ noch, den Mörder zu überführen.


    Meine Meinung:

    Bastian Zach hat mit diesem historischen Krimi die Welt von 1876 wieder auferstehen lassen. Es ist das Wien drei Jahre nach der Weltausstellung, die nicht allen den erhofften Geldsegen gebracht hat. So mancher Spekulant ist nicht so reich geworden, wie erhofft.

    Mit Hieronymus Holstein, dem „Buckligen Franz“ und der resoluten Anezka Svoboda hat der Autor liebenswerte Charaktere geschaffen.
    Jede dieser Figuren hat ein Schicksalpäckchen zu tragen, wobei Franz, durch sein körperliches Gebrechen wohl am meisten zu leiden hat. Natürlich ist auch Hieronymus‘ Liebeskummer nicht zu unterschätzen und der Cliffhanger am Ende, des überraschenden Finales, lässt auf einen zweiten Band hoffen.

    Interessant ist über die Polizeiarbeit der damaligen Zeit zu lesen. Da wurden Verdächtige schon mittels Ohrfeigen, Knopfnüssen und sonstiger Gewalt zu Geständnissen genötigt. Dass die, in diversen Klubs und Geheimbünden untereinander vernetzte Gesellschaft, glaubt es sich richten zu können, ist auch nichts Neues.

    Gut gelungen sind die Streifzüge durch das alte Wien. Die Ringstraße und ihre Prachtbauten sind noch nicht überall fertiggestellt.

    Wir begegnen einer echte Wiener Koryphäe: dem Arzt Carl von Rokitanksy, der hier als Pathologen auftritt. Weiters erhalten wir Einlass in das Palais Rasumofsky im dritten Bezirk, um an einer Festlichkeit teilzunehmen und am Schottenring Nr. 11, dort wo heute das Hotel Plaza steht, erhob sich damals die Polizeidirektion. Alles sehr gut recherchiert. Ein klitze-kleiner Fehler ist Autor dennoch unterlaufen: Die beschriebene Augartenbrücke heißt erst seit 1929 so. Zur Zeit, in der der „Mädel-Hacker“, wie der Mörder von den Zeitungen genannt wird, sein Unwesen getrieben hat, heißt die Brücke „Maria Theresien-Brücke“, ist sie doch die Verlängerung der gleichnamigen Straße.

    Das Cover passt auch perfekt zu Titel und Zeit. Man sieht das Riesenrad mit all seinen Wagons. Nach dem Brand im Zweiten Weltkriegs hat man ja aus Kostengründen nur jeden zweiten Wagon wiederhergestellt.

    Fazit:

    Ein gelungener Krimi aus dem Wien um 1876, in der Zeit, in der nicht alles aus Gold war, was glänzte. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.

  • Ins Astloch gemurmelt von Christian Hölbling

    Was macht ein gebürtiger Steirer in Kärnten?
    Er beobachtet die Menschen in seiner Wahlheimat und macht sich manchmal mit feinsinnigen Humor über sie lustig. Die Außensicht, auch wenn nach 18 Jahren Kärnten-Aufenthalt schon ein wenig abgenutzt, lässt den Autor sich nach wie vor über so manche Eigenheiten staunen.

    Dabei macht er weder vor liebgewonnen Gewohnheiten noch vor Politikern Halt. Einfach genial!

    Seine klugen und satirischen Gedanken aht er in sechs Kategorien zusammengefasst, die da sind:

    Von Heimat und dem, was davon übrig ist
    Von Kunst, Kultur und so Sachen
    Von Politik, Gesellschaft und anderen lästigen Dingen
    Von Bildung, Religion und anderen Glaubensfragen
    Von Menschen und anderen Tieren
    Zu guter Letzt

    Die Texte werden durch gelungene Zeichnungen von Heinz Ortner unterstützt.

    Fazit:

    Dieses kleine Buch, das im Klagenfurter Wieser-Verlag erschienen ist, hat mich mit seinen pointierten Texten bestens unterhalten. Gern gebe ich hier 5 Sterne - auch als Geschenk eine gute Wahl.

  • Narbenfrau von Gerlinde Friewald

    Nach Jahren in den USA kehrt der Kriminalpsychologe Dr. Nick Stein wieder nach Wien und arbeitet als Sonderermittler im Bundeskriminalamt (BKA) Österreich zurück.

    Ein Frauenmord in Mödling führt ihn in seine Vergangenheit zurück, denn die Tote ist Susanne Rippel, eine Schulkollegin, die von der Mehrzahl der Mitschüler ob ihrer nicht so attraktiven Figur verspottet worden ist. Die Ermittlungen bringen Nick wieder mit seiner ehemaligen Clique zusammen. Einige haben beruflich Karriere gemacht wie Daniel, der Restaurantbesitzer, oder Steuerberater Werner oder Carl, der als Beauty-Doc gemeinsam mit Carina eine gut gehende Praxis führt.

    Nick werden zwei lokale Polizisten, Peter und Monika, zu Seite gestellt. Gemeinsam stochert das Trio im Umfeld der Toten, die mit einigen ihrer Ex-Schulkollegen einem ungewöhnlichen Hobby frönt.

    Dann wird - während Nick mit seiner neuen Flamme Isabella einen trauten Abend verbringen will - eine zweite Frau auf ähnlich Art ermordet aufgefunden.

    Mödlings Bürgermeister fürchtet um den gute Ruf seiner Stadt. Treibt sich ein Serienmörder in der Kleinstadt herum?

    Meine Meinung:

    Mir hat dieser Auftakt zu einer Krimi-Reihe aus Österreich gut gefallen. Dieser Krimi ist bereits 2009 unter dem Titel, der mir übrigens auch sehr gut gefällt, „Faltenfrei“ erschienen.

    Der Schreibstil ist locker und flüssig. Die Spannung hält sich bis zum Showdown, der die Leser nochmals Nägel kauen lässt.

    Die Handlung ist in Mödling, einer Kleinstadt im Süden Wiens angesiedelt. Mir hat es Spaß gemacht, dort auf Mörderjagd zu gehen, denn ich kenne Mödling ein bisschen. Dass ausgerechnet auf dem Gelände der Burg Liechtenstein,ist ein nettes lokalpolitisches Detail. Immerhin ist die majestätische Burg der Stammsitz des Hauses Liechtenstein. Die Anfänge der Burg gehen bis ins 12. Jahrhundert zurück und ist ein beliebtes Ausflugsziel.

    Die Charaktere sind vielschichtig angelegt. Jede Figur hat so ihre Ecken und Kanten. Nick Stein als Hauptfigur ist natürlich besonders detailliert angelegt. Rund um vierzig, gut aussehend, gut situiert, geschmackvoll gekleidet, intelligent und mit einer Schwäche für das andere Geschlecht. Da hat es mir manchmal missfallen, dass er so unüberlegt (und unter Alkoholeinfluss) mit zahlreichen Frauen, die seinen Weg kreuzen, ins Bett steigt.

    Apropos Bett: Sex spielt in diesem Krimi, wie schon in den ersten Seiten ersichtlich - durchaus eine Rolle. Nicht immer knisternde Erotik, sondern eher die handfeste, unübliche Art. Der Autorin ist es gut gelungen, diese Szenen nicht ins Vulgäre abgleiten zu lassen.

    Gerlinde Friewald schafft es, die Leser durch geschickte Winkelzüge an der Nase herumzuführen. Die Leser und die Ermittler haben ungefähr den gleichen Wissensstand. Da lässt sich trefflich spekulieren!

    Mit dem Showdown schließt sich der Kreis zu den ersten Seiten. Dieser schreibtechnische Kunstgriff hat mir grundsätzlich gut gefallen. Die Situation, dass, als Nick telefonisch nicht erreichbar ist und Peter, Monika, der Gerichtsmediziner Robert Hofer und die Mitarbeiterin Samantha aus dem BKA losstürmen, um ihn zu suchen, ist einen Hauch zu dick aufgetragen.

    Wer mir neben Nick ans Herz gewachsen ist, ist Robert Hofer. Eine Koryphäe in seinem Fach zugleich durchaus schwarzhumorig. Zwischen Robert und Nick gibt es immer wieder köstliche Dialoge, die gut gelungen sind.

    Auch wenn in Wirklichkeit das Ermittlerteam aus mehr als drei/vier Personen besteht, bekommen wir einen Einblick in die Arbeit der Kriminalisten. Ergänzt wird der Krimi dann im Nachwort durch Max Edelbacher (ehemaliger Leiter des Sicherheitsbüros in Wien), der über Leichenkommissionierung und ähnliches berichtet.

    Nur zur Info: Ein Wiedersehen mit Nick Stein ist möglich. Sein 2. Fall heißt „Stille Schuld“ (früher „Schuldfrei“/2015)

    Fazit:

    Ein gut gelungener Auftakt zu einer österreichischen Krimi-Reihe, dem ich gerne 4 Sterne gebe.

  • Der Knochentandler von Johann Allacher

    In diesem zweiten Krimi rund um den ewigen Studenten Eric „Erki“
    Neubauer dreht sich alles um einen Totenschädel. Denn genau neben einem solchen wacht Erki nach einer durchzechten Nacht mit einem höllischen Kater auf. Wem gehört der Totenschädel? Also, wer war sein ursprünglicher Besitzer? Die Buchstaben auf dem Totenkopf lassen auf eine antike Zelebrität schließen. Ioannis Chrysostomos - ein früher kirchlicher Würdenträger?

    Der ewig klamme Student wittert ein gutes Geschäft, doch bald gerät er in einen Strudel von Mord und Totschlag.

    Neben dem Handlungsstrang rund um Erki gibt es noch den des verschrobenen Musikkritikers Liebekind, der an Paranoia fast nicht zu überbieten ist.

    Durch zahlreiche geschickte Wendungen lässt der Autor seine Leser lange im Dunkeln tappen. Die überraschende Auflösung des Krimis ist stimmig.

    Meine Meinung:

    Johann Allacher ist ein Meister der skurrilen Dialoge und bringt mit seinen detaillierten Schilderungen der Wege durch Wien einige unbekannte Orte ans Tageslicht. Wir Leser dürfen Erki auf seiner rasanten Radtour durch Wien begleiten. Immer wieder in akuter Sturzgefahr endet die Fahrt am Donaukanal abrupt.

    Mein Verdacht, um wessen Totenschädel es sich bei der heiß umkämpften Reliquie handelt, hat sich bestätigt. Es sind ja auch eine Menge Hinweise versteckt. Nicht so toll hat mir die Figur der Ehrentraud gefallen. Die hätte ich nicht unbedingt gebraucht.

    Fazit:

    Wer gerne einen eher unkonventionellen Krimi aus Wien lesen möchte, ist hier richtig. Ich empfehle allerdings den Vorgänger („Der Watschenmann“) zu lesen. Auf den dritten Allacher „Wiener Blues“ bin ich jedenfalls gespannt. 4 Sterne

  • Die Gärten der Frauen von Peter Prange

    Autor Peter Prange nimmt uns mit in das Osmanische Reich, das man am Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts den „Kranken Mann am Bosporus“ nennt. Das Reich ist, ähnlich wie die Donaumonarchie, ein Vielvölkerstaat, in dem seit langem brodelt.

    Fat(i)ma und Eliza leben in einem kleinen Dorf und sind Freundinnen, obwohl die eine Muslima und die andere eine christliche Armenierin ist. Ihr heimliches Treffen rettet den Mädchen das Leben, als kurdische Reiter das Dorf niederbrennen und die Menschen ermorden.

    Einige Jahre später finden sie sich im Harem des Sultans wieder. Fatima ist zu einer schönen jungen Frau herangereift, deren erklärtes Ziel ist, dem Sultan zu gefallen. Dafür setzt sie allerlei Listen ein. Eliza hat außer ihrem blonden Haar und einer außerordentlichen Stimme wenig Anziehendes zu bieten und fristet ein wenig beachtetes Leben als Arbeitssklavin im Serail. Das ändert sich, als sie durch einen Aufschrei ein Attentat auf den Sultan verhindert. Sie steigt zur Vorleserin auf, während Fatima dem Sultan einen Sohn schenkt. Womit beide nicht rechnen, sind die Intrigen der Sultansmutter und seiner anderen Konkubinen.
    Die Situation eskaliert, als die Türkei an der Seite von Deutschland in den Ersten Weltkrieg eintritt und in Folge der Niederlage, der Sultan abgesetzt wird. Für die beiden Frauen ändert sich das Leben radikal ...

    Meine Meinung:

    Wie ich es von Peter Prange gewohnt bin, ist dieser historische Roman penibel recherchiert. Er nimmt sich verschiedener Themen an: Das durchaus privilegierte Leben im Palast des Sultans, auch wenn es mit der Einschränkung der persönlichen Freiheit einhergeht, den politischen Intrigen ebenda, dem Völkermord an den Armeniern, der bis heute nicht von allen als Genozid anerkannt wird und dem Bündnis mit Deutschland im Ersten Weltkrieg.

    Sprachlich ist das Buch ein wahrer Genuss. Wir folgen dem Autor in ein Märchen von 1000 und einer Nacht mit allen Intrigen und Befindlichkeiten der dort isolierten Personen. Wir erleben zahlreiche Gräueltaten von der Kastration junger Knaben bis hin zur Rebellion gegen den Sultan. Das Leben im Harem sowie die Unterdrückung von Eunuchen und Frauen ist überzeugend dargestellt.

    Das Buch ist fesselnd geschrieben, auch wenn so manche Idee oder Handlungsstrang ein bisschen offen bleibt. Die Szenen mit der Flötenmelodie, die Eliza in der Menagerie des Sultans immer wieder hört. Sie ist für mich ein wenig das Symbol für die Freiheit. Der Flötenspieler verschwindet als Eliza des Palastes verwiesen wird. Immer wieder gelingt es Eliza nur durch pure Zufälle drohenden Übergriffen zu entkommen. Dass sie der Deportation und der Ermordung entkommt, wird für mein Empfinden ein wenig zu stark ausgewalzt und wirkt unglaubwürdig.

    Tja, die Rolle die Fatima gemeinsam mit ihrem Mann Taifun spielt, ist von Hass und Rache geleitet. Fatima denkt keine Sekunde nach, ob die Geschichten, die ihr über Eliza erzählt werden stimmen oder nicht. Sie schließt sich dem allgemeinen Vorurteil und dem Hass auf die armenische Volksgruppe an.

    Die Charaktere sind Gestalten voller Widersprüche, Zerrissenheit, Begierden und Schwäche.

    Gegen Ende des Buches zu habe ich den Eindruck, dass hier auf Betreiben des Verlages (?) gekürzt worden ist. Die Handlung scheint nicht mehr ganz konkludent zu sein.


    Fazit:

    Für diesen opulenten historischen Roman gebe ich gerne 4 Sterne.

  • Eine kurze Geschichte der RAF von Sven-Felix Kellerhoff

    Wer kennt sie nicht, die Namen der berüchtigten Baader-Meinhof-Bande?

    Mit diesem Buch geht der Autor auf die Geschehnisse ein, wie es zur Gründung der RAF kam, wie die Wege in den Terror aussahen und was man unter erster, zweiter und dritter Generation der RAF versteht. Er geht auf die zentralen Figuren der Terror-Gruppe ein, beschreibt deren Ansichten und Ziele.

    Historiker Sven Felix Kellerhoff zeichnet den blutigen Weg der Terroristen detailliert nach, deren erklärtes Ziel, den Rechtsstaat zu vernichten, Deutschland Jahrzehnte lang in Angst und Schrecken versetzt hat.

    Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Behörden und Politiker hier kräftig versagt haben. Einzig Helmuth Schmidt so scheint es, hat sich nicht erpressen lassen.

    Als Österreicherin, die zu jener Zeit in der Hans Martin Schleyer ermordet wurde, noch ein Kind war, kannte ich bislang nicht alle Verbrechen. Die Entführung von Walter Palmers zur Geldbeschaffung hat sich mir allerdings ins Gedächtnis eingebrannt, habe ich doch in dieser Zeit im selben Haus wie einer der Entführer gewohnt.

    Die von den Medien und Anhänger Baader-Meinhofs lancierten erfundenen Geschichten der „Vernichtungshaft“ waren mir jetzt neu, denn irgendwann habe ich mich aus dieser Welt des Terrorismus ausgeklinkt.

    Kellerhoff ist es sehr gut gelungen, auf diesen rund 200 Seiten die Geschichte der „Roten Armee Fraktion“ kompakt darzustellen.
    Interessant finde ich, dass die RAF genauso antisemitisch eingestellt war, wie das Establishment, gegen das sie gekämpft haben.

    Vermisst habe ich die im Vorwort angekündigte Beschäftigung mit den Opfern.

    „Lange galt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vor allem den Tätern, den Mitgliedern der RAF, aber kaum ihren Opfern. Dabei waren die weitaus meisten Toten und Verletzten dieses blutigen Irrwegs ganz normale Leute: Polizisten, Fahrer, Angestellte.“

    Wieder hat die RAF die größere Rolle eingenommen. Ich hätte mir zumindest im Anhang eine Liste der Opfer erwartet. Sie werden zwar im Text durchaus namentlich genannt, gehen aber dort leider unter.

    Das Buch lässt sich flüssig lesen und stellt ein Stück Deutscher Geschichte anschaulich und interessant dar. Sachlich, ohne den Voyeurismus legt Kellerhoff die Tatsachen auf den Tisch.

    Fazit:

    Wer einen Überblick über die Geschichte der RAF, die von Gewalt und Terror geprägt war, gewinnen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Die fehlende Opferliste kostet den 5. Stern.

  • Kunst und Verbrechen von Stefan Koldehoff; Tobias Timm

    Das Autoren-Duo, die Kunstexperten Stefan Koldhoff und Tobias Timm. nehmen sich in diesem Buch eines brisanten Themas an: Kunst & Verbrechen.

    Sie geben in folgenden Kapitel einen Überblick über Kunstdiebstähle, Geldwäsche, Fälschungen und folgen den Spuren so mancher kriminellen Organisation. Dass Kunstraub keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist, wird ebenfalls dargestellt.

    Licht und Schatten - ein Vorwort
    Kapitel 1 - Gestohlen, geraubt, entführt
    Kapitel 2 - Das Verschwinden des Originals
    Kapitel 3 - die zerstörte Kulturgeschichte
    Kapitel 4 - Wenn Diktatoren sammeln
    Kapitel 5 - Kunstanlage als Betrug
    Kapitel 6 - Schmutziges Geld und saubere Kunst
    Und die Konsequenten?

    Die Autoren gehen allerdings nicht nur mit den Räubern und/oder Fälschern hart ins Gericht, sondern vor allem mit deren Auftraggebern. Seien es Diktatoren, die auf „Kunstsinnig“ machen und daher leichte Beute für Kriminelle werden oder jene Neureiche, die ihr Einkommen gerne an der Steuer vorbei gewinnbringend anlegen wollen.

    Dort wo viel Geld im Spiel ist, weil es leicht zu bekommen ist, ist das organisierte Verbrechen nicht weit. Nur so lange Menschen gewillt sind, so aberwitzige Summen für Kunst zu bezahlen, wird sie herbeigeschafft. Allerdings habe ich für die Leute, die um viel Geld einer Fälschung aufgesessen sind, kein Mitleid. Man könnte Vermögen auch anderwertig ausgeben - für mehr Bildung oder Forschung.

    Die Autoren sprechen echten oder selbst ernannten Sachverständigen nicht von der Schuld frei, mit aberwitzigen Summen für echte oder vermeintlich echte Kunstgegenstände zu jonglieren. Auch Galeristen, Kunsthändler und/oder Museumsdirektoren bekommen ihr Fett ab.

    Die Autoren berichten über die spektakulärsten Kriminalfälle und prangern die oft sehr laxen Sicherheitsvorkehrungen in (staatlichen) Museen an. Manchmal wirkt die Aufzählung der Fälle ein wenig unstrukturiert. Das macht aber das Buch nicht weniger spannend.

    Nach „Selbstporträt“ (Wolfgang und Helene Beltracchi) und „Der Nazi und der Kunstfälscher“ (Edward Dolnick) mein drittes Buch über Kunstraub bzw. Fälschungen in kurzer Zeit.

    Fazit:

    Raubkunst und Kunstraub - ein weitverzweigtes Business, dem schwer beizukommen ist. Gerne gebe ich hier 5 Sterne.

  • Das Grab im Médoc von Maria Dries

    Nach elf Bänden mit Commissaire Lagarde in der Normandie ist nun der Auftakt für eine neue Krimi-Reihe erschienen.

    Statt des Genießers Philippe Lagarde ermittelt Madame le Commissaire Pauline Castelot.

    Pauline Castelot ist Sonderermittlerin, die dann zum Einsatz kommt, wenn es um Cold Cases oder sonstige heikle Fälle geht. Sie darf überregional agieren. Das heißt, der Leser darf sich auf verschiedne Schauplätze in Frankreich freuen.

    Diesmal ermittelt Castelot und ihr Team in heimischer Umgebung, in Bordeaux. Zahlreiche Weingüter sind in der jüngsten Vergangenheit von Dieben heimgesucht worden, die - wie auf Bestellung - ausgesuchte, meist teure Wein stehlen. Bei einem dieser Einbrüche wird ein Mann der Sicherheitsfirma angeschossen, wenig später der Weinbauer Armand ermordet. Ein Zusammenhang mit den Diebstählen scheint zweifelhaft, denn Armand wird niedergeschlagen und lebend in einen Brunnenschacht geworfen.
    Als dann einige Tage später eine Frau skurril drapiert tot auf einem Weinberg nächst dem Weingut von Armand gefunden wird, scheint es eine heiße Spur zu geben ...

    Meine Meinung:

    Ich habe mich auf diese neue Reihe gefreut, doch leider bin ich enttäuscht worden. Der Krimi ist nur ein müder Abklatsch der Reihe um Philippe Lagarde. Es dauert gut 100 Seiten bis das nötige „Personal“ vorgestellt wird. Diesmal gibt es viel zu viele Personen, die hier eine kleine oder größere Rolle spielen. Die privaten Zores der Ermittler werden beinahe gleichzeitig aufgedeckt.
    Ich mag zwar den Schreibstil mit der detaillierten Beschreibung von Schauplatz, Kulinarik und Menschen, aber diesmal bin ich der vielfältigen Details überdrüssig. Es bringt die Handlung überhaupt nicht weiter, ob das Polo des Ermittlers blau oder grün ist oder welcher Wein als Apero serviert wird.

    Die Arbeitsauffassung lässt diesmal auch etwas zu wünschen übrig. Obwohl sich gerade eine neue, vielversprechende Spur auftut, machen die vier Ermittler einfach Feierabend und gehen gemütlich gemeinsam essen. Aufgefallen ist mir, dass das Quartett öfters gemeinsam in einem Auto unterwegs sind. Wie ungewöhnlich!

    Der Fall selbst ist jetzt auch nicht so rasend spannend. Das Motiv für die Morde enthüllt sich erst spät und wird meiner Ansicht nach - im Vergleich zu den Diebstählen oder den kulinarischen Beschreibungen - viel zu kurz behandelt.

    Die Figuren, ob gut oder böse, bleiben blass und eindimensional.
    Ich bin mir nicht sicher, ob ich einen möglichen zweiten Fall für Pauline Castelot lesen werde. Schade, dieser Reihenauftakt hat nicht überzeugt.

    Fazit:

    Dieser Reihenauftakt hat mich nicht überzeugt, daher nur knapp 3 Sterne.

  • Tödlicher Crash von Barbara Wimmer

    Wien 2022 - Finanzminister Wolfgang Steinrigl, millionenschwer, ungut und abhoben ist auf dem Weg zu seinem Bruder Thomas, als sein Auto plötzlich ausbricht und gegen einen Baum prallt. Steinrigl ist sofort tot. Das Fahrzeug ist ein Flexus Alpha, jener selbst fahrenden Superschlitten aus den USA, von denen es nur ganze drei Stück in Österreich gibt. Aber, kann wie das sein? Das Auto gilt als sehr sicher. Hat sich da jemand in den Bordcomputer gehackt und den unbeliebten Politiker aus dem Weg zu räumen?

    Ins Visier der Polizei gerät Stefanie Laudon, eine investigative Journalisten, die sich selten ein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Österreichs Innenpolitik geht. Dass sie mehrere Hochleistungscomputer im Schlafzimmer stehen hat und Kontakte zur Hackerszene hat, macht die Situation nicht einfacher.

    Als sie in den sozialen Medien gezielt attackiert wird, geht sie in die Offensive. Sie hackt sich in den vollautomatischen Stall von Thomas Steinrigl und alle Welt findet den Bauern, der mit seinen Kühe spricht „süß“. Das ursprüngliche Ziel, nämlich den Leuten zu zeigen, wie verletzlich die EDV-Systeme sind, wird nicht erreicht. Aber der direkte Einblick in einen Bauernhof geht viral und beschert dem Betrieb, der kurz vor der Pleite steht, unerwartete Einnahmen und Popularität.

    Meine Meinung:

    Dieser Krimi beschäftigt sich mit einem durchaus sehr ernsten Thema: Des Einhackens in EDV-Systeme und Manipulation von außen. Die Leser erfahren einiges über die Hacker-Szene, die oft im Auftrag von Firmen Sicherheitslücken aufspüren sollen. Keine Angst, das Computer-chinesisch wird gut dargestellt.

    Der Krimi liest sich leicht und spritzig. Das eine oder andere Mal muss man auch ein wenig schmunzeln.

    Die Charaktere sind gut dargestellt und man kann ihnen ihre Intentionen abkaufen. Die eifersüchtige Freundin Meggie, zum Beispiel, die Stefanie vernadert.

    Neben dem Handlungsstrang in Österreich gibt es noch einen in weiter Ferne.

    Die Autorin Barbara Wimmer weiß, worüber sie schreibt: Sie ist Journalistin und als Redakteurin ist die „Futurzone“ der Tageszeitung Kurier ihr Metier.

    2018 wurde sie für ihre Technik-Reportage über KühltechnologieReportage mit dem „WINFRA“, dem Journalistenpreis für Wiener Infrastrukturberichterstattung ausgezeichnet. 2019 erhielt Wimmer den Prälat-Leopold-Ungar-Anerkennungspreis sowie den Dr. Karl Renner Publizistikpreis, jeweils für “herausragende Online-Berichterstattung” zu netzrelevanten Themen.

    Mir hat dieses Debüt sehr gut gefallen. Die Story ist fesselnd erzählt, ein bisschen Humor, viel Technik und auch die zwischenmenschliche Seite kommt nicht zu kurz.


    Fazit:

    Ein überzeugendes Debüt aus Wien, dem ich gerne 5 Sterne und eine Leseempfehlung gebe.