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Die Dame hinter dem Vorhang

Roman

von Veronika Peters

E-Book (EPUB)
288 Seiten
Sprache Deutsch
2019 Wunderraum
ISBN 978-3-641-24667-9
KNV-Titelnr.: 76890952

Kurztext / Annotation

Welch ein Abenteuer! An einem Maimorgen im Jahr 1927 verlässt Jane Banister, Enkelin des Gärtners auf Gut Renishaw, den Landsitz der Sitwells. Sie geht nach London, um in den Dienst von Edith Sitwell zu treten, der ungeliebten Tochter des Hauses. Jane hat schon einiges über die exzentrische Dichterin und deren einflussreichen Freundeskreis gehört. Edith gibt in der Hauptstadt Soireen, liebt große Auftritte und hat sogar Kontakte ins Königshaus. Schon bald wird Jane an Ediths Seite die Metropolen der Welt bereisen. Doch als Ediths Vertraute lernt Jane auch die Dame hinter dem Vorhang kennen und den Preis, den das unangepasste Leben fordert.
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Veronika Peters, geboren 1966 in Gießen, verbrachte ihre Kindheit in Deutschland und Afrika. Im Alter von 15 Jahren verließ sie ihr Elternhaus, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und absolvierte eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie arbeitete in einem psychiatrischen Jugendheim, bis sie Ende 1987 für zwölf Jahre aus dem sogenannten bürgerlichen Leben ausstieg und in eine Benediktinerinnenabtei eintrat. Von der Zeit, die sie dort lebte, handelt die autobiographische Erzählung "Was in zwei Koffer passt" (2007). Es folgten die Romane "An Paris hat niemand gedacht" (2009), "Das Meer in Gold und Grau" (2011), "Die Liebe in Grenzen" (2013) und "Aller Anfang fällt vom Himmel" (2015). In ihrem neuesten Roman "Die Dame hinter dem Vorhang" setzt sie der englischen Exzentrikerin Edith Sitwell ein Denkmal.
Veronika Peters ist verheiratet mit dem Schriftsteller Christoph Peters, hat eine Tochter und lebt als freie Autorin in Berlin.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Textauszug

2
Ein schönes Kind

An einem milden Spätsommerabend im Jahr 1887 saß die fünfjährige Emma Banister, die dann später meine Mutter wurde, vor einem dampfenden Teller Sheperd's Pie im Gärtnercottage von Renishaw und hörte gebannt einer Unterhaltung ihrer Eltern zu.

Emma Banisters Mutter Alice, meine künftige Großmutter, war vor ihrer Hochzeit mit Victor Banister, dem obersten Gärtner auf Renishaw, mehrere Jahre als Küchenmagd im Haupthaus tätig gewesen und half dort gelegentlich aus, seit Emma entwöhnt war. So hatte sie nachmittags beim Apfelgelee-Einkochen erfahren, dass die junge Gutsherrin Lady Ida in Scarborough, im Haus ihrer Schwiegermutter, ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht hatte, das auf den Namen Edith Louisa getauft worden war.

"Da hat sie doch tatsächlich einmal etwas leisten müssen, die feine Dame. Bei Presswehen zeigt sich, dass die Natur keine Stände kennt."

Victor ignorierte den giftigen Kommentar seiner Frau und bestand darauf, das Glas zu Ehren des jungen Paars und seiner Erstgeborenen zu erheben: "Auf Sir George, Lady Ida und die kleine Edith Louisa. Möge ihr Leben reich gesegnet sein, und möge bald ein männlicher Erbe das Glück der Familie vollkommen machen!"

"Pah!", schnaubte Alice und blieb für den Rest der Mahlzeit untypisch einsilbig.

Emma machte einen Versuch, das Gespräch wieder in Gang und in die von ihr gewünschte Richtung zu bringen: "Wann werden sie denn mit dem Kind zurück nach Renishaw kommen?"

Alice zuckte mit den Schultern. Victor fragte: "Warum möchtest du das wissen, Emma?"

"Einfach so", antwortete Emma, obwohl es gelogen war.

Wovon Alice und Victor nämlich keine Ahnung hatten: Emma kannte die junge Gutsherrin persönlich und pflegte eine verschwiegene, aber nichtsdestoweniger glühende Kinderschwärmerei für sie. Auch wenn sich diese Verehrung wenig später ins Gegenteil verkehren sollte, konnte meine Mutter noch fünfzig Jahre danach von ihrer ersten Begegnung mit Lady Ida erzählen, als sei es erst gestern gewesen.

An jenem Morgen war Alice Banister mit einer fiebrigen Erkältung im Bett geblieben, und Victor hatte die kleine Emma mit zur Arbeit genommen, damit seine Frau etwas Ruhe bekam.

"Warte kurz, bis ich James erklärt habe, was er mit den Rosen machen soll, dann gehen wir zu den Obstbäumen", hatte Victor Emma angewiesen, als die beiden bei den Treibhäusern angekommen waren. Emma kletterte auf ein niedriges altes Mäuerchen neben dem Eingang, ließ ihre Beine baumeln und vertrieb sich die Zeit damit, in die Wolken zu schauen.

Nach einigen Minuten kam Victor aus dem Treibhaus zurück und erklärte Emma, dass er, wenn er die Gloria Dei so behandelt sehen wolle, wie er es für richtig hielt, seinen Gehilfen James bei der Arbeit beaufsichtigen müsse. Es würde also noch dauern, bis sie weiterkönnten.

"Willst du nicht lieber solange mit reinkommen?"

"Nein!", rief Emma trotzig. Sie mochte die stickige Luft in den Treibhäusern nicht und ärgerte sich, dass ihr Vater das vergessen hatte.

"Du wirst dich langweilen, so alleine."

"Kann ich im Garten herumlaufen? Dann langweile ich mich nicht."

"Aber geh nur so weit, dass du die Glashäuser noch sehen kannst, und pass auf, dass du dem See nicht zu nahe kommst!"

Emma versprach, brav und vorsichtig zu sein, und hüpfte fröhlich singend davon. Bei den Kräuterbeeten balancierte sie über die Einfassung, dann lief sie über die Grünfläche vom weißen Garten in den blauen Garten, wo im Sommer alles voller Schlüsselblumen war. Sie gelangte zu der Wiese mit dem kleinen Pavillon, der sie mit seinen kreisförmig angeordneten Säulen und der halbnackten Steinfrau in der Mitte an ein Bild aus ihrem Märchenbuch erinnerte. Zunächst dachte sie darüber nach, sich in den Pavillon zu setzen und entführte Prinzessin zu spielen, entschied sich dann aber dafür, den kleinen Wald hinter der Wiese zu erforschen, der so verwunsch