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"Guten Morgen, schönes Wetter heute" von Tanja Kokoska hat ein farbenfroh gestaltetes Cover. Man sieht darauf viele kleine Fenster von Wohnungen, mit unterschiedlich ausgemalten Wänden im Hintergrund. Damit stimmt das Buch schon gut auf sein Thema ein: es geht um die Menschen in einer Straße, nämlich "Am Kastanienbaum", und ihre individuellen Schicksale, die teils nebeneinander und teils immer mehr miteinander verflochten sind.
Da gibt es Ina, alleinerziehend mit ihrem jugendlichen Sohn Henry, die gerade die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern ausräumt. Eine türkischstämmige Familie, bei der die Großelterngeneration zurück in die Türkei gegangen ist, nie in Deutschland wirklich heimisch werden konnte und nun aufgrund der Distanz, steigender Flugpreise und wenig Urlaub auch nur wenig besucht kann, während eine der erwachsenen Töchter sich für Gedichte interessiert und diese in Produktverpackungen im Supermarkt versteckt.
Henry lebt eine unkonventionelle Seite aus und lässt sich spontan seine Nägel in einem neu eröffneten Nagelsalon machen, dort arbeiten ausgebeutete Thailänderinnen, die erst einmal die Kosten, um sie ins Land zu bringen, wieder hineinwirtschaften müssen, eine davon gefällt ihm gut. Dann gibt es noch ein paar weitere Charaktere. Und irgendwo wird gegraben, vielleicht nach einem Schatz, vielleicht findet sich auch eine Bombe?
Es ist ein liebevoll erzähltes Buch, das sich sehr gut als locker-leichte Sommerunterhaltung ohne besonders viel Tiefgang eignet. Es sind größtenteils liebenswerte Charaktere aus der Durchschnittsbevölkerung, die hier vorgestellt werden, die aber wiederum dann auch so gar nicht diversen Klischees entsprechen. Man merkt, dass die Autorin sich Mühe gegeben hat, vielfältige Menschen mit individuellen Lebensweisen zu beschreiben, die eben in keine Schublade passen... außer vielleicht in diese des Zeitgeistes, der sich um Vielfalt und Toleranz bemüht.
Ich persönlich bin mit dem Buch nur teilweise warm geworden, was aber vermutlich eher an meinen sonstigen Lesegewohnheiten als an diesem Buch liegt. Stellenweise war es mir dann doch zu sehr Unterhaltung und zu wenig literarischer Anspruch. Letzten Endes waren mir manche Charaktere dann vielleicht doch zu alternativ und damit ein Stück unglaubwürdig und manches war nicht mein Humor. So richtig hineingezogen hat mich die Erzählweise mit diesen vielen Geschichten auch nicht, eine besondere Sprache, wie ich sie an anspruchsvoller Literatur schätze, habe ich auch nicht entdecken können. Es ist also klar ein Werk der Unterhaltung, was es ja auch sein darf.
Wer gerne leichte Sommerlektüre, Humor und eine warmherzige Erzählweise mag, wird mit diesem Buch sicherlich seine Freude haben können.
Dr. Michael Lehofer interessiert sich schon seit langem intensiv für die Tiefen der menschlichen Seele. So hat er sowohl ein Psychologie- als auch ein Medizinstudium absolviert und arbeitet nun seit Jahrzehnten als Psychiater, Klinischer Psychologe und Psychotherapeut. Er hat schon einige Bücher veröffentlicht, in denen er seine Praxiserfahrungen und philosophischen Gedanken dazu mit einem breiten Publikum teilt.
In seinem neuesten Werk "Zu viel von Allem und zu wenig vom Richtigen" geht es auch wieder um Betrachtungen der heutigen Gesellschaft, durch die Linse eines erfahrenen Praktikers, der Menschen bei ihren Lebensthemen unterstützt und dabei so einiges erlebt hat. Gegliedert nach Themen wie "Sehnsucht", "Lebenskunst", Selbstverwirklichung", "Dankbarkeit" oder auch "Das Göttliche" schreibt der Autor von seinen Gedanken und Erfahrungen dazu. Es sind interessante und erfrischende Perspektiven, so einiges interpretiert er neu, auf eine Art und Weise, wie sie mir bisher noch nicht begegnet ist und mich als Leserin ebenfalls zu neuen Betrachtungsweisen anregt.
Hier ein paar Beispiele:
"Spiritualität ist die Anerkennung des Zauberhaften im Leben. Die Theologie versucht aufgrund von heiligen Schriften und Überlieferungen, Antworten auf die numinose, die jenseitige Welt zu finden. Damit banalisiert sie weitestgehend die faszinierende spirituelle Sphäre. Denn was Gott und das Numinose (also das nicht in Realitätskonstrukte Einbaubare) sind, kann man nicht beantworten, sondern nur anfragen. Auch die sogenannten heiligen Schriften bieten keine Antworten, sondern sind Einladungen für eigene existenzielle Fragen. Ansonsten sind die heiligen Schriften nicht heilig. Das Heilige ist nämlich nur heilig, wenn es heilsam ist, nicht, wenn irgendeine Religionsbehörde es für heilig erklärt. Im Fragen nach dem Göttlichen liegt somit das Heilende." (S. 66 im E-Book)
"Trauer ist eine wunderbare Kompetenz. Sie erzeugt im Menschen die Fähigkeit zur ständigen Metamorphose, die notwendig ist, um in das eigentliche Selbst hineinzuwachsen." (S. 115 im E-Book)
"Kein Geschenk ist gratis. Geschenke kosten die Unverbindlichkeit und führen zu Verbindlichkeit." (S. 44 im E-Book)
Insgesamt kann man spüren, dass der Autor ein gläubiger, spiritueller und suchender Mensch ist, aber auch ein kritisch hinterfragender. Manchen Aussagen habe ich angemerkt, dass es sich um einen Menschen handelt, der fast 30 Jahre älter ist als ich, dieses Jahr 70 geworden ist und somit aus einer anderen Generation und gesellschaftlichen Prägung stammt als ich. So blickt er durchaus sehr skeptisch auf manche modernen gesellschaftlichen Entwicklungen, diese Ansichten mag man teilen oder auch nicht.
Doch geht es bei diesem vielfältigen und intelligenten Werk ja auch nicht darum, in allem mit dem Autor einer Meinung zu sein. Stattdessen leistet es das, was gute Bücher leisten sollen: den eigenen Geist, das eigene Gefühl und das kritische Denken und Nachspüren anzuregen, die Thesen des Autors auf sich wirken zu lassen, damit in Dialog zu gehen und die eigenen Perspektiven auf die Welt wieder ein Stück weit zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Es ist ein wertvolles Buch mit vielen tiefgründigen Gedanken, das man am besten nicht nur einmal liest, sondern stückchenweise und immer wieder mal konsultiert, für einen Dialog mit einem intelligenten Gegenüber, das sich viele interessante Gedanken gemacht hat. Ich kann es allen, die gerne nachdenken und sich für Psychologie, Philosophie und gesellschaftliche Fragen interessieren, sehr empfehlen. Auch als Geschenkbuch für Menschen mit diesen Interessen eignet es sich bestens.
In ihrem neuen Roman "Die Liebeshungrigen", im französischsprachigen Original treffender "La guerre par d'autres moyens" ("Der Krieg mit anderen Mitteln") genannt, lässt uns die französische Autorin Karine Tuil hinter die Kulissen der Reichen, Schönen und Mächtigen schauen.
Und was man hier zu sehen bekommt, ist kein schönes Bild: hinter dem schönen Glanz verbirgt sich sehr viel Verkommenheit, Intrigen, Manipulation, Verrat und Misogynie. Im clever konstruierten Roman erleben wir abwechselnd viele Perspektiven der Menschen rund um den ehemaligen (fiktiven) französischen Staatspräsidenten Dan Lehman mit.
Dan Lehman selbst hat Schwierigkeiten mit dem Machtverlust und ein immer größer werdendes Alkoholproblem. Von seiner loyalen langjährigen Ehefrau Marianne, mit der er drei erwachsene Kinder hat, hatte er sich im Vorfeld der Wahl für eine weit jüngere Schauspielerin getrennt, mit der er ein weiteres kleines Kind bekommen hat. Doch nun ist auch diese Beziehung nicht mehr gut.
Marianne wiederum ist Autorin und ihr erfolgreiches Buch zum Thema Gewalt gegen Frauen soll verfilmt werden, doch besetzt wird die Rolle ausgerechnet mit der neuen Partnerin ihres Ex-Mannes. Dann gibt es noch den Regisseur Nizan, der nach außen auf Feminist tut, aber eigentlich im Verborgenen zutiefst misogynes Verhalten an den Tag legt und mehrere junge naive Frauen, die sich ebenfalls für modern und feministisch halten, aber auf den erfolgreichen Mann hereinfallen.
Mit Ausnahme der Person Marianne, die durchaus einiges an Souveränität und gereifter Persönlichkeit zeigt, handelt es sich bei allen porträtierten Charakteren um solche mit massiven Charakterschwächen, was insgesamt ein hässliches Bild der Welt der Superreichen, Einflussreichen und Mächtigen zeichnet. Auch wenn man hoffen könnte, dass dieses Bild übertrieben wäre, und sich integre Menschen an der Spitze des Staates wünschen würde, wissen wir doch mittlerweile von vielen Berichten und Recherchen, dass dem leider nicht unbedingt so ist und es gerade da, wo nach außen Glanz, Ruhm, Ehre und Macht groß erscheinen, es oft auch sehr viel innere Leere gibt.
Insofern handelt es sich um ein durchaus authentisches, wenn auch deprimierendes, Porträt eines ganz bestimmten Teils der gesellschaftlichen Oberschicht in Frankreich, das ich gerne gelesen habe und das sehr nachdenklich stimmt in Bezug darauf, was für Charaktere prägenden Einfluss auf Gesellschaften und Länder haben und ob die Mechanismen, die bestimmen, wer erfolgreich ist, verstärkt Narzissten und Psychopathen nach oben spülen bzw. diese Eigenschaften für manche Machtpositionen fast schon Bedingung zu sein scheinen (viele psychologische Studien zur dunklen Triade zeigen da tatsächlich einen Zusammenhang).
Ich kann das Buch jenen, die keine Angst vor Desillusionierung haben und sich für die Abgründe der Eliten in den Bereichen Politik und Medien interessieren, jedenfalls empfehlen: es liest sich leicht und unterhaltsam und hat gleichzeitig durchaus Tiefgang.
"Wir in zehn Jahren" (im englischsprachigen Original "Consider yourself kissed") ist der zweite Roman der australischstämmigen und in London lebenden Autorin Jessica Stanley und der erste von ihr, der meines Wissens auch in deutscher Sprache herausgebracht wurde.
In diesem Roman begleiten wir Coralie und Adam durch die ersten zehn Jahre ihrer Beziehung. 2013 ist Coralie frisch aus Australien nach London gezogen und lernt Adam und seine vierjährige Tochter Zora kennen, die nach seiner Trennung von seiner Ex-Frau Marina im Wechselmodell bei ihm lebt. Rasch verlieben sich die beiden ineinander und Coralie schließt auch die kleine süße Zora in ihr Herz, auch wenn sie sich zusätzlich auch eigene Kinder wünscht. Als junge Frau, die Coralie mit Ende 20 noch ist, hat sie große Pläne für ihr Leben: sie träumt davon, Bücher zu schreiben und außerdem eine glückliche Familie zu haben. Adam ist ein sehr ehrgeiziger Politikjournalist und -autor, der vor jedem Wahlkampf in Arbeit regelrecht versinkt und sich für die Labour-Partei einsetzt.
Wir erleben eine sehr realitätsnahe Darstellung der Schwierigkeiten junger Eltern, ihre Partnerschaft und Lebensträume auch in der Phase der Familiengründung und mit kleinen Kindern aufrecht zu erhalten, noch einmal erschwert durch all die organisatorischen und zwischenmenschlichen Herausforderungen, die Patchworkkonstrukte mit sich bringen. Da gibt es Ex-Frau Marina und ihren neuen Partner "Tory Tom" (ein konservativer Parlamentarier), bei denen Zora jede zweite Woche verbringt, und die bald noch einen weiteren gemeinsamen Sohn haben werden. Nach langer sehnsüchtiger Kinderwunschzeit wird schließlich auch Coralie Mutter von zwei weiteren kleinen Kindern, während Zora sich der Teenagerzeit nähert und sich gelegentlich ungeliebt fühlt und stark rebelliert. Daneben rückt Coralies Traum vom eigenen Buch immer mehr in die Ferne, während sie sich zwischen Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung aufreibt und das Gefühl hat, von Adam viel zu wenig unterstützt zu werden. Diverse emotionale Päckchen aus ihrer Vergangenheit schleppt Coralie auch noch mit sich herum...
Neben all diesen Familien- und Vereinbarkeitsthemen geht es im Buch außerdem auch viel um die politischen Veränderungen in Großbritannien zwischen 2013 und 2023. Wir erleben die Zeit vor dem Brexit und die damit verbundene Stimmung und die Hoffnungen und Ängste der Menschen mit, genauso wie die zähe Phase, in der es fast zu einem No-Deal-Austritt gekommen wäre und danach auch noch die Zeit der Corona-Pandemie. Dadurch ist die Familiengeschichte nicht nur sehr detailliert in das Zeitgeschehen eingebettet, sondern man kann auch noch eine Menge über die britische Sicht auf diese Geschehnisse lernen.
Für mich waren diese Hintergrundthemen sehr interessant und haben das Buch bereichert, wer sich aber gar nicht für Politik interessiert und rein eine Familien- und Liebesgeschichte lesen möchte, für den könnte dieses Buch vielleicht nicht die beste Wahl sein.
Insgesamt ist es trotz der Beziehungsthematik ein sehr anspruchsvolles Buch, das sich nicht unbedingt leicht und schnell wegliest. Insbesondere im ersten Viertel des Buches habe ich gebraucht, um mit den typisch britisch-distanzierten Figuren und der Geschichte insgesamt warm zu werden. Letztlich bin ich aber sehr froh, das Buch zu Ende gelesen haben, weil es im Ganzen betrachtet eine sehr interessante, vielfältige und authentisch erzählte moderne Patchwork-Familiengeschichte vor dem Hintergrund aktueller politischer und gesellschaftlicher Veränderungen in Großbritannien ist. Ich habe also bei der Lektüre auch einiges gelernt und das Buch hinterlässt bei mir so einige Gedanken, mit denen ich mich noch weiter beschäftigen möchte.
In ihrem neuen Buch "Cultish" widmet sich Amanda Montell, die sich auch in ihren vorigen Büchern schon mit interessanten psychologischen Phänomenen auseinandergesetzt hat, der Verbindung zwischen Sprache und destruktiven Kulten. Anhand historischer Beispiele bekannter Sekten wie Scientology oder Peoples Temple, aber auch moderner Beispiele zu Pyramidensystemen, Multi-Level-Marketing, Fitnessgurus und Influencern mit sektenhaften Zügen zeigt sie auf, wie es Organisationen schaffen, Anhänger zu gewinnen, an sich zu binden und für ihre Zwecke auszubeuten. Es ist ein persönliches und gut recherchiertes, umfangreiches Buch, in dem man viel über diese Themen lernen kann und das ich gerne gelesen habe.
Matt Haig ist mir und vielen anderen Menschen als Autor des internationalen Bestsellers "Die Mitternachtsbibliothek" bekannt. Seitdem hat er verschiedene andere Werke verfasst, einige mit deutlichem autobiographischem Anteil und zu psychischen Erkrankungen, sowie Liebesromane. Allen gemeinsam ist, dass es auf die eine oder andere Art auch um den Sinn im Leben geht.
An dieses Thema schließt auch die Mitternachtsreise an. Ging es bei der Mitternachtsbibliothek um die junge Nora, die noch weite Teile ihres Lebens vor sich haben könnte und verschiedene mögliche Lebenspfade betrachtet, so haben wir nun einen alten Mann, Wilbur, der vor kurzem mit über 80 nach einem langen Leben gestorben ist und nun als Geist auf sein Leben zurückblickt.
Begleitet vom Geist einer ehemaligen Inhaberin eines Bücherladens, den er als Junge gerne besuchte, und die damals und auch jetzt eine Art Mentorinnenfunktion für ihn einnimmt, fährt der Geist von Wilbur mit einem Zug durch sein vergangenes Leben, kann so einiges im Schnelldurchlauf betrachtet und bei markanten Stationen aussteigen und Wendepunkte in seinem Leben näher betrachten.
Es ist auch eine schmerzhafte Reise für den Geist des alten Mannes, dem bewusst wird, wie viel an seinem Leben er bedauert und er gerne anders gemacht hätte. Wie er rückblickend Prioritäten anders setzen würde, weniger Wert auf Karriere, Status und Vermögen legen würde und mehr auf zwischenmenschliche Beziehungen, und bei vielem genauer hinschauen würde.
Insgesamt ist es ein langsam und gemütlich erzähltes Buch, das sich Zeit nimmt für Tiefsinnigkeit und ausführliche Dialoge zwischen den Personen. Es findet sich viel an Weisheit darin, die dazu einlädt, auch über das eigene Leben und die eigenen Prioritäten genauer ausführlicher nachzudenken.
Dem gedruckten Exemplar würde ich wohl volle fünf Sterne geben. In dieser Audio-Version des Argon-Verlages wurde das Audiobuch aber leider von einem Sprecher eingesprochen, dessen Sprechweise zumindest für mich den Hörgenuss ziemlich geschmälert hat. Insbesondere die diversen weiblichen Figuren werden mit einer Art männlicher Piepsstimme vorgetragen, die mich beim Zuhören sehr genervt hat und die ich als unauthentisch empfunden habe. Dafür in dieser Version einen Stern Abzug und meine Empfehlung an alle am Hörbuch Interessierten, vor dem endgültigen Kauf ausführlich reinzuhören und zu überlegen, ob einem persönlich dieser Sprecher zusagt oder man das Buch lieber in der gedruckten Version genießen möchte.
Miriam Carbe, geboren 1967, stammt aus einer Linie von intelligenten und selbstreflektierten Frauen, die alle Tagebuch geschrieben haben und von denen deshalb viel an schriftlichen Lebenserinnerungen erhalten ist. Basierend auf diesem Material hat sie einen berührenden, spannenden und auch zeitgeschichtlich äußerst interessanten autofiktionalen Roman geschrieben, der sich beginnend mit ihrer Urgroßmutter Margarethe über ihre Großmutter Marianne und ihre Mutter Monika bis zur Autorin selbst erstreckt. Erzählt wird weitgehend chronologisch, mit kleinen Einschüben in Form von Kurzkapiteln aus der heutigen Sicht der Autorin, in denen sie darauf eingeht, wie das Geschehene sie geprägt hat, sich bis heute auf sie auswirkt und sich in ihrem jetzigen Leben spiegelt.
Urgroßmutter Margarethe wächst als älteste von mehreren Töchtern in einem großbürgerlichen Haushalt auf, erst spät wird der erwünschte Sohn und Stammhalter geboren. Man lebt in einer Villa, kann sich von Dienstboten bedienen lassen und genießt das gute Leben, doch bald wird das Glück von den Ereignissen der Zeit, insbesondere vom 1. Weltkrieg, überschattet. Weiters gibt es diverse Beschränkungen des Zeitgeistes, ein Verehrer aus ursprünglich jüdischer, aber zum Protestantismus konvertierter Familie, der um Margarethes Hand anhält, wird von ihren Eltern brüsk abgelehnt. Und wo der Platz einer Tochter aus gutem Hause sein soll, ist gesellschaftlich auch ganz klar: unterstützend und liebend an der Seite ihres Ehemannes, die Kinder großziehend, aber auf keinen Fall einen Beruf ausübend. Dabei möchte Margarethe so gerne Kindergartenpädagogin werden und nach einigem Drängen erlauben ihr die Eltern auch die Ausbildung dazu, allerdings soll sie danach nur ehrenamtlich in diesem Bereich tätig sein, alles andere wäre nicht standesgemäß. Schließlich heiratet Margarethe und bekommt Tochter Marianne, doch bald muss ihr Mann und der Vater des Babys fort in den 1. Weltkrieg, aus dem er nicht lebend zurückkehren wird.
Margarethe ist also erst einmal auf sich allein gestellt, die Zeiten sind insgesamt herausfordernde und sie muss ihre durchaus vorhandene Geschäftstüchtigkeit einsetzen, um auch als Witwe den Wohlstand der Familie zu gewährleisten. Bald wird sie neu heiraten, doch der weit weniger geschäftsfähige neue Ehemann wird den sozialen Abstieg der Familie eher beschleunigen. In Zeiten von Weltwirtschaftskrise, hoher Inflation und verbreiteter Arbeitslosigkeit laufen die Massen in den 1930er Jahren in Deutschland bekanntlich in Scharen einem gefährlichen Verführer zu. Auch Tochter Marianne lässt sich von diesem und seinem Gedankengut stark beeinflussen, während Margarethe selbst kritisch und misstrauisch bleibt.
Wieder zu Kriegszeiten, diesmal gegen Ende des 2. Weltkrieges, bringt Marianne Tochter Monika auf die Welt. Der Vater, ein Jurist und Offizier im Dienste des Regimes, ist in den letzten Kriegstagen gefallen, und wieder muss eine Mutter ihre Tochter alleine aufziehen. Monika wiederum wächst in der langen Friedenszeit nach dem Ende des Krieges auf, ursprünglich in Ost- und dann in Westdeutschland, ist sehr intelligent, aber hat mit vielfältigen psychischen Problemen und einem niedrigen Selbstwert zu kämpfen. Sie ist es, die letztlich die Mutter der Autorin sein wird, heftig gegen bestehende Familiennormen rebelliert und gegen den Druck ihrer Mutter, die eine Abtreibung von ihr verlangt, die kleine Miriam, Tochter eines nigerianischen Vaters, der im Rahmen eines Entwicklungshilfeprogrammes als Student in Deutschland ist, auf die Welt bringt. Diese Miriam ist es, die uns die Geschichte erzählt, die Aufzeichnungen, Erzählungen und Erinnerungen ihrer Familiengeschichte aufgearbeitet, strukturiert und daraus diesen spannenden Roman gemacht hat. Über ihr Leben selbst erfahren wir aber nur am Rande etwas, im Zentrum der detaillierten Geschichten stehen klar die drei Vorfahrinnen.
Es ist ein Buch, das mit seinem Umfang von knapp 600 Seiten, dem langen Zeitraum, über den es sich erstreckt und der Detailgenauigkeit durchaus einiges an Lesezeit und Konzentration braucht. Ganz am Anfang hat es ein bisschen gedauert, bis mich die Geschichte wirklich gepackt hat, da mir insbesondere die Kindheit Margarethes etwas zu detailreich erzählt für meinen Geschmack vorkam. Das betraf aber wirklich nur die ersten paar dutzend Seiten, denn danach hat aber die sehr interessante Handlung an Fahrt aufgenommen und ich habe das Buch sehr gerne gelesen, habe mit den differenziert gezeichneten Figuren sehr mitgefühlt, mich für ihr weiteres Schicksal interessiert und mit viel Freude und Interesse bis zum Ende weitergelesen.
Auch die zeitgeschichtlichen Entwicklungen sind so fundiert beschrieben und dabei gleichzeitig interessant und figurennah erzählt, dass bestimmt viele Leserinnen und Leser - auch ich - so einiges aus den Erzählungen unserer eigenen Familiengeschichten wiedererkennen und gleichzeitig noch ein tiefer gehendes Verständnis für die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts entwickeln können. Ein weiteres zentrales Thema dieses Buches sind natürlich die diversen Mutter-Tochter-, aber auch Oma-Enkelin- bzw. sogar Uroma-Urenkelin-Beziehungen, die ebenfalls differenziert und psychologisch plausibel in ihrer Bandbreite und Entwicklung dargestellt sind.
Damit handelt es sich insgesamt um ein literarisch hochwertiges, sehr interessant erzähltes, spannendes Buch, das ich einer breiten Leserinnenschaft und jedenfalls allen, die sich für Familiengeschichten und/oder für Zeitgeschichte interessieren, sehr empfehlen kann!
Dieses Buch zu rezensieren fällt mir nicht leicht. Das hat wohl damit zu tun, dass es sich um ein komplexes, anspruchsvolles Werk handelt, das sich auch nicht unbedingt einheitlich liest. Auf den ersten etwa 200 Seiten hatte ich ein recht angenehmes Leseerlebnis: wir folgen der jungen Nora durch die Stationen ihres Lebens, angefangen in ihrer Kindheit, in der die ersten Grundsteine ihrer Liebe zu den literarischen Klassikern gelegt werden, über die Zeit als junge Lehramtsstudentin für Deutsch und Geschichte, die nebenbei in einem Archiv arbeitet, über erste Annäherungen zwischen ihr und ihrem auch dort arbeitenden promovierten Vorgesetzten Theseus, bis zur Zeit nach dem Studium, als sie als Lehrerin arbeitet, Theseus heiratet und einen Sohn bekommt. Ein "normales" Leben einer deutschen Frau aus der gebildeten Mittelschicht also.
Danach folgten etwa 100 Seiten, die für mich deutlich uninteressanter waren, weil sie sich in unzähligen kurzen Ausschnitten aus Lebensgeschichten verschiedener Figuren verlieren, denen Nora auf einer Bank einer Kuranstalt begegnet und die ihr, analog zu den Büchern die ihr Leben begleiten, kurz mehr oder weniger spannende Episoden aus dem eigenen Leben erzählen. Diese Menschen vergleicht sie mit den Büchern, die sie liest:
„Bei der fünften Kehre bog er nach links ab zum Haupthaus ohne einen weiteren Blick zur Bank. Trotzdem, Ebner, schön, dass du da warst, dachte ich. Schon der Umschlag dieses Buches hat mich inspiriert. Vielen Dank.“ (S. 265)
Gegen Ende wurde das Buch wieder interessanter für mich, als es wieder mehr um Nora selbst und ihr Leben ging.
Dabei ist aber die Frage, ob es dem Buch überhaupt anzulasten ist, dass dieser Zwischenteil für mich nicht so spannend zu lesen war. Das, was mich am meisten daran gestört hat, nämlich, dass mir all die geschilderten Figuren emotional überhaupt nicht nahegegangen sind, hat nämlich sehr viel mit der Persönlichkeit unserer Hauptperson Nora zu tun.
Nora ist eine zutiefst Intellektuelle, die es vor allem zur klassischen Literatur hinzieht. Zwar vergleicht sie diese ein bisschen mit ihrem Leben (weit weniger, als die Buchbeschreibung mich vermuten hätte lassen - ein weiterer Kritikpunkt), doch scheint es so, als ob ihr Klassiker umso lieber seien, je weiter diese zeitlich und inhaltlich von einem heutigen Leben in Mitteleuropa entfernt seien. Nicht nur kommt zeitgenössische Literatur, in der sich viele Perlen der Weisheit finden lassen könnten, so gut wie überhaupt nicht vor, auch bei den älteren Werken gehören die der Bronte-Schwestern noch zu den neueren Büchern, mit denen sich Nora neben hauptsächlich antiken philosophischen und literarischen Werken der alten Griechen, etwa Homers Odysseus, auseinandersetzt.
Diese Frau flieht also regelrecht emotional vor ihrem eigenen Leben in eine weit entfernte Vergangenheit und in die Intellektualität. Dazu passt auch ihre sonstige Herangehensweise an ihr eigenes Leben: sie wählt sich einen Partner, der ihr in dieser Hinsicht sehr ähnlich ist, und führt mit ihm eine distanzierte Ehe. Selbst die Beziehungspflege zu ihren eigenen Eltern (zu den Schwiegereltern sowieso) überlässt sie Mann und Sohn. Und erfährt sie in ihrer Tätigkeit als Lehrerin von Skandalen etwa um einen Kollegen, der sich schon lange an junge Schülerinnen ranmacht, scheint auch das sie eher intellektuell-forschend zu interessieren als emotional wirklich zu berühren, zumindest war das mein Leseeindruck. Eine andere als die rein intellektuelle Ebene kennt sie nur kaum und es kommt ihr nicht in den Sinn, zu hinterfragen, ob ihr vielleicht im emotionalen Bereich etwas fehlen könnte in ihrer Beziehungsgestaltung mit anderen Menschen:
„Es hatte eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet Tobi und Enni, die meinem pädagogischen Eifer am stärksten ausgesetzt gewesen waren, mein Bildungsangebot so komplett verworfen hatten. Was hatte ich falsch gemacht? Falls ich nichts falsch gemacht hatte, folgte daraus, dass Bildung für die meisten Menschen viel weniger attraktiv war als für mich.“ (S. 344)
Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Alltagsflucht dieser Protagonistin noch größer wird, als sie mit einer existenziell bedrohlichen Nierenerkrankung konfrontiert ist, dialysepflichtig wird, auf Rehabilitation fährt und dort eben auf besagter Parkbank sich die Geschichten irgendwelcher Menschen anhört. Die Geschichten berühren mich beim Lesen nicht, vielleicht als Spiegelung davon, dass auch diese Frau sich von nichts so wirklich berühren lassen will, zu groß muss wohl ihre Angst vor tiefgründigen Emotionen sein. Auch Entscheidungen in Bezug auf das Eingehen einer Partnerschaft trifft sie aus intellektuellen Überlegungen heraus:
„Das ist offenbar der Ernst des Lebens, dachte ich. Nein, ich dachte: das ist die Wucht der Existenz. Bisher war alles glänzend verlaufen: gefördert, gut ausgebildet, sinnvolle Arbeit, nette Kollegen. Irgendwie hatte ich angenommen, dass es allen so gehen würde, und merkte nun, dass Lehrer auch an diesem privilegierten Ort schlechte Ehen führten oder dem Alkohol verfielen und dass, noch schlimmer, Schüler nicht nur empfindlich und explosiv, sondern verzweifelt und gefährdet sein konnten; dass also, kurz gesagt, das Leben vertrackt war und Probleme bereitete, die nur mit großer Anstrengung zu lösen seien und dass man sie vermutlich leichter aushalten würde, wenn man nicht allein wäre.“ (S. 46)
Damit ist es zwar kein durchgängig leicht zu lesendes Werk, aber ein psychologisch hochspannendes Psychogramm einer Frau, die ihr ganzes Leben damit verbringt, andere Menschen auf Distanz zu sich zu halten und sich auch vor sich selbst und der Konfrontation mit emotional existenziellen Themen in möglichst abstrakte Intellektualität zu flüchten. Dabei ist sie durchaus eine interessante Frau mit spannenden Gedanken, die immer wieder doch vergnüglich zu lesen sind und nachdenklich machen, wie sich zum Beispiel hier zeigt, als sie anlässlich einer Klassenfahrt darüber nachdenkt, was wohl von ihren Erläuterungen bei ihren Schülerinnen und Schülern ankommt:
„Nichts bedeuteten ihnen die Begriffe „Aufklärung“ und „Säkularisation“. Ich nahm das gelassen. Dichtung verstehen sie schon in diesem Alter, denn Subjektivität, Gefühl und Fantasie erleben sie direkt; es scheint eine natürliche poetische Erregbarkeit zu geben, die leider selten die Jugend überlebt. Geschichte dagegen ist ein Fach für Erwachsene. Objektivität, Distanz, Übersicht erwirbt man, wenn überhaupt, erst jenseits des Abiturs. Ich hörte die Kids also im Bus hinter mir lärmen und rechnete mit einer mühseligen Partie.“ (S. 314)
Insgesamt ist es also ein höchst lehrreiches Werk darüber, was sich zwar einerseits auf intellektueller Ebene durch klassische Bildung gewinnen lässt, wie einseitig aber andererseits eine rein intellektuell ausgerichtete Bildung die Persönlichkeit prägen kann, wenn diese nicht gleichzeitig von einer Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen im ähnlichen Ausmaß begleitet wird.
Damit ist das Buch ein kluger Spiegel der Unzulänglichkeiten, mit denen ein klassisch geprägtes Bildungssystem bis heute in vielen Bereichen zu kämpfen hat und das dann Gefahr läuft, Akademikerinnen und Akademiker zu produzieren, die sich zwar für hochgebildet und intellektuell halten, aber kaum in Kontakt mit dem eigenen Herzen sind und denen es an ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung fehlt.
"Meine Berge bist du" von Francesco Vidotto ist eine sehr atmosphärisch erzählte, tragische Liebesgeschichte in den italienischen Dolomiten, die mich sprachlich und emotional sofort in ihren Bann gezogen hat. In der Gegenwart besucht der Ich-Erzähler Francesco immer wieder einen alten Mann aus seinem Heimatdorf, der die Briefe aufgehoben hat, die vor langer Zeit ein Onesto an die Berge geschrieben hat.
Es geht darin um seine tragische Liebe zur schönen Celeste, in die aber auch sein geliebter Zwillingsbruder Santo verliebt war und dem er diesbezüglich den Vortritt gelassen hat. Geboren wurden die beiden Brüder zur Zeit des ersten Weltkrieges, sind alleine bei der verwitweten Mutter aufgewachsen und haben den Vater nie kennen gelernt. Auch der zweite Weltkrieg wird ihr Leben prägen, so wie noch einige andere tragische Ereignisse.
Das Buch lebt von den Begegnungen der Menschen, oft ohne viele Worte, eingebettet in eine wunderschöne Berglandschaft, die sinnesnah beschrieben wird. Die Erzählweise passt zur geschilderten Umgebung, man wähnt sich beim Lesen selbst dort und kann tief in die Atmosphäre eintauchen: "Meter um Meter füllte sich der Himmel mit silbernen Strichen. Die leichten Tropfen bespielten die hölzernen und blechernen Dächer und Gauben, zuerst die weiter entfernten, dann die in der Nähe, in einem friedlichen Trommeln. Das Grün der Kiefern wurde dunkel, der Duft des Waldes intensiver. Zusammen mit dem einförmigen Klang stellte sich die Melancholie ein, die den Geist im Herbst befällt, wenn der Kreis des Lebens sich sanft schließt, um sich kurz darauf wieder zu öffnen." (S. 68 im E-Book)
Es ist ein ruhig erzähltes Buch und doch voll der tragischen Ereignisse in den Leben von Onesto, Santo und Celeste. Besonders ist die Perspektive der Briefe an die Berge, in denen auch die besondere Perspektive auf die Natur und eine tiefe Liebe zu ihr spürbar werden.
Außerdem möchte ich aber auch darauf aufmerksam machen, dass es einige sehr drastische Schilderungen von Gewalt an Tieren und Menschen in diesem Buch gibt, auf die mitfühlende Leserinnen und Leser vorbereitet sein sollten und die empathischen Menschen im Herzen weh tun können.
Abgesehen davon ist es aber ein großartiges, atmosphärisches und emotional lange nachhallendes Buch, das ich allen, die sich für Naturbeschreibungen und tragische Liebesgeschichten interessieren, sehr empfehlen kann.
Es sind die 1990er Jahre, als der 22-jährige Cal nach seinem Kunststudium in der Großstadt und erfolgloser Jobsuche, pleite und obdachlos, aufgrund eines Anrufes seines Vaters, dass die älter werdende Großmutter Unterstützung brauche, in seine Heimat auf die schottische Hebrideninsel Harris zurückkehrt. Auf Harris ist die Familie in eine sehr strenggläubige christliche Gemeinde eingebunden, Vater John hat dort eine wichtige Rolle inne und auch von Cal wird erwartet, sich in der Gemeinde einzubringen und sich vor allem ihren unerbittlichen Regeln insbesondere in Bezug auf Sexualität und Sexualmoral zu unterwerfen.
Abweichendes Verhalten ist nicht vorgesehen und wird verdammt, und besonders verdammenswert sind für diese Gemeinde jene, die „bei einem Mann liegen wie bei einer Frau“, denn das sei, in Bezug auf einzelne Bibelstellen, die für diese Gemeinde sehr viel Bedeutung haben, „dem Herren ein Gräuel“.
Nun, das ist ein großes Problem für Cal, denn Cal ist schwul und das darf hier auf Harris erst einmal keiner wissen, schon gar nicht sein strenger Vater:
„In der Vordertasche steckte eine kostenlose Schwulenzeitschrift – keine Ahnung, warum er sie noch hatte – doch, als er sich nach einem Mülleimer umsah, bekam er Angst, dass der Wind sie aufwirbeln und über die Insel wehen könnte. Er faltete die Zeitung klein und schob sie ins Futter seines Rucksacks, weil er zu dem Schluss kam, dass es sicherer wäre, sie später zu Hause zu verbrennen. Am Ende stopfte er seine schmutzige Wäsche in den Rucksack und krönte das Ganze stolz mit der alten Bibel seiner Mutter.“ (S. 25)
Die Jahre des Studiums fernab der Insel waren eine Zeit der Freiheit und Selbsterkundung für ihn, doch wie soll Cal nun damit umgehen, dass er nun einmal ist, wie er ist, und auch gerne entsprechend leben würde (aber wie einen schwulen Partner finden auf einer Insel, auf der sich kaum jemand dazu zu bekennen traut?).
Außerdem hat Cal eine herausfordernde Beziehung zu seinem Vater John, der ihn zwar auf eine konservativ-verquere Art zu lieben meint, seine künstlerischen Talente sieht und wertschätzt, aber große Angst davor hat, der Sohn könnte mit seinem abweichenden Äußeren und Verhalten zu negativ auffallen und deshalb mit unerbittlicher Strenge gegen jedes abweichende Verhalten des Sohnes vorgeht:
„John hatte einen Jungen, der mit einer Gabe gesegnet war, und das Beste daran war, er hatte eine Gabe für alles, was mit Stoff zu tun hatte, was John das Gefühl gab, sein eigenes Leben wäre keine Verschwendung gewesen. Aber Dundee, Glasgow und Edinburgh stießen bei ihm auf Widerstand. Als Presbyterianer hatte John Macleod zwar eine Hochachtung vor Bildung, aber das College-Leben barg so viel Unbekanntes, und Kunsthochschulen hatten ein Image, das bei ihm moralische Panik auslöste.“ (S. 51)
„Geh nicht zum Inn“, John klopfte auf den Tisch, um Cal zur Aufmerksamkeit zu rufen. „Ich will, dass du mit uns betest. Du bist auf Abwege geraten.“ (S. 79)
Wenn Cal sich den unerbittlichen religiösen Regeln nicht genug unterwirft, beispielsweise, indem er sich nicht so kleidet und die Haare schneidet, wie es von einem „richtigen Mann“ in dieser Gemeinde erwartet wird, kommt es auch schon mal zu brutaler Gewalt des Vaters gegenüber dem erwachsenen Sohn, die letzterer erst einmal unterwürfig über sich ergehen lässt, allerdings später heimlich rebelliert.
Es ist eine tragische Vater-Sohn-Beziehung, die im Zentrum dieses Romans steht. So viel Entfremdung und Gewalt bei zwei Menschen, die sich eigentlich nahestehen könnten und sich auf irgendeine Weise auch lieben.
Aber das ist bei weitem nicht die einzige tragische Beziehung in diesem Roman. Denn, wie wir bald erfahren, ist auch John selbst im Geheimen homosexuell und führt seit langem eine vor allen verborgene Beziehung mit seinem Geliebten Innes, während er nach außen hin den sittenstrengen Vater und glaubensstarken Mann gibt:
„Damals hatte John sich regelmäßig davongestohlen, und für Innes war es ein Fest. Sie unternahmen mit den Hunden unnötig lange Wanderungen, bis sie irgendwo in den Bergen eine Senke fanden, eine trockene Stelle, wo sie vor den Augen der Nachbarn verborgen waren. Die Landschaft war so karg, dass es nicht leicht war, ein Versteck zu finden, aber über die Jahre hatten sie die Orte im Kopf kartiert, an denen sie zusammen sein konnten, und sie erkannten sie an den Blumen, die dort wuchsen, oder an der Felsformation, unter der sie verborgen waren.“ (S. 238)
Im Zentrum der Geschichte stehen also klar diese drei Männer: Cal, John und Innes, doch auch einige sehr interessante Frauen kommen vor und haben durchaus wichtige Rollen in diesem Roman: da ist die nach außen hin duldsame und anpassungsfähige, doch innerlich doch so mutige und clevere Großmutter Ella, Schwiegermutter von John und Oma von Cal, die sich entschieden hat, mit ihrem Schwiegersohn und Enkel zu leben, als ihre Tochter Grace die Familie verlassen hat.
Grace, die in einiger Entfernung mit einem anderen Mann weitere Kinder bekommen hat und vor allen als die böse Ehebrecherin dasteht, die ihren kleinen Sohn zurückgelassen hat, doch ist es wirklich so leicht? Oder auch Isla, eine Jugendfreundin von Cal, blitzgescheit und mit viel Potential, und doch auch selbst mit den Einschränkungen und Rollenbildern der Insel ihre Schwierigkeiten habend.
Das Buch liest sich durchaus angenehm, flüssig und unterhaltsam, die Handlung ist sehr dialoggetrieben, es wird viel miteinander gesprochen und doch oft so wenig wirklich gesagt.
Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Entfremdung darzustellen, die sich in zwischenmenschliche Beziehungen einschleichen muss, wenn konservative moralische Normen so rigide und verurteilend sind, dass es nicht mehr möglich ist, so zu leben und sich zu zeigen, wie es der eigenen Identität und dem eigenen Empfinden entspricht.
Dadurch ist es ein aufrüttelndes Buch, das Empathie insbesondere mit queeren Menschen fördert, aber auch mit sonst allen, die nicht in die starren Raster sehr konservativ verstandener Religiosität passen.
Der Autor Douglas Stuart ist selbst mit einem Mann verheiratet und alle seine bisher veröffentlichten Bücher scheinen mit dem Thema Homosexualität zu tun zu haben. Man merkt, dass er weiß, wovon er schreibt. Auch handwerklich ist es ein sehr gutes Buch und atmosphärisch bekommt man viel vom Leben in den 1990ern Jahren auf den Hebriden-Inseln mit, die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander in diesem Umfeld sind tiefgründig, vielschichtig und authentisch dargestellt.
Für mich war es das erste Buch dieses Autors, doch nun bin ich neugierig auf seine anderen Bücher geworden, denn es gefällt mir sehr, wie authentisch, vielschichtig und empathisch er auch Lesenden, für die das Thema vielleicht nicht so nahe an der eigenen Lebenswelt ist, einen literarischen Zugang dazu schafft. Empfehlen kann ich es allen, die sich für ein oft auch traurig machendes, aber dabei tiefgründiges und auf jeden Fall sehr nachdenklich stimmendes Buch zu den Themen Homosexualität, Identität, Vater-Sohn-Beziehung und Zu-sich-selbst-stehen interessieren.
"Weltenwechsel" ist das Debüt der afrodeutschen Literaturwissenschaftlerin Marion Kraft, das sie mit 79 Jahren veröffentlicht hat und autobiografische Anteile hat. Allein diese Tatsachen verdienen Respekt.
In der autofiktionalen Erzählung geht es um drei starke Frauen einer ungewöhnlichen Familie: die Großmutter Berta, die sich nach dem Krieg entschlossen von ihrem mit den Nazis sympathisierenden Ehemann trennt und mutig ihre Tochter unterstützt. Tochter Margarete, die sich direkt nach dem 2. Weltkrieg in einen dunkelhäutigen amerikanischen GI verliebt und mit ihm die kleine Julia bekommt. Und schließlich Julia, Enkelin von Berta und Tochter von Margarete und Robert, die es als Kind mit etwas dunklerer Hautfarbe im rassistischen Nachkriegsdeutschland gar nicht leicht mit dem Aufwachsen hat.
Es ist eine berührende Geschichte, die hier erzählt wird, und ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, also insofern ein sehr wichtiges Buch. Die Erzählweise habe ich als eher distanziert wahrgenommen, sodass ich mich den meisten Figuren nicht sehr nahe gefühlt habe und sie auch literarisch nicht ausführlich charakterisiert gefunden haben.
Das Buch lebt weniger von der Tiefencharakteristik der Figuren als von der insgesamt interessanten Geschichte, in der viele Ereignisse und Begegnungen erzählt werden. Persönlich habe ich tiefen Respekt vor dem Lebenslauf der Autorin und vor ihrem Debüt. Die Botschaft, die für Rassismus sensibilisiert, ist ebenfalls eine sehr wichtige. Literarisch ist eventuell das eine oder andere noch ein bisschen ausbaubar.
Ein Hörbuch, das es schafft, über fast 12 Stunden Audiozeit durchgehend spannend und unterhaltsam zu sein - das ist schon etwas Seltenes und ganz Besonderes. "Im Schein von Gold und Feuer" schafft dieses Kunststück, denn es handelt sich um ein Buch, das von der Autorin Eleanor Barraclough äußerst unterhaltsam und zugleich fundiert, differenziert, tiefgründig und auf historischen Quellen basierend verfasst wurde und von der sehr sympathischen und talentierten Sprecherin Sandra Voss sehr nuanciert, abwechslungsreich und höchst empathisch vorgetragen wird: ein wahrer Genuss, bei dem man gleichzeitig noch viel über die Wikingerzeit lernt!
Mein Bild von den mutigen, unerschrockenen, kämpferischen Menschen aus dem Norden, die auf ihren Schiffen loszogen, um fremde Gebiete zu erobern, wurde durch dieses Hörbuch stark erweitert und differenziert. Besonders gut gefallen hat mir, dass das Hörbuch nicht nur einseitig die kämpfenden Männer porträtiert, sondern es geht auch sehr viel um die gesamte Bevölkerung aus dem Norden (und aus den Ländern, auf die sie Einfluss hatten): auch um gebärende Frauen, Kinder, alte Menschen, Gefangene und Versklavte, Kranke,... und auch um die allgemeinen Herausforderungen, die kalten Winter in die Heimat oder auch die Gefahren in den neu eroberten Gebieten zu überstehen.
Sehr interessant ist auch die Einteilung der Kapitel: es geht beispielsweise um Themen wie "Liebe", "Körper", "Glaube", "Spielen", Zuhause" oder "Unfreiheit" und ihre vielen Facetten in der Wikingerzeit. Dabei habe ich viele interessante Details gelernt: etwa über die altnordische Mythologie, die auch Jahrhunderte nach der offiziellen Bekehrung zum Christentum in vielem noch sichtbar ist, über die Bedeutung des Spielens auch schon vor vielen Jahrhunderten, über alte Lieder und Sagen, Liebe und Enttäuschung, und über einen unerschütterlichen Überlebenswillen.
Auch in Bezug auf seine historische und wissenschaftliche Qualität wirkt das Hörbuch auf mich sehr hochwertig: es wird immer wieder hinterfragt, was wir aus welchen erhaltenen Quellen plausibel und mit einiger Wahrscheinlichkeit schließen können, wo wir höchstens vage Vermutungen anstellen können und welche Bereiche eher im Dunkeln bleiben, weil hier zu wenig erhalten bleibt. Auch die Außensichten auf die Wikinger von Seiten christlicher oder islamischer Reisender werden durchaus kritisch hinterfragt.
In Summe ist es ein höchst unterhaltsames und interessantes Hörbuch, bei dem ich auf spielerische Weise wie nebenbei sehr viel gelernt habe und das ich allen an Geschichte interessierten Menschen nur wärmstens empfehlen kann!