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  • Trag das Feuer weiter von Slimani Leïla; Thoma Amelie

    Eine Schriftstellerin verliert nicht ihre Worte, sondern den Weg zu ihnen. Mia sitzt in Paris und merkt, wie etwas in ihrem Inneren verschwimmt. Namen, Bilder, Gefühle – als hätte jemand einen Schleier über ihr Gedächtnis gelegt. Der sogenannte Brain Fog raubt ihr nicht nur die Konzentration, sondern auch die Gewissheit darüber, wer sie eigentlich ist. Also reist sie zurück nach Meknès, auf die Farm ihrer Großeltern. Dorthin, wo ihre Familiengeschichte begann. Doch statt Heimkehr erwartet sie etwas anderes: die Erkenntnis, dass man selbst an den Orten seiner Kindheit zur Fremden werden kann.
    Mit Trag das Feuer weiter schließt Leïla Slimani ihre große Familiensaga ab – und macht aus dieser Rückkehr zugleich eine Suche nach Identität, Herkunft und Erinnerung. Während Mia versucht, die Fäden ihres eigenen Lebens wieder aufzunehmen, entfaltet sich vor den Leser:innen noch einmal das Panorama einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Großmütter, Mütter, Töchter. Frauen, die sich immer wieder gegen die Grenzen ihrer Zeit stemmen. Frauen, die ihren eigenen Weg suchen, auch wenn sie dafür einen Preis zahlen müssen.
    Besonders berührt hat mich dabei die Figur der Mia. Sie lebt zwischen Welten, Sprachen und Identitäten. Als Französin in Marokko, als Marokkanerin in Frankreich, als homosexuelle Frau in einem gesellschaftlichen Umfeld, das zunehmend konservativer wird. Dieses Gefühl des Dazwischenseins zieht sich wie ein feiner Riss durch den gesamten Roman. Nirgends ganz anzukommen, überall ein wenig fremd zu bleiben – Slimani beschreibt diese Erfahrung mit großer Klarheit und ohne jede Sentimentalität.
    Dabei erzählt der Roman weit mehr als nur eine Familiengeschichte. Im Hintergrund verändert sich Marokko. Die Hoffnungen früherer Jahrzehnte verblassen, politische Repressionen nehmen zu, religiöse Strömungen gewinnen an Einfluss. Familienmitglieder geraten zwischen die Fronten gesellschaftlicher Entwicklungen, werden Opfer von Machtspielen oder verlieren sich in den Erwartungen ihrer Umgebung. Die große Geschichte dringt dabei immer wieder in die privaten Räume ein und macht deutlich, wie eng persönliches Leben und politische Realität miteinander verwoben sind.
    Leïla Slimanis Stil bleibt dabei unverkennbar. Sie schreibt mit einer bemerkenswerten Klarheit, fast kühl manchmal, und gerade deshalb entfalten viele Szenen eine enorme Wucht. Gefühle werden selten ausgestellt, sondern entstehen zwischen den Zeilen. Ein Blick, eine Erinnerung, ein unausgesprochener Konflikt reichen oft aus, um ganze Lebensgeschichten spürbar zu machen. Besonders gelungen fand ich, wie sie Erinnerungen behandelt: nicht als verlässliches Archiv, sondern als etwas Fragiles, Flüchtiges. Etwas, das sich verändert, verblasst oder plötzlich wieder auftaucht.
    Atmosphärisch lebt der Roman von seinen Kontrasten. Da ist das elegante, intellektuelle Paris. Da sind die staubigen Landschaften rund um Meknès. Die liberalen Eliten, die französischen Schulen, die traditionellen Familienstrukturen, die politischen Spannungen eines Landes im Wandel. Slimani zeichnet diese Welten nicht schwarz-weiß, sondern voller Widersprüche und Zwischentöne. Genau darin liegt ihre Stärke.
    Allerdings hatte ich stellenweise das Gefühl, dass der Roman stärker an seinem historischen und gesellschaftlichen Panorama interessiert ist als an seinem erzählerischen Spannungsbogen. Manche Episoden wirken eher wie Mosaiksteine einer Epoche als wie notwendige Bestandteile von Mias persönlicher Geschichte. Dadurch entsteht gelegentlich eine gewisse Distanz. Auch erreicht dieser Abschlussband für mich nicht ganz die emotionale Kraft der vorherigen Teile der Trilogie.
    Dennoch bleibt Trag das Feuer weiter ein würdiger Schlusspunkt. Ein Roman über Frauen, die sich Freiräume erkämpfen. Über Herkunft als Last und Geschenk zugleich. Über Erinnerung als Heimat. Und über das Feuer, das von Generation zu Generation weitergegeben wird – manchmal als Mut, manchmal als Wut, manchmal einfach als die hartnäckige Weigerung, sich den Grenzen der eigenen Zeit zu beugen.
    Dieses Buch liest sich wie das Öffnen einer alten Familienkiste: Manche Gegenstände erkennt man sofort wieder, andere werfen neue Fragen auf. Doch am Ende versteht man besser, woher man kommt – und vielleicht auch ein wenig, wohin man geht.

  • Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami

    Nadim Suri erzählt – und mit jedem Kapitel öffnet sich eine neue Tür. Eine Frau tritt ein, bleibt für einen Moment, verändert alles, und verschwindet wieder. Was bleibt, ist kein gerader Lebensweg, sondern ein Geflecht aus Begegnungen: Damaskus, geprägt von Vielfalt und frühen Prägungen durch seine Mutter; die erste große Liebe, die brutal endet; Salma, deren Verlust wie ein tiefer Riss durch das ganze Buch geht; und schließlich Deutschland, wo Neubeginn und Fremdheit dicht nebeneinanderliegen. Flucht, politische Verfolgung, Ankommen – all das ist da, aber nie losgelöst von den Frauen, die Nadim formen. Jede hinterlässt Spuren, manchmal zart, manchmal schmerzhaft, immer unauslöschlich. Am Ende fügt sich daraus kein perfektes Bild, sondern ein Mosaik voller Brüche – und genau das macht es so wahr.
    Rafik Schami erzählt in einer Sprache, die gleichzeitig warm und klar ist. Da ist diese leise Poesie, die nie ins Kitschige kippt, sondern sich wie ein feiner Schleier über die Geschichten legt. Der Stil hat etwas Mündliches, fast so, als säße man Nadim direkt gegenüber und würde ihm zuhören, während er abschweift, innehält, sich erinnert. Gerade diese kleinen Umwege – die Geschichten in den Geschichten – geben dem Roman Tiefe, auch wenn sie manchmal den Fluss verlangsamen. Die Struktur, jede Frau als eigenes Kapitel, wirkt zunächst klar, entfaltet aber nach und nach eine fast hypnotische Wirkung: Wiederholung als Prinzip, Variation als Erkenntnis.
    Das Ambiente dieses Romans ist durchzogen von Gegensätzen: Wärme und Verlust, Heimat und Entwurzelung, Nähe und Fremdheit. Die politischen Umstände Syriens schwingen ständig mit – Überwachung, Gewalt, Einschränkung –, aber sie drängen sich nie in den Vordergrund. Stattdessen verstärken sie die Intensität der Beziehungen, machen jede Begegnung kostbarer, verletzlicher. Nicht jede Figur bekommt die Tiefe, die sie vielleicht verdient hätte, und manchmal verliert sich die Erzählung ein wenig in ihren eigenen Fäden. Aber vielleicht passt genau das: Ein Mosaik ist eben nie perfekt symmetrisch. Und genau darin liegt seine Schönheit.

  • Das schönste aller Leben von Betty Boras

    Was haben wir alle gemeinsam? Wir haben Mütter. Und viele von uns Töchtern werden auch wieder welche. Diese tiefe Verbundenheit ist das zentrale Thema des Debütromans von Betty Boras mit dem schönen Titel „Das schönste aller Leben“. Lasst euch vom Cover und dem Titel nicht in die Irre führen. Das Buch hat Tiefe, unerbittliche Wahrheiten und Schmerz in sich.
    Die Autorin, die selbst in Rumänien zur Welt gekommen ist und mit ihren Eltern nach Deutschland kam als junges Mädchen gibt uns auch einen liebevollen, aber sehr ehrlichen Blick frei auf Eltern, die ihr eigenes Leben aufgeben um Freiheit und eine bessere Zukunft für die eigene Tochter zu erreichen. Spannend diese Erfahrung hier aus dieser Perspektive zu lesen. Hilflose Eltern, immer darauf bedacht nicht aufzufallen, sondern integriert zu wirken. Stolz, wenn die Tochter deutsche Freundinnen hat.
    “Eine Vergebungskette, wie ein seltenes Erbstück, das weitergereicht wird und die Generationen verbindet.” S. 50
    Es geht um drei Generationen. Theresa, die im 18. Jahrhundert das Fundament der Familie im Banat begründet. Eine Frau, die viel Leid ertragen musste. Dann Vios Eltern, die für ihre Tochter nach dem Sturz der Diktatur nach Deutschland gingen, da war Vio noch in der Grundschule. Dann die Gegenwart in der Vio selbst Mutter ist. Scheinbar die Generation, die es geschafft hat, aber dann durch einen tragischen Vorfall doch wieder in ein ganze eigenes Leiden zurück geworfen wird.
    Betty Boras hat hier ein sehr persönliches Buch geschrieben, da hier sicherlich viel eingeflossen ist was sie kennt und zutiefst in sich trägt. Das macht dieses Buch so gut, aber auch ihr Schreiben ist extrem gut. Ein immer wiederkehrender Perspektivwechsel zwischen den Frauen. Selbst der Wechsel von Vio als Kind zu ihrem gegenwärtigen Ich ist äußerst gelungen. Es steckt so viel mehr im Text, nicht alles wird ausformuliert und doch schwingt der vieles mit was die Charaktere umgibt.
    Ich freue mich auf jeden Fall auf weitere Romane der Autorin. Eine Entdeckung in diesem Jahr!

  • Genfersee, ruhig, beinahe zu schön – und darunter brodelt etwas. Das letzte Buch von Marceau Miller von Marceau Miller nutzt genau diese Spannung zwischen Idylle und Abgrund. Ein gefeierter Schriftsteller stürzt beim Klettern in den Tod. Unfall, sagen die anderen. Seine Frau Sarah spürt sofort: So einfach ist das nicht. Und mit diesem Zweifel beginnt ein Roman, der sich langsam, aber unaufhaltsam in die Tiefe gräbt.
    Was zunächst beinahe ruhig und kontrolliert wirkt, entwickelt sich Seite für Seite zu einem Sog. Sarahs Suche nach Antworten ist kein klassischer Ermittlungsplot – sie ist eher ein vorsichtiges Abtragen von Schichten. Jede neue Erkenntnis wirkt wie ein Riss im Fundament ihres bisherigen Lebens. Besonders stark: das verschwundene Manuskript. Es wird zum unsichtbaren Zentrum der Geschichte, ein Echo, das alles zusammenhält – und gleichzeitig alles infrage stellt.
    Formal spielt der Roman raffiniert mit Perspektiven. Neben Sarahs gegenwärtiger Spurensuche dringen immer wieder Fragmente von Marceaus eigener Stimme durch – wie Nachrichten aus einer Vergangenheit, die sich weigert, abgeschlossen zu sein. Dieses „Buch im Buch“-Prinzip ist hier nicht nur ein Kunstgriff, sondern der eigentliche Motor der Spannung. Denn je mehr man liest, desto unsicherer wird, was Fiktion ist – und was Geständnis.
    Der Schreibstil ist dabei auffällig unaufgeregt. Keine effekthascherischen Cliffhanger, keine überdrehten Wendungen im Minutentakt. Stattdessen eine klare, präzise Sprache, die sich Zeit nimmt. Genau darin liegt ihre Stärke: Die Spannung entsteht nicht durch Tempo allein, sondern durch das stetige Verschieben von Gewissheiten. Wenn sie dann anzieht, tut sie es mit voller Wucht.
    Atmosphärisch lebt der Roman stark von seiner Kulisse. Der Genfersee wird fast zur eigenen Figur – schön, still, undurchdringlich. Diese landschaftliche Ruhe kontrastiert eindrucksvoll mit der inneren Unruhe der Figuren. Und Sarah selbst? Sie trägt die Geschichte. Ihre Zweifel, ihre wachsende Unsicherheit, ihr verzweifeltes Festhalten an einer Wahrheit, die sich ständig entzieht – das alles macht den Roman emotional greifbar.
    Inhaltlich bewegt sich das Buch irgendwo zwischen Spannungsroman und psychologischer Studie. Es geht um mehr als einen Todesfall. Es geht um Identität, um die Masken des Erfolgs, um Vertrauen – und darum, wie wenig wir manchmal über die Menschen wissen, die uns am nächsten stehen.
    Das Beeindruckende: Mit jeder Enthüllung wird die Geschichte nicht klarer, sondern komplexer. Bis sich am Ende alles fügt – und trotzdem ein leiser Zweifel bleibt.
    Fazit:
    Ein klug komponierter, atmosphärisch dichter Roman, der sich Zeit nimmt – und genau dadurch fesselt. Kein lauter Thriller, sondern ein leises, eindringliches Spiel mit Wahrheit und Wahrnehmung. Und eine dieser Geschichten, bei denen man am Ende kurz innehält und sich fragt: Wie gut kennen wir die Menschen, die wir lieben wirklich?

  • Die Riesinnen von Häffner Hannah

    Dieses Buch erfährt gerade einen enormen Hype – und ausnahmsweise kann ich sagen: völlig zu Recht. Die Riesinnen ist nicht nur gut, es ist großartig. Still großartig. Eindringlich großartig. Und vor allem: nachhaltig.
    Im Zentrum stehen drei Frauen aus drei Generationen – Liese, Cora und Eva. Drei Leben, die unterschiedlicher kaum verlaufen könnten und doch untrennbar miteinander verbunden sind. Liese, die sich in einer rauen Nachkriegswelt behaupten muss, festhält, durchhält, weitermacht – auch dann, wenn das Leben wenig Raum für eigene Wünsche lässt. Cora, die sich gegen diese Enge auflehnt, hinaus will, alles hinter sich lässt, um dann zu erkennen, dass Flucht nicht automatisch Freiheit bedeutet. Und schließlich Eva, die zwischen diesen beiden Polen aufwächst – zwischen dem Drang hinaus und dem Sog zurück.
    Wittenmoos, dieses kleine Schwarzwalddorf, ist dabei weit mehr als nur ein Schauplatz. Es ist Kraftfeld und Käfig zugleich. Ein Ort, der hält und gleichzeitig einengt. Hier kennt jeder jeden, hier wird beobachtet, geredet, bewertet – und doch ist genau hier auch diese tiefe, kaum erklärbare Verbundenheit spürbar. Besonders der Wald zieht sich wie ein lebendiger Organismus durch den Roman: schützend, fordernd, manchmal fast unerbittlich. Für alle drei Frauen wird er zu einem Gegenpol zur sozialen Enge – ein Raum, in dem sie atmen können.
    Was mich besonders berührt hat: Dieses Buch braucht keine großen dramatischen Wendungen, um zu wirken. Es erzählt vom Leben selbst – von Entscheidungen, die nicht laut getroffen werden, von Wegen, die sich erst im Rückblick als die richtigen erweisen. Wenn man am Ende zurückblickt, merkt man, wie viel eigentlich passiert ist. Ganz leise. Ganz konsequent.
    Und dann dieser Schreibstil. Hannah Häffner schreibt mit einer Präzision, die fast weh tut – weil sie so genau ist. Ihre Sprache ist dicht, poetisch, manchmal dunkel, dann wieder überraschend zart. Sätze, die nicht einfach gelesen, sondern gespürt werden wollen.
    Dabei gelingt ihr etwas sehr Besonderes: Sie verbindet eine fast entschleunigte Erzählweise mit einer enormen Sogkraft. Es passiert scheinbar wenig – und gleichzeitig will man immer weiterlesen. Weil jede Figur Tiefe hat, weil jede Beziehung Nuancen trägt, weil zwischen den Zeilen oft mehr liegt als im Offensichtlichen.
    Auch die Entwicklung über die Generationen hinweg ist fein gezeichnet. Während Liese noch stark gegen äußere Umstände ankämpfen muss, geht es bei Cora um Abgrenzung und Aufbruch. Und Eva? Sie darf bereits wählen. Ihr Weg wirkt freier, bewusster – und zeigt, dass Veränderung oft leise beginnt, aber über Generationen hinweg wirkt.
    Und ja, es gibt Momente, die fast zu rund erscheinen, fast zu schön. Aber selbst das fügt sich in dieses Gesamtbild ein: als leiser Hoffnungsschimmer, nicht als Kitsch.
    Für mich ist Die Riesinnen ein Roman über Frauen, die sich nicht laut emanzipieren müssen, weil sie es längst tun – auf ihre eigene, oft stille Weise. Über Herkunft, die prägt, aber nicht festschreibt. Über Heimat, die gleichzeitig Last und Halt sein kann.
    Und vielleicht ist genau das das Geheimnis dieses Buches: Es erzählt nichts Spektakuläres – und trifft dabei mitten ins Herz.

  • Keeping it casual von Karina May

    Maxines Leben gerät aus den Fugen, und genau in diesem emotionalen Ausnahmezustand beginnt eine Geschichte, die viel mehr ist als eine klassische Romcom. Klar, da ist Tinder, da ist Johnny, da sind charmante Chatnachrichten und virtuelle Kochabende. Aber darunter liegt eine viel ernstere Frage: Was bleibt, wenn plötzlich alles auf dem Spiel steht?

    Karina May schreibt mit einer Leichtigkeit, die fast täuscht – denn zwischen den humorvollen Dialogen und pointierten Chatverläufen verstecken sich echte emotionale Wucht und stille Zwischentöne. Die Sprache ist modern, direkt und sehr nah an der Lebensrealität, ohne jemals banal zu wirken. Gerade die Chatpassagen sind lebendig, temporeich und oft so witzig, dass man unwillkürlich schmunzelt. Gleichzeitig schaffen sie Intimität, obwohl sich die Figuren zunächst gar nicht begegnen.

    Diese Mischung aus digitaler Nähe und realer Distanz ist erzählerisch richtig klug umgesetzt – und fühlt sich erstaunlich authentisch an.

    Max selbst ist dabei eine Protagonistin, die angenehm aus dem Romcom-Raster fällt. Sie ist nicht perfekt, nicht immer souverän, sondern vor allem eines: echt. Ihre Entwicklung steht im Mittelpunkt, nicht nur die Liebesgeschichte. Auch Alice als beste Freundin bringt eine schöne Dynamik hinein – unterstützend, aber nie eindimensional.

    Johnny hingegen bleibt lange ein kleines Rätsel. Das passt zur Geschichte und erzeugt Spannung, auch wenn man sich manchmal wünscht, ihn früher klarer greifen zu können. Dafür sind die Dialoge zwischen ihm und Max umso stärker – voller Witz, Wärme und unterschwelliger Sehnsucht.

    Ein besonderes Highlight ist das durchgezogene Food-Motiv: Das gemeinsame Kochen wird zur Sprache der Gefühle. Es verbindet, ohne dass sich die Figuren physisch nahe sind. Die eingestreuten Rezepte sind dabei mehr als ein nettes Extra – sie geben der Geschichte Struktur und Atmosphäre, auch wenn sie geschmacklich nicht jede*n gleichermaßen abholen dürften.

    Fazit:
    Eine moderne, klug erzählte Romcom mit Herz, Humor und überraschender Tiefe. Perfekt für alle, die sich zwischen Lachen und Nachdenken verlieren wollen – und vielleicht nebenbei Lust auf eine Tarte au citron bekommen.

  • Grüne Welle von Esther Schüttpelz

    Nach einem dieser vertrauten Abende – Kino, Gespräche, ein Stück Normalität – steigt die Frau ins Auto. Der Weg ist bekannt, beinahe automatisiert. Doch dann: eine Umleitung. Eine kleine Verschiebung, kaum der Rede wert – und doch der Anfang von allem. Aus einem simplen Heimweg wird eine Fahrt ins Offene. Aus Abzweigungen werden verpasste Entscheidungen. Aus der Nacht wird ein Raum ohne Rückkehr.
    Sie fährt weiter. Und weiter….Die Ampeln bleiben grün, als hätten sie sich gegen sie verschworen oder ihr – ganz leise – einen Ausweg angeboten. Zuhause wartet der Mann, zunehmend unruhig, irritiert von der Abweichung im gewohnten Ablauf. Doch während er versucht, die Kontrolle zu behalten, entgleitet sie ihm Kilometer um Kilometer. Die Nacht dehnt sich, ein neuer Tag bricht an – und mit ihm die Erkenntnis: Vielleicht ist das Weiterfahren kein Zufall. Vielleicht ist es der erste eigene Entschluss seit langer Zeit.
    Was sich zunächst wie ein beinahe minimalistischer Plot liest, entfaltet eine enorme innere Wucht. Denn diese Fahrt ist keine Flucht vor der Dunkelheit der Straßen – sondern vor der, die längst in ihr Zuhause eingezogen ist. Zwischen Tankstellenlicht, Landstraßen und flüchtigen Begegnungen tastet sich die Frau durch Erinnerungen, Zweifel und leise, schmerzhafte Einsichten. Und plötzlich wird klar: Die größte Bedrohung sitzt nicht im Schatten der Nacht, sondern in der Enge einer Beziehung, die sie längst verschluckt hat.
    Esther Schüttpelz schreibt dabei mit einer fast schon irritierenden Ruhe. Ihr Stil ist reduziert, klar, beinahe kühl – und gerade darin so eindringlich. Sie verzichtet auf große Dramatik und setzt stattdessen auf die Kraft der Wiederholung, auf das leise Drängen von Gedanken, die sich im Kreis bewegen wie das Auto auf der Straße. Dass ihre Figuren namenlos bleiben – die Frau, der Mann, die Freundin – ist kein Zufall, sondern Konzept: Es geht nicht um Einzelschicksale, sondern um Strukturen, um Muster, die erschreckend universell sind.
    Besonders bemerkenswert ist die feine Symbolik, die sich durch den gesamten Roman zieht. Die grüne Welle wird zum Sinnbild für das passive Sich-Treiben-Lassen – aber auch für die seltene Chance, einfach weiterzufahren, ohne anzuhalten, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Gleichzeitig liegt in ihr etwas Unheimliches: ein Kontrollverlust, der sich erst wie Freiheit anfühlt und dann wie ein Abgrund.
    Atmosphärisch ist dieser Roman dicht und fast körperlich spürbar. Man sitzt mit im Auto, hört das monotone Surren des Motors, spürt die Müdigkeit, die Angst, das leise Aufkeimen von Hoffnung. Die Begegnungen unterwegs wirken wie Spiegel, wie flüchtige Möglichkeiten eines anderen Lebens. Und doch bleibt immer diese Unsicherheit: Ist das hier Aufbruch – oder nur ein weiteres Kreisen?
    „Grüne Welle“ ist kein lauter Roman. Er schreit nicht, er klagt nicht an – und trifft gerade deshalb so präzise. Es ist ein Buch über das Verstummen, über das Sich-Verlieren und vielleicht auch über den ersten, zaghaften Versuch, sich selbst wiederzufinden. Die Geschichte bleibt bewusst offen, verweigert einfache Antworten –gut so.
    Ein stilles, klug komponiertes Debüt, das unter die Haut geht. Für alle, die Literatur lieben, die zwischen den Zeilen spricht – und dort ihre größte Wahrheit entfaltet.

  • Ein Ort, der bleibt von Sandra Lüpkes

    E s beginnt nicht mit einem Ort, sondern mit einem Verlust: Münster, 1933. Eine Tür schließt sich, weil ein Name plötzlich nicht mehr dazugehört. Und während Alfred Heilbronn seine Professur verliert, beginnt etwas, das sich erst viel später als Anfang begreifen lässt.
    Sandra Lüpkes erzählt in Ein Ort, der bleibt keine klassische Exilgeschichte – sie pflanzt sie. Und wie jede Pflanze wächst auch diese Geschichte nicht geradlinig, sondern verzweigt sich, schlägt unerwartete Richtungen ein, treibt neu aus. Zwischen Münster und Istanbul, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen drei Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise versuchen, sich selbst zu verorten.
    Magda trägt Samen im Gepäck – nicht nur botanische, sondern auch Erinnerungen, Hoffnungen, vielleicht sogar ein Stück Trotz. Ihre Reise nach Istanbul fühlt sich nicht wie ein Neuanfang an, sondern wie ein vorsichtiges Weiteratmen. Und doch entsteht am Bosporus etwas, das größer ist als Exil: ein Ort, an dem Wissen, Sehnsucht und Überleben ineinander verwurzeln.
    Besonders leuchtet für mich Mehpare. Inmitten von Pflanzen, die katalogisiert, benannt und verstanden werden, bleibt ausgerechnet das eigene Innenleben ein Rätsel. Ihre Geschichte hat eine leise Wucht – sie erzählt von Verlust, von Unsichtbarkeit, aber auch von dem Moment, in dem man gezwungen ist, sich selbst zu begegnen. Es ist diese feine psychologische Tiefe, die Lüpkes Figuren nicht nur lebendig, sondern spürbar macht.
    Und dann ist da Imke, Jahrzehnte später – eine Frau, die glaubt, einen Ort analysieren zu können, ohne zu ahnen, dass dieser Ort längst begonnen hat, sie zu verändern. Hier zeigt sich die große Stärke des Romans: Zeit ist kein linearer Verlauf, sondern ein Geflecht. Entscheidungen, die einst aus Not getroffen wurden, wirken nach – in Landschaften, in Biografien, in Fragen, die nie ganz verschwinden.
    Was mich besonders fasziniert hat, ist die Verbindung von Botanik und Biografie. Pflanzen werden hier nicht zur Kulisse, sondern zur Sprache: für Migration, Anpassung, Widerstand. Was bedeutet es, Wurzeln zu schlagen – wenn der Boden fremd ist? Und ist Heimat ein Ort oder ein Prozess?
    Dabei schwingt stets eine leise historische Erkenntnis mit, die mich wirklich überrascht hat: die Rolle der Türkei als Zufluchtsort für verfolgte Wissenschaftler:innen. Lüpkes gelingt es, dieses Kapitel nicht trocken zu erzählen, sondern es mit Leben zu füllen – mit Gerüchen, Stimmen, Beziehungen. Istanbul wird dabei mehr als nur Schauplatz: eine vibrierende, widersprüchliche, zutiefst menschliche Stadt.
    Dieser Roman ist kein reines Wohlfühlbuch – und genau das macht ihn so besonders. Er fordert, berührt und bleibt. Wie ein Garten, den man einmal betreten hat und dessen Wege man im Kopf weitergeht.
    Oder anders gesagt: Ein Ort, der bleibt ist kein Ort. Es ist ein Gefühl, das Wurzeln schlägt, lange nachdem man die letzte Seite gelesen hat!

  • Einatmen. Ausatmen. von Maxim Leo

    Einatmen Ausatmen von Maxim Leo beginnt wie eine bissige Abrechnung mit unserer Selbstoptimierungs-Gesellschaft – und endet ganz woanders: leiser, nachdenklicher, fast versöhnlich.
    Im Zentrum steht Marlene Buchholz, eine Frau, die alles erreicht hat – außer Nähe zu anderen Menschen. Ihre Beförderung hängt ausgerechnet davon ab, ob sie lernt, empathischer zu sein. Also landet sie in einem Achtsamkeitsseminar, das sie selbst eher als „Umerziehungslager“ betrachtet. Dort trifft sie auf Alex Grow, einen Coach, der anderen Orientierung geben soll – während ihm selbst gerade alles entgleitet.
    Was folgt, ist weniger ein klassischer Plot als ein Aufeinandertreffen zweier Lebensentwürfe: Kontrolle versus Kontrollverlust, Karriere versus Sinnsuche.
    Leo schreibt leicht, fast spielerisch – und genau darin liegt seine Stärke. Die Sprache ist zugänglich, temporeich und durchzogen von einem feinen, oft selbstironischen Humor. Genau wie in seinen anderen Romanen. Die Dialoge sitzen, wirken lebendig und tragen viel zur Dynamik zwischen den Figuren bei. Gleichzeitig schafft er es, unter dieser Oberfläche immer wieder ernstere Themen anklingen zu lassen, ohne dass der Roman je schwer wird.
    Auffällig ist der Perspektivwechsel zwischen Marlene und Alex. Dadurch entsteht eine schöne Doppelbewegung: Während Marlene langsam lernt, sich selbst zu hinterfragen, kämpft Alex damit, überhaupt noch Halt zu finden. Diese Spiegelung macht den Roman interessant – auch wenn beide Figuren an manchen Stellen etwas klischeehaft wirken. Doch gerade durch ihre Brüche und Unsicherheiten gewinnen sie schnell an Sympathie.
    Inhaltlich balanciert der Roman geschickt zwischen Satire und Ernst. Anfangs hatte ich das Gefühl, hier wird der ganze Coaching- und Achtsamkeitsboom ordentlich aufs Korn genommen – und ja, diese Spitzen gibt es auch. Aber im Laufe der Geschichte verschiebt sich der Ton. Die ironische Distanz wird zugunsten einer ehrlicheren Auseinandersetzung mit Themen wie Selbstbild, Erwartungen und Lebensentwürfen aufgegeben. Das wird nicht jede*r mögen, ich fand es aber durchaus spannend.
    Besonders gelungen sind die Momente, in denen Marlene aus ihrer gewohnten Welt herausgerissen wird – sei es durch Naturerfahrungen, Begegnungen oder Übungen wie die Familienaufstellung. Hier zeigt sich, dass hinter der kühlen Fassade mehr steckt, als sie selbst lange wahrhaben wollte. Ihr Wandel geht stellenweise schnell – vielleicht sogar etwas zu schnell – wirkt aber emotional nachvollziehbar.
    Nebenfiguren und kleinere Episoden lockern die Handlung auf, auch wenn sie nicht immer zwingend notwendig erscheinen. Dafür bringen sie Wärme und Farbe in die Geschichte. Und ganz nebenbei stellt der Roman Fragen, die hängen bleiben:
    Was, wenn Erfolg nicht erfüllt? Was, wenn wir uns selbst auf dem Weg dorthin verloren haben?
    Fazit: Ein unterhaltsamer, klug erzählter Roman, der mit Humor beginnt und mit Herz endet. Vielleicht nicht in jeder Hinsicht originell, aber mit einem feinen Gespür für die Widersprüche unserer Zeit. Eine Geschichte, die leicht daherkommt – und trotzdem dazu einlädt, das eigene Leben kurz anzuhalten und zu fragen: Bin ich eigentlich noch auf meinem Weg?

  • Der Fährmann von Regina Denk

    Der Fluss ist dunkel, schwer und unberechenbar. Die Strömung zieht unter der Oberfläche, still und doch voller Kraft. Ein Boot löst sich vom Ufer, ein Mann setzt über – hin und zurück, immer wieder, Tag für Tag. Und während er Menschen über die Salzach bringt, trägt der Fluss ihre Geheimnisse mit sich.
    „Der Fährmann“ von Regina Denk ist eines meiner Highlights des 1. Quartals 2026! Dieser Roman erzählt nicht nur eine Geschichte. Er erschafft eine Welt. Eine Welt voller Spannungen, Sehnsüchte und dunkler Abgründe.
    Die Handlung spielt an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Zwei Dörfer liegen sich an der Salzach gegenüber und sind enger miteinander verbunden, als man zunächst glaubt. Mittendrin steht Hannes, der Fährmann. Sein Leben gehört dem Fluss – und den Menschen, die er täglich ans andere Ufer bringt. Doch dieser Beruf verlangt einen hohen Preis: Ein Fährmann darf nicht heiraten.
    Das macht seine Liebe zu Elisabeth unmöglich. Sie wiederum wird aus wirtschaftlichen Gründen mit Josef verheiratet, dem Sohn eines wohlhabenden Bauern. Gleichzeitig trägt Annemarie, Elisabeths Freundin, ihre eigenen Gefühle und Enttäuschungen mit sich herum. Aus diesem Geflecht entsteht eine Geschichte über unerfüllte Liebe, Neid, Loyalität und Gewalt – während im Hintergrund der Krieg näher rückt und die fragile Ordnung der Dörfer zu zerbrechen droht.
    Regina Denk gelingt es, ihre Figuren so lebendig zu zeichnen, dass man ihnen beim Lesen sehr nahe kommt. Ihre Entscheidungen sind nicht immer nachvollziehbar – aber immer menschlich. Besonders erschütternd ist die Figur des Josef. Seine Brutalität und sein Machtanspruch machen ihn zu einer der düstersten Figuren der Geschichte. Gleichzeitig zeigt der Roman auch, wie sehr Gewalt oft aus Gewalt entsteht.
    Am meisten berührt haben mich jedoch Elisabeth und Annemarie. In einer Welt, die von Männern bestimmt wird, müssen sie Wege finden, mit ihren begrenzten Möglichkeiten zu überleben. Ihre Geschichten sind voller Schmerz, aber auch voller Stärke.
    Regina Denk schreibt poetisch, atmosphärisch und unglaublich bildhaft. Ihre Sätze sind oft lang und rhythmisch, aber nie schwerfällig. Vielmehr tragen sie einen regelrecht durch die Geschichte. Toll ist wie die Natur in die Erzählung eingebunden wird. Die Salzach ist weit mehr als nur eine Kulisse – sie wirkt wie eine stille Beobachterin, die das Schicksal der Menschen begleitet.
    „Der Fährmann“ ist kein leichtes Buch. Einige Szenen sind schmerzhaft, manche Entwicklungen erschütternd. Gerade die Darstellung von patriarchalen Strukturen und Gewalt geht unter die Haut. Und doch entsteht daraus eine enorme Sogwirkung.
    Mit „Der Fährmann“ ist ein Buch über Liebe, Schuld, Macht und die Frage, wie sehr Menschen von ihrer Zeit geprägt werden. Ein atmosphärischer, düsterer und gleichzeitig zutiefst berührender Roman – und für mich eines der stärksten Bücher dieses Jahresbeginns.

  • Gamechanger Abnehmspritze von Gerald Jahl; Herbert Hirschler

    Mit Gamechanger Abnehmspritze – Nachhaltig schlank mit moderner Medizin liefern Gerald Jahl und Herbert Hirschler ein Sachbuch, das ein hochaktuelles Thema aufgreift: die sogenannte Abnehmspritze und ihren möglichen Einfluss auf den Umgang mit Übergewicht. Doch wer hier eine reine Anleitung zum schnellen Gewichtsverlust erwartet, wird überrascht sein – dieses Buch geht deutlich tiefer und ist nicht der schnelle Weg zu weniger Pfunde.
    Der medizinische Kern des Buches liegt in der verständlichen Erklärung moderner Therapien rund um sogenannte GLP-1-Medikamente. DDr. Jahl beleuchtet dabei sehr anschaulich, wie komplex unser Körper eigentlich funktioniert: Stoffwechselprozesse, hormonelle Steuerung, genetische Voraussetzungen und die Rolle von Nährstoffen greifen ineinander wie Zahnräder. Besonders deutlich wird dabei, dass Abnehmen eben nicht nur eine Frage von Disziplin oder Kalorienreduktion ist. Viele physiologische Faktoren bestimmen mit, ob ein Körper Gewicht verliert oder festhält. Und das entlastet die Psyche doch sehr!
    Gerade dieser wissenschaftliche Blickwinkel macht den großen Mehrwert des Buches aus. Komplexe medizinische Zusammenhänge werden so erklärt, dass auch Leserinnen und Leser ohne medizinisches Vorwissen folgen können. Themen wie hormonelle Steuerung des Hungergefühls, Stoffwechselmechanismen oder das viel diskutierte „Gedankenkarussell rund ums Essen“ werden nachvollziehbar eingeordnet. Dabei wird auch klar: Die Spritze ist kein Wunderheilmittel, sondern ein medizinisches Werkzeug, das nur im Zusammenspiel mit Lebensstiländerungen sinnvoll eingesetzt werden kann.
    Einen besonders lebendigen Gegenpol zur sachlichen Erklärung bildet der persönliche Erfahrungsbericht von Herbert Hirschler. Seine Reise durch die Behandlung zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und macht deutlich, wie sich Theorie und Praxis verbinden. Diese persönlichen Episoden lockern die Informationsfülle angenehm auf und geben einen ehrlichen Einblick in die emotionale Seite des Themas.
    Hilfreich sind zudem die praktischen Elemente am Ende des Buches: Checklisten, Orientierungshilfen und Fragenkataloge für Arztgespräche helfen dabei, die eigene Situation besser einzuschätzen. Dadurch wird das Buch nicht nur zu einer Informationsquelle, sondern zu einem echten Begleiter für Menschen, die sich mit der Therapie auseinandersetzen möchten.
    Besonders wertvoll fand ich, dass die Autoren versuchen, mit verbreiteten Vorurteilen aufzuräumen. Übergewicht wird hier nicht moralisch bewertet, sondern als komplexe gesundheitliche Herausforderung betrachtet. Genau dieser Perspektivwechsel macht das Buch so wichtig – und zeigt, wie sehr sich die Medizin in diesem Bereich weiterentwickelt.
    Fazit:
    Gamechanger Abnehmspritze ist weit mehr als ein Buch über ein neues Medikament. Es ist eine verständliche Einführung in die medizinischen Hintergründe von Übergewicht, kombiniert mit persönlichen Erfahrungen und praktischen Orientierungshilfen. Wer sich für die moderne Behandlung von Adipositas interessiert oder einfach besser verstehen möchte, wie unser Körper Gewicht reguliert, findet hier eine äußerst informative und zugleich überraschend zugängliche Lektüre.

  • Wasser, Felsen, Wut von Sara Pütter; Reisedepeschen

    Ich lese viel. Ich lese gerne. Ich lese auch gerne Texte und Romane, die fern ab meiner täglichen Realität spielen. Mich mitnehmen in Gegenden, die ich nicht kenne. Die mich in Situationen schleudern, die ich nicht möchte. Überforderung in gedruckter Form macht auch resilienter, im Kopf leidet man mit. Auch das Gegenteil ist der Fall, freudige Ereignisse durchlebt man gerne mit Protagonisten/innen und die Neuronen feuern auch hier bei mir im Hirn.
    Warum die lange Vorrede zu diesem Buch? Um es einzuordnen. Sara Püttner nimmt uns mit auf einen außergewöhnlichen Trip nach British Columbia in Kanada und schließt sich dort (fast zufällig) zwei Männern an, die zum Jagen in die nördliche Wildnis aufbrechen. In Gegenden in denen die Natur noch die Oberhand hat und jeder Ausflug, jede tierische Begegnung oder Verstrickung im Dickicht den Tod bedeuten können.
    Das Buch ist wie ein Tagebuch geschrieben, sehr detailliert in dem was sie tut, warum sie es tun und wie die Tage verlaufe mit den emotionalen Höhen und Tiefen. Und hier ist das befriedende Element des Buches. Es liegt keine Wertung vor, es wird kein Roman mit Spannungsbogen erzählt, sondern ein Abbild eines Lebens geschildert, dass wir in Deutschland, tief in der Zivilisation nicht kennen und spüren.
    Als Bettlektüre vor dem Einschlafen sehr zu empfehlen um dem täglichen Rauschen der viel zu vielen Eindrücke zu entrinnen und sich dem Wesentlichen wieder anzunähern. Sara Püttner beschreibt auch diese Entkoppelung von Mensch und Natur – aus ihrer Perspektive – sehr treffend. Auch wie Balsam für die Seele sind die meist gelungenen Begegnungen mit fremden Menschen, die sich hier offen auf einander einlassen.
    Kein Roman, eine entspannende Lektüre und aus meiner Sicht ein Minimalismus-Plädoyer mit offenen Armen der Welt und vor allem der Natur zu begegnen.