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Der Hamlet und die Schokolinse: Vom Kindsein und Schreiben

von Bernd Mannhardt

E-Book (EPUB)
146 Seiten
Sprache Deutsch
2019 Schardt Verlag
ISBN 978-3-96152-226-2
KNV-Titelnr.: 79951930

Kurztext / Annotation

Als Dreikäsehoch wird Mannhardt oft bei den Großeltern geparkt, die im Neuköllner Kiez wohnen. Von ebendort schwärmt er nun gedanklich aus zu Stationen seines Lebens, die für die spätere Schriftstellerei prägend sind.
Herausgekommen sind Geschichten, die vom "erzählenden Ursatz" des Kindes über die "Brachial-Lyrik" des Schülers bis hin zu den "launigen Kriminalromanen" des Erwachsenen reichen. Die Gedanken laufen dabei über einen Querfeldein-Parcours: Kein Weg der Erinnerung ist geradlinig im Niemandsland zwischen Wahrheit
und Dichtung.

Beschreibung für Leser

Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Textauszug

Der Nachttopf und das Tierkreiszeichen

Weil ich mich an das Folgende recht gut erinnern kann, wage ich zu behaupten, drei oder möglicherweise sogar schon vier Jahre alt gewesen zu sein. Denn wäre ich jünger gewesen, dann könnte ich mich, wie wir schon erfahren haben, wegen kindlicher Umnachtung wohl nicht so gut daran erinnern.

Es war ein ganz anderer Tag als jener, von dem im ersten Kapitel die Rede war. Dennoch stand Großmutter, in ihre mit Blümchen verzierte Kittelschürze gewandet, an dem mit Holzscheiten befeuerten Kachelherd. Sie setzte einen Eintopf an, während ich zwei oder drei Meter daneben saß - auf dem Nachttopf. Wie ebenfalls schon erwähnt, befand sich das Klo auf halber Treppe im Hausflur, aber für ein kleines Geschäft durfte es schon auch mal in der Küche gehen, jedenfalls für mich, den Knirps. Wenn Großvater für sich dieses Recht, genauer gesagt das Spülbecken, in Anspruch nehmen wollte, weil er zu faul war, die halbe Treppe zu nehmen, stieg ihm Großmutter regelmäßig aufs Dach. Auch dieser eigentümliche Vorgang wurde schon geschildert.

"Du weißt, wo's langgeht", sagte sie dann oft, "vergiss den Schlüssel nicht!"

Ich erinnere aber nicht nur, dass ich auf dem Nachttopf saß, sondern auch, dass Mutter zugegen war und am Küchentisch Platz genommen hatte. Demnach könnte es ein Freitag gewesen sein, denn freitags brachte mich Mutter immer bei den Großeltern vorbei. Es könnte aber auch ein Sonntag gewesen sein, denn am Sonntag wurde ich immer abgeholt. Wie auch immer - Mutter blätterte in der selbsternannten "größten Zeitung Berlins", der B.Z., und just in diesem Moment vollzog ich den Übergang von der sogenannten analen zur sogenannten phallischen Phase: Auf dem Nachttopf sitzend erwischte mich nichts Geringeres als der Ödipuskomplex.

"Mutti!"

"Ja?"

"Wenn ich groß bin, heirate ich dich!"

Wenn ich Freud, von dem ich zwei, drei Aufsätze gelesen habe, richtig verstehe, dann hatte ich unbewusst, aber zweifelsfrei damit begonnen, meinen Vater in Sachen Gunst der Mutter als Konkurrenten wahrzunehmen. Sigmunds Lehre zufolge bekämpfte ich von nun an meine "Kastrationsangst", was die blanke Furcht meint, dass mein Vater mir Mutter stibitzen könnte. Auch das ist aber, bitteschön, nicht als Individualproblem meinerseits zu deuten, sondern im maskulinen Geschlecht nach Freud eben so und nicht anders angelegt.

Ich eiferte also Vater nach. Tatsächlich? Hm. Rückblickend vermute ich, dass meine Vision, Mutter zu heiraten, nicht nur darauf abgezielt haben könnte, es meinem Vater gleichzutun, sondern vielleicht eher darauf, sie ihm auszuspannen. Wäre das eigentlich noch vom Freud'schen Ödipus gedeckt? - Wie dem auch sei, diese Verbalisierung war jedenfalls an und für sich genommen eine kleine Sensation, denn bis dahin war ich ein eher zurückhaltender, treffender formuliert ein schüchterner und leicht zu verunsichernder Knabe gewesen.

Ich machte den Eindruck, als bedrücke mich die Ungewissheit, warum und wofür ich ins Leben geworfen wurde. Dazu hatte ich weder eine Meinung noch ein rechtes Gespür und folglich nichts zu sagen - ich schwieg, und zwar nicht nur dazu. Von selbst mit der Welt um mich herum in Kontakt zu treten, war einfach nicht mein Ding, ach, was sage ich, sie war mir ausgesprochen unangenehm, diese verbale Kommunikation mit einem Gegenüber. Aber muss das verwundern? Wenig, wenn wir berücksichtigen, welches Tierkreiszeichen das meine ist: Krebs!

Nach einer bestimmten astrologischen Sichtweise war ich insofern vorbelastet, als der Krebs mit der Herkules-Sage in der griechischen Mythologie verbunden ist. Sie wissen schon: Herkules war dieser ungewöhnlich starke Mann, der wie ein Gott verehrt und schließlich auch in den Olymp aufgenommen wurde. In der Herkules-Fiktion bekommt der Krebs vom Titelhelden einen Schuss vor den Bug, von dem er sich nicht mehr erholt. Für das nonfiktionale Leben bedeutet das, wenn man der A