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Bewertungen von Leser/innen

  • Red von Louise Kennedy

    Zuletzt habe ich die Kurzgeschichten von Louise Kennedy sehr bewundert. Mit Red gibt es jetzt wieder einen Roman und der Stoff brauchte auch diesen größeren Ansatz, denn die Handlungen deckt einen großen Zeitraum ab. Erst zieht sich der Roman durch die Achtziger Jahre in Irland und London, später gibt es einen Sprung ins Jahr 2007.
    Red ist für mich in erster Linie ein Zeitporträt, das insbesondere London zeigt.
    Dazu gehören auch die vielen kulturellen Anspielungen, wobei es zum Glück nicht zu einem blosen Namedropping führt.
    Louise Kennedy arbeitet die Sensibilität ihrer Figuren gut heraus, wobei es vor allen Róisín betrifft, denn ihr Freund Red ist eher verschlossen.
    Kennzeichnend für Kennedys Stil sind die Dialoge, die vordergründig meist ironisch gehalten sind. Aber man erkennt sofort die Emotionalität.

  • Die Flussfrau von Tanja Weber

    Tanja Weber überzeugt mit dem Ansatz, das ganze Leben einer Frau zu erzählen. Anneliese, später nur Lis genannt, wuchs in Kriegszeiten auf, erlebte die schweren Nachkriegszeiten in Deutschland und wurde nach dem Tod ihres Mannes Kapitänin auf ihrem Frachtschiff Heidi.
    Tanja Weber zeigt, wie schwer es oft war, nicht nur für Lis.
    Lis war eine starke Frau, aber das musste sie auch sein, denn das Leben als Kapitänin war arbeitsreich und sie musste auch auf viel verzichten.
    Dennoch erlebte sie mit dem Griechen Vassili eine Liebe, die sie mit ihrem gewalttätigen Mann nie kannte.
    Ihrer Freundin Edith hält sie die Treue, auch deren Tochter Karin, die eines Tages als Teenager bei ihr auftauchte.

    Man kann von anspruchsvoller Unterhaltungsliteratur sprechen. Stilistisch solide im positiven Sinne gemeint. Imponierend die Erzählerische Geradlinigkeit der Autorin.

  • Suki von Salih Jamal

    Unangepasste Teenager sind ein Klischee in der Young Adult-Literatur. Das ist kein einfach zu bearbeitendes Thema.
    Die schwierige Situation, wenn man erst einmal in diese Rolle abgerutscht ist, wie Suki, kann man sich gut vorstellen. Suki lebt bei ihrer Großmutter und ist schon sitzen geblieben. Motivationslos lässt sie die Schule nur über sich ergehen.

    Es ist die Lehrerin Anne Fischer, zu der Suki schliesslich Vertrauen aufbaut.
    Eine Berührung, die Frage Was fehlt dir. Das baut eine Art Beziehung auf. Anne hat offensichtlich einen schweren Verlust erlitten.
    Zwei seelisch Verletzte. Das verbindet sie.
    Der Auror Salih Jamal hat die Geschichte sensibel und behutsam gestaltet.
    Nur die Traumsequenzen haben mich in ihrem aufgesetzten poetischen Ansatz weniger überzeugt.
    Suki ist als nachvollziehbare Figur gelungen, die Lehrerin bleibt ein wenig zu distanziert. In der Summe würde ich ca. 3,5 von 5 Sterne geben.

  • Der blaue Stift von Samar Yazbek

    Samar Yazbek hat ein forderndes Buch geschrieben, in dem eine junge rau in Syrien von ihrem eben während des Kriegs erzählt. Es wird von Qualen und Hoffnungslosigkeit gesprochen.
    Für die junge Rima ist es nicht einfach. An einem Kontrollpunkt wird ihre Mutter erschossen, sie wird verletzt. Ihr Bruder holt sie aus dem Krankenhaus, aber hr Lage bleibt schwierig.

    Der Prosa ist eine eigentümliche Poetik zu eigen. Sie konzentriert sich überwiegend auf einen Bewusstseinsstrom der Protagonistin. Das ist bemerkenswert.

  • Die neue Mittagsgöttin von Günter de Bruyn

    Die neue Mittagsgöttin, diese Nacherzählung eines Romans von 1891, ist wahrscheinlich nicht das wichtigste Werk von Günter de Bruyn, aber doch ein sehr schönes Stück Prosa. Die Novelle vermittelt ein starkes Bild vom Berlin und Spreewald 1890. Günter de Bruyn schafft einige eindrückliche Beschreibungen. Ein Nachwort von Peter Walther schließt das Buch.
    Gut, dass diese Stück Literatur posthum noch erschienen ist. Es zeigt ein letztes Mal, dass dieser Autor immer ein literarisches Niveau gehalten hat.

  • Die Hölle gibt es nicht von Jáchym Topol

    Jáchym Topol ist einer der bekanntesten Tschechischen Schriftsteller unserer Zeit. Mit Die Hölle gibt es nicht hat er ein neues umfangreiches Buch vorgelegt. Im Mittelpunkt der mittelalte Journalist Tomas. Ein Macho, ein Säufer und kein guter Vater. Eine problematische Figur, mit der man als Leser Probleme haben könnte.
    Es ist 2022, aus offensichtlichen Gründen ein entscheidender Zeitpunkt im politischen Leben. Über Tomas brechen viele Schwierigkeiten politischer, arbeitstechnischer wie privater Art herein.

    Der Roman hat relevante sogar wichtige Themen, aber so ganz schlüssig erscheint mir der Text nicht. Eine sprachliche Wucht kann man dem Buch aber nicht absprechen. Meine persönliche Wertung liegt bei 3,5 von 5 Sternen.

  • Barbaros Altuğ schreibt einem Ton, der leichte Melancholie besitzt, und auch sofort ansprechend wirkt.
    Der Erzähler ist ein türkischer Schriftsteller, der Istanbul verlassen hatte und jetzt in Berlin lebt. Das Verschwinden eines Mannes lassen ihn zurückkehren in die Stadt der Erinnerungen.
    Als Exilant ist er bei den Nationalisten in Istanbul nicht mehr willkommen. Doch für den verschwundenen Güneş und für alle, die wie er zum Schweigen gebracht und vergessen wurden, muss er weiter nach der Wahrheit suchen.
    Schließlich findet man Güneş tot auf.

    Barbaros Altuğ gibt einen Einblick in ein Land, in dem es eine Stimmung gegen Menschen anderer Orientierung gibt und zeigt die Gefühlslage der Betroffenen.

  • Adriatica von Massimo Gezzi

    Schauplatz ist eine fiktive Stadt an der adriatischen Küste.
    In wechselnden Kapiteln erzählt Massimo Gezzi aus der Perspektive der 19jährigen Emilie und des 68hährigen Tulio, der nach einem Schlaganfall körperlich und seelisch versehrt ist. Zwei eigenwillige Charaktere, das macht das Buch interessant.

    Am Anfang ist Emilie mit einer Freundin zusammen. Sie erzählen sich ihre Geheimnisse.
    Als sich Emilie und Tullio begegnen spreche sie lange miteinander, fast wie in einem Fieberwahn. Das Buch ist sehr dialogbetont.

    Adriatica ist ein herbes Leseerlebnis.

  • Flora von Jonáš Zbořil

    Flora ist
    eine Dystopie
    geheimnisvoll
    soghaft
    faszinierend

    Ein Paar finden ein fremdartiges Wesen und nehmen es mit. Sie nennen es, das eine bizarre Mischung aus Fleisch und künstlichem ist, Flora und kümmern sich um es, als wäre es ihr Kind.
    Während Sara ganz in ihrer Mutterrolle aufgeht und sich dabei in Gefahr bringt, hält Adam auch eine beobachtende Distanz
    Durch die bildhafte Sprache des Autors wird man an den Text gefesselt.

  • Territorium von Sabrina Janesch

    Sabrina Janesch, Autorin von Katzenberge und Sibir hat diesmal einen Roman geschrieben, der in Hawaii Ende des 19.Jahrhunderts angesiedelt ist.
    Sprachlich hat das Buch einiges zu bieten. Sie ist ausdruckstark. Als Leser glaubt man selbst den Passatwind zu spüren und den Duft der blühenden Tuberosen zu vernehmen und die Vogelschreie zu hören. Man wartet auf den Fall der Kokosnuss. Flora und Fauna werden überreich beschrieben. Das erzeugt eine große Dichte und das Ausmaß an Beschreibungen kann einen fast erschlagen.

    Im Mittelpunkt stehen Frauen, wie z.B. die Königin von Hawaii und die deutsche Gertude Wolf. Ein paar männliche Figuren gibt es auch. Über die Tiefe der Charakterisierung kann man streiten. Es bleibt ein wenig an der Oberfläche mit den Figuren.

    Abschließend soll das außergewöhnlich schön gestaltete Cover nicht vergessen werden. Es ist ein echter Hingucker und passt zum Buch.

  • Thomas Mann – 1949 von Julian Voloj; Friedhelm Marx

    Diese ernsthafte, düster gezeichnete Graphic Novel ist eindrucksvoll.
    Sie zeigt die Reise von Thomas Mann, der zu der Zeit in den USA lebt, ins geteilte Deutschland 1949 und zeigt die zerrissene Stimmung dort.
    Begleitet wird Thomas Mann und seine Frau Katia von Georges Motschan, der ein Freund ist und sie chauffiert. Motschans Reflexionen geben dem Buch eine weitere, wichtige Ebene.

    Der Untertitel Rückkehr in eine fremde Heimat ist gut gewählt.

    Thomas Mann hält reden in Ost und West. Das wird ihm zum Teil übel genommen. Mit Blick von heute muss man ihn für seine Entschlossenheit bewundern.

    Es ist ein sorgfältig gemachtes Buch!

  • Die Lebensentscheidung von Robert Menasse

    Es ist keine Überraschung, dass Robert Menasses vielgelobte Novelle für den Österreichischen Buchpreis nominiert wurde.
    Der 58jährige Franz Fiala arbeitet bei der Europäischen Kommission in Brüssel. Dann will er alles hinwerfen, da es keine Fortschritte gibt und alles sinnlos erscheint. Er fliegt nach Wien, wo seine Mutter bald 89 Jahre alt wird.

    Noch während er über die Änderung seines Lebens nachdenkt, trifft ihn eine schwere Krankheit.

    Viele Kritiker sehen darin eine Metapher für Europa. Das Buch lässt sich auf verschiedenen Ebenen lesen.

    Es ist eine konzentriert gemachte Novelle. Beeindruckend!